»Sie häuten die Menschen«

»Haben die überhaupt einen Grund? Für ihr Handeln? Haben die ein Ziel? Eine Ideologie? Wahrscheinlich nicht. Jahrhundertelang sind die am Dahinvegetieren, nur um jetzt wieder aktiv zu werden. Achtzig Millionen bewegen sich plötzlich wie eine Flut. Ist schon krass. Und ich darf dabei sein. Ich darf dabei sein, wenn die Geschichte lebt. Ist das nicht geil?«

Die Stimmung hier ist erstaunlich ausgelassen, man kann schon fast von Heiterkeit sprechen. Ich fühle mich wie auf einem Fest, einem Basar, einem Jahrmarkt. Die Menschen grölen wild durcheinander im Versuch, sich zu übertönen. Lachende Gesichter. Die Stände sind vollgepackt mit Waren. Überall Musikanten und Entertainer, manche solo, manche als Band. Unzählige Volks- und Poplieder tönen aus den verschiedensten Ecken. Trotz des dichten Gedränges wird niemand geschubst oder angeschnauzt. Die meisten Stände werden von Einheimischen betrieben. Der Großteil der Besucher besteht aus Touristen aller möglicher Länder. Ich sehe kleine Kinder, die im Fangspiel wild umherlaufen. Irgendjemand neben mir preist eine Speise an, die momentan der absolute Renner ist: »Jetzt im Angebot! Kauf eine, krieg eine! Feinste Honigtausuppe! Nur zehn Euronen die Schüssel! Kauft sie, solange sie noch kalt ist!« Ein Gaukler spuckt Flammen, ein anderer jongliert Messer. Die Leute klatschen begeistert. Über uns höre ich ein Flugzeug fliegen. Nur wenige Meter vom Getümmel und den Ständen entfernt steht eine fünf Meter hohe Palisade, die sich über mehrere Kilometer erstreckt – bestehend aus Stacheldraht, Brettern, Widerhaken. Und Speere, auf denen Köpfe aufgespießt wurden. Die Münder weit aufgerissen in Schock und Terror.

Vor einigen Wochen fand das wahrscheinlich größte politische Ereignis der letzten Jahre statt. Das geheimnisvolle Land Dorylus, bevölkert ausschließlich von den ebenso geheimnisvollen Doryloiden, erlebte einen revolutionären Umbruch durch die Machtergreifung von Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre, der das isolationistische Volk in ein expansionistisches transformierte. Er mobilisierte Millionen von Doryloiden für einen »Marsch nach Norden«. Ideologische Gründe gab er nicht an. Versuche von Journalisten, eine Mitteilung aus ihm herauszubekommen, oder ihn dazu zu bewegen, eine Konferenz zu veranlassen, haben sich als fruchtlos erwiesen. Bisher hat seine Armee, wohlgemerkt die bis dato größte Streitkraft der Geschichte (ca. achtzig Millionen aktive Soldaten), fünfzehn Nationen ausradiert. Ein Pressesprecher der Vereinten Nationen erklärte hinsichtlich der bisher unaufhaltsam marschierenden Doryloiden, dass die UN die Lage »sehr genau beobachten« wird. Es ist bereits in Planung, ein Komitee zu gründen, dass die sehr genaue Beobachtung der Situation vornehmen soll.

US-Präsident James Pierpont Washington sagte, dass es »keinen Grund zur Sorge« gäbe. Er »kenne Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre«, er sei ein »großartiger Kerl, wirklich großartig, wahrscheinlich der großartigste, den ich kenne. Er lässt sich von niemanden etwas sagen. Welch Stärke. Welch Entschlossenheit. Ich kenne ihn persönlich. Noch nie sah ich jemanden, der so großartig ist. Ich sage den Leuten immer: Dieser Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre – ein Teufelskerl, wahnsinnig. Was der alles geschafft hat. Schaut ihn euch an. Mordskerl. Großartig. Fünfzehn Länder? Ich wette, er schafft sogar das Doppelte. Dieser Teufelskerl lässt diesen einen Mongolenführer, wie hieß er doch gleich? … Ihr wisst schon, dieser Mongolenführer. Wir alle kennen ihn. Wir alle lieben ihn. Auch ein großartiger Kerl. Ein starker Anführer. Aber nicht so großartig und so stark wie Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre. Ich sag immer: ›Krek, mein Freund, du musst mal einen Gang herunterfahren, die Leute kommen gar nicht hinterher, all deine großartigen Taten aufzuschreiben.‹ Was für ein Kerl, was für ein Monster. Solche Leute brauchen wir in Amerika. Mit solchem Tatendrang. Was könnten wir dann alles erreichen?« Auf die Frage hin, ob die Vereinigten Staaten etwas gegen den anhaltenden Marsch unternehmen werden, gab das Weiße Haus keine Antwort.

