Das Lied vom güldenen Ei
Eh Berge Namen trugen,
eh Flüsse Betten gruben,
eh Laut die Stille brach,
fiel etwas schwer herab.
Klein, ein Ei im Moos.
Rot, ein Herz, herausgerissen.
Golden, wo Licht es traf
Harz aus Wunden, warm und nass.
Adern zogen übers Rund,
verästelt tief im Grund,
schwarz wie Pech, pulsiert,
als Blut in Adern kreist.
Zur Seite hin ein Auge klein,
Samenkorn aus schwarzem Stein.
Es zuckte hin, es zuckte her,
geschlossen sah es dennoch mehr.
Es schlief. Es wachte. Ruhte da.
Die Zeit, die ging und es blieb da.
Es wartete geduldig drauf,
dass eine Hand es hebe auf.
Wer fand es, wurde reich.
Wer nahm es, voll sogleich.
Wer aß es, wurde leer
Fülle kehrt nicht wieder, nimmermehr.
Wer trug es, trug die Last.
Wer hielt es, hielt den Gast.
Wer teilt es, riss sich entzwei
nur Knochen blieben, grau wie Blei.
So steht's in Rinden, alt und rauh,
so flüstert's Laub im Wald,
so murmeln Steine durch Morast
die Zeit prangt weiter, ohne Rast,
zum Ende, das der Anfang war,
zum Hunger, der nie enden darf,
Jahr für Jahr und Tag für Tag.
Ein Fund
In jenen Tagen, da der Winter seine Klaue nicht vom Lande ließ und der Schnee jene Gräber
zudeckte, die bereits verschüttet waren, ging einer hinaus.
Fern des Zauns. Dorthin wo der Wald seine letzten Finger in den Fels krallte. Wo die Bäume
knorrig wurden und der Wind schärfer. Wo niemand ging, der nicht gehen musste.
Weißer Nebel verließ die Lungen, wenn er in seine Hände pustete.
Seine Wimpern trugen Eiskristalle. Jeder Atemzug brannte in der Kehle wie verschluckte
Klingen. Er ging, weil in den Töpfen nur noch Wasser kochte. Weil die Kinder starrten, mit
Augen zu groß für die Gesichter.
Er ging, weil der Hunger eine Hand war, die sich steinern um die Kehle legte. Im Geröll, wo
selbst die Wurzeln keinen Halt mehr hatten, wartete es auf ihn.
Es lag wie ein Vogel, der tot vom Himmel gefallen war.
Schnee schmolz um das Objekt herum.
Ein kleiner Kreis aus nasser Erde.
Dampf stieg auf. Das Objekt war warm. Und fruchtbar ward die Erde um es.
Klein wie ein Wachtelei. Rot wie frisches Fleisch. Golden, wo das Licht es traf. Wie Öl auf
Wasser, sammelte sich der Sonnenstrahl darauf. Dick. Er floss nicht ab, lag dort, als würde
er angezogen. Die Schatten rundherum flackerten. Wurden länger. Kürzer.
Ohne dass sich etwas bewegte. Adern verästelt darüber. Dunkel. Pulsierten. Langsam. Im
Rhythmus eines Herzschlags.
Im Zentrum: ein Auge. Geschlossen. Tiefschwarz. Das Lid dünn wie Pergament.
Darunter zuckte etwas. Eine Pupille, die wanderte. Hin und her. Die sah, obwohl sie schlief.
Seine Hand zitterte. Sein Instinkt wollte zurückweichen