Die Europäische Union sah sich angesichts der massiven Armee, die an der afrikanischen Küste des Mittelmeers lagert, sehr besorgt. Ein Verantwortlicher teilte mir mit, dass die EU »die Lage sehr genau beobachten« wird. Sollten die Doryloiden es tatsächlich schaffen, das Meer zu überqueren und in europäisches Kerngebiet einzudringen, wird die Union »entschieden darauf reagieren und angemessene Maßnahmen einleiten.«

Ich komme ins Gespräch mit einem der Händler, der sich hinter dem Stacheldrahtzaun niedergelassen hat. Er verkauft selbstgemachte Backwaren und Schaschlikspieße. Völlig unbeeindruckt von der wartenden Armee hinter seinem Rücken, lächelt er mich an.

»Das ist das Beste, was mir passieren konnte«, erklärt er. »An einen einzigen Tag erziele ich hier mehr Einnahmen als bei mir zuhause im gesamten Monat. Ich werde hier zwar nicht reich, aber ich komme über die Runden. Meine Familie kann sich vernünftiges Essen leisten, ich kann meine Kinder auf eine gute Schule schicken. Von mir aus können die Doryloiden hier ewig kampieren. All die Touristen, Journalisten und Gelehrte, die hierherkommen, spülen ordentlich Geld in meine Kassen. Man kann schließlich nicht auf leeren Magen gaffen. Besonders diese, wie nennt man die nochmal, diese Dark Tourists haben einen gewaltigen Appetit. Ich kenne einen, der kommt mindestens viermal am Tag vorbei. Der Nervenkitzel muss ziemlich anstrengend sein.« Das Fleisch brutzelt auf dem Grill. Es riecht schon verdammt köstlich. »Ich könnte das nicht. Mir reicht es aus, hier zu stehen und meine Waren zu verkaufen. Meine Kontakte zu den Doryloiden halte ich auf ein Mindestmaß.«

»Sie haben Kontakt zu ihnen?«, hake ich nach.

»Ja ja, ab und an. Manchmal bringe ich ihnen übriggebliebenes rohes Fleisch. Sie geben mir kein Geld dafür, ich bezweifle, dass sie ein Verständnis davon haben, aber ich verlange auch keins. Ich gebe ihnen einfach das Fleisch, vielleicht verschonen sie mich dann.« Er lacht nervös. »Es ist schon merkwürdig, sehr merkwürdig. Wenn ich hier stehe, habe ich keinerlei Angst, aber sobald ich ihr Lager betrete … dann stellen sich mir die Nackenhaare auf, verstehen Sie? Wenn einen so tausende Augen betrachten … Ich versuche auch, zu ignorieren, was sich links und rechts von mir befindet … Ich sehe das gar nicht, ich will das gar nicht sehen, gar nicht erst verarbeiten. Solche Sachen muss man einfach ignorieren, ansonsten funktioniert hier nichts. Wenn ich erst darüber nachdenke, was hinter dieser Mauer passiert, dann könnte ich nicht ruhig meine Sachen verkaufen. Alles ausblenden, alles ignorieren.« Der Händler schaut nach hinten, betrachtet den kruden Zaun. »Sobald sie weiterziehen, packe ich meine Sachen. Ich habe genug verdient. Ich möchte nicht dabei sein, wenn die Armee weitermarschiert.«

Ich traf einen anderen Händler – dieser hatte sich auf Metallanfertigungen spezialisiert. Ursprünglich war er der Schmied in seinem Dorf, der sich um Hufeisen kümmerte, doch die Ankunft der Doryloiden katapultierte ihn in neue Gebiete. Früher nannte er nur einen klapprigen, rostigen Karren und ein abgemagertes Pferd sein Eigen, heute besitzt er einen Kleintransporter. Während unseres Gesprächs raucht er eine selbstgedrehte Zigarette.

»Manche nennen mich einen Verräter. Manche einen Kriegsprofiteur. Andere einen Aasgeier. Auf jeden Fall sind die Menschen wütend, wenn sie über mich reden. Aber was soll man machen? Ein Mann muss essen. Ein Mann muss leben. Ich könnte bis ans Ende meiner Tage Hufeisen schmieden … oder ich bring den Doryloiden Schwerter, Messer, Rüstungen und Äxte. Und sie geben mir im Gegenzug alles Mögliche: Gold, Rubine, Diamanten, Smaragde. Alles, was sie auf ihren Raubzügen in die Klauen bekommen.«

»Glauben Sie, dass die Doryloiden das Prinzip von Währung und Warentausch verstehen?«

»Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Ich bring ihnen eine Lieferung und sie geben mir eine Kiste mit Wertsachen. Ich glaube, sie verstehen es schon, aber Gold und Edelsteine haben für sie selbst keinen Wert. Aber sie haben verstanden, dass sie für uns Wert haben.«

»Handeln Sie im Auftrag der Doryloiden?«

Er schüttelt mit dem Kopf. »Nein, ich habe einfach nur eine gute Geschäftsmöglichkeit erkannt und zugeschlagen. Bei Gott, ich bin nicht der Erste, der diese Idee hatte … und ich bin auch nicht der Letzte. Es gibt Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Leuten wie mir. Sie alle beliefern die Doryloiden. Ich kenne einen, der folgt ihren Raubzügen seit Wochen. Wo immer die Armee auftaucht, ist er auch da und beliefert sie mit Eisen. So weit würde ich persönlich nicht gehen. Ich mache hier nur meinen Profit und verschwinde dann wieder.«

»Glauben Sie, der Handel mit den Doryloiden schützt einen?«

Der Schmied schaut zum Boden. Er lässt die Zigarette fallen und tritt sie aus. »Nur Narren glauben das, reden sich das sein. Aber seien wir mal ehrlich, den Doryloiden ist es egal, wem sie vor sich haben. Die reißen einem den Schädel ab. Da machen die keinen Unterschied. Machen wir uns nichts vor: Sie sind immer noch Barbaren.«

Wir sitzen in einem kleinen Café, es herrscht reger Betrieb. Die Sonne scheint durch die Fenster. Das Lager der Doryloiden ist meilenweit von uns entfernt. Man könnte fast annehmen, die Welt wäre normal. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der genüsslich Kaffee trinkt, pechschwarzen. Er kommt aus Deutschland, genau genommen aus Sachsen und ist ein sogenannter Dark Tourist, obwohl er persönlich dieser Bezeichnung nichts abgewinnen kann. Dark Tourism, oder auch »Katastrophentourismus« und »Schwarzer Tourismus« genannt, ist eine Form des Individualtourismus, bei denen Schaulustige verbotene Plätze oder Orte von Tragödien aufsuchen. Bekanntestes Beispiel sind die vielen Reisen nach Tschernobyl. Andere Orte des Dark Tourism sind militarisierte Sperrzonen, wie die zwischen Nord- und Südkorea, oder Kriegsgebiete (Ukraine, Somalia etc.). Diese Reisen sind nicht immer legal, aber grundsätzlich immer mit Gefahren für Leib und Seele verbunden. Mein sächsischer Interviewpartner war schon an vielen Orten – in Zypern, in Donezk, Tschernobyl, Nordkorea, Kartellhochburgen in Mexiko, Virenlaboratorien in der Ostsee, Atommüllendlager in Schleswig-Holstein, schweizerische Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, bei Ausschreitungen in Frankreich und in den USA. Schon mehrmals nahmen ihn Soldaten fest. Einmal verprügelten sie ihn zwei Tage lang. Einmal drohte ein Offizier ihn zu erschießen, wenn er sich noch einmal blicken lassen würde. Einmal flog eine Kugel gefährlich nahe an seinem Ohr vorbei. Doch bisher hat ihn das nicht aufgehalten. Er wird weiter gefährliche Orte aufsuchen.

»Ist krass. Gibt einem ordentlich Adrenalin.«, beschreibt er seine Erfahrungen mit einem Funkeln in den Augen. »Da fühlt man sich einfach lebendig. Ist einfach geil. Besser als Sex. Ich liebe es. Ich liebe die Gefahr. Wenn ich nicht gerade im Ausland herumwusel, höre ich den Funk ab. Hoffe immer, dass ich rechtzeitig bei einer Unfallstelle ankomme. Da schwillt was in mir an, wenn Sie verstehen. Da blühe ich auf. Keine Frau kann mir so etwas bieten.« Sein Lächeln hatte etwas Obszönes. Ich frage nach den Doryloiden.

»Die verfolge ich schon seit einiger Zeit. Die übertreffen alles. Da kann nichts mithalten. Alter, die kennen keine Gnade. Jeder Autounfall ist ein Scheiß dagegen. Die haben so etwas Primitives an sich, etwas Animalisches. Wahrscheinlich sind die der Urzustand, die dunkle Reflexion unserer menschlichen Seele. Die sind das, was wir früher waren. Was wir heute verneinen.« Er lehnt sich vor. Ich rieche seinen Atem, der nach Kaffee und Pfefferminzkaugummi stinkt. Er senkt seine Stimme, flüstert nur noch. »Sie häuten die Menschen bei lebendigem Leibe – ist jedes Mal ein Spektakel. Sie machen da keinen Unterschied. Männer, Frauen, Kinder, Alte, Schwache, Invalide. Ich hab es gesehen, Alter. Ich hab es gesehen. Mit eigenen Augen. Ich krieg jetzt noch Gänsehaut. Die Schreie werde ich nie vergessen. So eine abgefuckte Scheiße kennt man eigentlich nur aus längst vergangenen Zeiten. Haben die überhaupt einen Grund? Für ihr Handeln? Haben die ein Ziel? Eine Ideologie? Wahrscheinlich nicht. Jahrhundertelang sind die am Dahinvegetieren, nur um jetzt wieder aktiv zu werden. Achtzig Millionen bewegen sich plötzlich wie eine Flut. Ist schon krass. Und ich darf dabei sein. Ich darf dabei sein, wenn die Geschichte lebt. Ist das nicht geil? Wie hat dieser Russe gesagt? Es gibt Zeiten, da passiert nichts und dann gibt es Tage, da passieren Jahrhunderte … oder so. Wir leben in solchen Tagen. Und die Welt ist nicht bereit dafür.«

»Die Doryloiden sind ein faszinierendes Volk. Ich habe Jahrzehnte damit verbracht, sie zu erforschen und jeden Tag lernte ich etwas Neues«, erzählt mir ein Entomologe von der Universität Potsdam. »Sie unterliegen einem gesellschaftlichen und biologischen Zyklus. Ihr Volk kann für mehrere Jahrhunderte isoliert leben, ohne ein Zeichen von sich zu geben. Plötzlich wächst die Population sprunghaft an. Es kommt zu inneren Konflikten um Ressourcen. Diese Konflikte halten so lange an, bis sich aus ihrer Mitte ein Oberhaupt erhebt, welches in der Lage ist, das streitende Volk zu vereinen. Schließlich kommt es zu einer großen Wanderung, verbunden mit einer gewaltigen Plünderung. Diese kann bis mehrere Jahre dauern. Danach zerfällt die Population wieder und wird sesshaft. Das ist nichts Schlimmes, das ist ein völlig natürlicher Prozess. Die letzte Wanderung fand zur Zeit der ersten Kreuzzüge statt. Da hielt sie sich auch in Grenzen. Die Doryloiden wandern selten mehr als zweihundert bis dreihundert Kilometer. Sie verbleiben auch für gewöhnlich in einem bestimmten Radius – nämlich in der Mitte Afrikas. Im Mittelalter dachten die Menschen, die Doryloiden seien nur ein Mythos, ein Schauermärchen, das sich die Kreuzfahrer erzählen. Ähnlich wie Zyklopen in Griechenland oder Seeungeheuer. Einfach maßlose Übertreibungen.«

»Aber nun stehen sie an der Küste des Mittelmeers«, werfe ich ein.

»Ja, das ist ein neuartiges Phänomen. Eines, woran wir noch rätseln. Es ist ein Mysterium. Es könnte mit dem Klimawandel zusammenhängen. Oder mit der zunehmenden Umweltverschmutzung. Ihr Populationsanstieg ist auch besorgniserregend. Eigentlich sollten sie nur eine Größe von drei bis fünf Millionen haben. Aber achtzig Millionen … Das übertrifft all unsere Erwartungen. Das könnte uns vor schwierigen Herausforderungen stellen.«

»Was wollen die Doryloiden in Europa?«

»Wenn ich das nur wüsste …«

»Wenn ich eine Vermutung anstellen dürfte … Vielleicht treibt der Einfluss des Menschen die Doryloiden dazu, eine neue, bessere Heimat zu suchen. Vielleicht ist ihre Heimat nicht mehr lebenswert. Vielleicht wollen sie auf sich aufmerksam machen; zeigen, dass der Planet stirbt und somit auch ihr Volk stirbt.«

Der Entomologe schüttelt nur entgeistert mit dem Kopf. Er schaut mich mit Entsetzen an. »Die Doryloiden haben kein Verständnis von ›Heimat‹, von ›Nation‹. Für sie haben diese Begriffe keinerlei Bedeutung. Sie sehen sich nicht als Volk oder Spezies an. Sie nennen sich nicht einmal ›Doryloiden‹, sie nennen ihren Ursprungsort auch nicht ›Dorylus‹. Sie haben weder einen Namen für sich selbst noch für ihren Ursprung. Das sind menschliche Fremdbegriffe. Wir nennen sie so. Wir nennen ›ihr Land‹ so. Wir haben ihnen diese Namen gegeben. Wir projizieren unsere menschlichen Werte auf diese fremde Spezies. Genauso gut könnte man versuchen, intelligenten Amöben ein menschliches Gesicht zu geben.« Er starrt mich an, die Pupillen sind nur stecknadelgroße Punkte. »Momentan führen die Doryloiden Krieg gegen mehrere Länder. Sie plündern Siedlungen, zerstören Denkmäler und Städte, versklaven und foltern komplette Populationen. Gefangene werden bei lebendigem Leibe gehäutet, gekocht, zerfleischt, auseinandergerissen, verbrannt. Und das alles tun sie ohne Sinn und Verstand, ohne ein höheres Ziel. Wenn in ihnen etwas Menschliches steckt, dann nur die schlimmsten und dunkelsten Eigenschaften. Ich habe gesagt, dass die Doryloiden ein faszinierendes Volk seien – was ich damit meine, ist, dass das Ausmaß ihrer Grausamkeit und Brutalität faszinierend ist. Sie kennen keine rote Linie. Sie haben keine Moral, kein Gewissen. Ich will nicht damit sagen, dass die Doryloiden böse oder gut sind, das sind menschliche historisch-kulturell gewachsene Kategorien. Die Doryloiden sind keine von Natur aus boshafte Spezies. Das setzt voraus, dass sie in solchen moralischen Schubfächern denken. Das tun sie nicht. Sie sind jenseits von Gut und Böse, jenseits aller Bösartigkeit. Aber nur mal so unter uns«, jetzt flüstert er nur noch, »wenn es nach mir ginge, würde ich dieses gigantische Lager, diesen militaristischen Krebs, mit einem Teppich aus Atombomben übersäen.«

Glücklicherweise meldete sich ein Dolmetscher, der sich dazu bereit erklärte, mit mir gemeinsam in das Lager hineinzugehen. Ich wollte die Mentalität der Doryloiden verstehen, sie begreifen. Ich wollte wissen, ob sie mehr sind als nur »blutrünstige Monster«. Ich möchte ebenso versuchen, die diskriminierenden und mitunter speziesistischen Stereotypen über die Doryloiden zu entkräften, und zeigen, dass diese Wesen mehr sind als nur grausame Barbaren, wie sie von einigen Kommentatoren gezeichnet werden.

In aller Frühe betreten wir das große Militärlager. Erstaunlicherweise hält uns niemand auf. Viele der Doryloiden sind gerade bei der Arbeit. Ich sehe Menschen, dicht an dicht in Käfigen gesteckt, ohne Platz um sich umzudrehen, wie sie mit Giftpfeilen gefoltert werden. Ich sehe Säuglinge und Schädel von Erwachsenen auf Speeren aufgespießt. Reihen von Doryloiden zerhacken Menschenleiber mit Beilen, das Fleisch wird in große Behältnisse geworfen. Der Boden ist rot gefärbt und glitschig. Mein Begleiter ist blass wie ein Gespenst. Ein Doryloide in rostiger Rüstung stampft auf uns zu. Er fragt uns, was unser Anliegen sei, was wir hier zu suchen haben. Ich erkläre ihm, dass ich gerne mehr über die Lebensweise seines Volkes erfahren möchte. Zuerst schaut er mich fragend an, doch dann nickt er mit dem Kopf. Er führt uns zu seinem großen Zelt, dort hält sich ein sogenannter »Krek« auf – in der militärischen Struktur der Doryloiden entspricht dies dem Rang eines Hauptmanns. Der Krek würde alle meine Fragen beantworten.

Das Innere des Zelts erinnert mich an das römische Kolosseum. Eine Tribüne wurde errichtet. Es stinkt nach Blut und Gedärmen. Das Licht ist schummrig. Auf einen Thron aus Knochen und Schädeln sitzt der Krek. Er hat seinen Helm abgelegt, wodurch ich sein Gesicht genauestens erkennen konnte. Ein oranger Schädel, kleine Punktaugen. Die großen, schwarzen Mandibeln erinnern an die obsidianen Stoßzähne eines urzeitlichen Elefanten. Die Fühler zucken hin und her, »schmecken« unaufhörlich die Luft.

Der potsdamer Entomologe hatte mir noch erklärt, dass jeder Doryloide über ein begrenztes Maß an Autonomie verfügt. Je länger sie leben, je mehr Erfahrungen sie sammeln, je mehr sie kämpfen, desto individueller wird ihre Persönlichkeit. Irgendwann steigt ein Doryloide dann zum »Krek« auf und mit genügend Zeit kann aus einem »Krek«, ein Oberhaupt werden, er steigt zum »Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre« auf.

Wir treten vor den Thron, verbeugen uns respektvoll und bringen unser Anliegen vor. Der Krek scheint nur aus Muskeln und Chitin zu bestehen, kein unnötiges Gramm Fett befindet sich an ihn. Seine vier Arme ruhen. Man merkt nicht einmal, dass er atmet.

»Menschen vor mir?  Vor Krek? Ungewöhnlich. Fragen? Wissen? Reden. Menschen reden. Viel reden.« Die Sprache der Doryloiden hört sich wie das Knirschen von Zähnen an. Es ist natürlich nur die Art der Unterhaltung, die sie mit »Nicht-Doryloiden« benutzen. Ansonsten kommunizieren sie über Pheromone. Das geht schneller und einfacher. Aber wir Menschen haben nicht die dafür notwendigen Rezeptoren.

»Menschen fragen? Ich antworte. Was will? Mensch Angst. Mensch immer Angst. Rieche Furcht. Rieche Angst.«

Zuerst frage ich ihn nach den politischen Zielen der Doryloiden. Wie sieht das politische System aus? Wie weit gehen die Expansionspläne? Was soll danach geschehen?

»Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre herrscht. Sein Befehl. Sein Wille. Herrschen. Unterdrücken. Fressen. Zerstören. Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre geht. Wir gehen. Vernichten. Auslöschen.«

»Eure Exzellenz, gibt es etwas, an das euer Volk glaubt? Habt ihr eine Religion?«

Der Krek überlegt. Er scheint mit dem Begriff zuerst nichts anfangen zu können, doch dann zeigt er nach oben. »Kein Über-Uns. Nur Eisen. Nur Stahl. Eroberung. Kampf. Fressen. Herrschen.«

»Und wie steht es mit eurer Königin? Hat sie eine Relevanz im politischen System?«

»Königin unwichtig. Gebärt Larven. Gebärt Krieger. Keine Macht. Krek-Schekre-Gre-Grek-Schre Wille. Befehl. Nur sein Wille.«

Bevor ich eine weitere Frage stellen kann, werden wir unterbrochen. Ein Trupp Doryloiden-Krieger bringt eine Gruppe von Gefangenen, bestehend aus Frauen und Kindern, in das Zelt hinein. Der Krek umfasst mit seiner Klaue meinen Schädel und dreht ihn Richtung der Grube. »Mensch, sieh. Fragen? Dort antworten. Stahl und Fleisch. Das wir.«

Die Krieger ziehen Schwerte, Äxte und Beile. Sie hacken auf die Gefangenen ein. Reißen ihnen mit bloßen Händen die Gliedmaßen ab. Die Opfer schreien vergeblich nach Gnade. Einer der Doryloiden beißt in den Nacken einer Frau und reißt ein Stück Fleisch heraus. Das Gemetzel dauert zehn Minuten.

Der Krek schlägt mit seiner Faust auf die Armlehne des Throns. Es scheint ihm zu erfreuen.

»Kleine Menschen. Larven fressen. Larven freuen sich. Bald Zug weiter. Bald Norden. Weitere Massaker.«

Wir bedanken uns für die Vorführung und verschwinden dann aus dem Lager.

Zuletzt hörte ich, dass die Doryloiden eine Möglichkeit gefunden haben, das Mittelmeer zu überqueren.

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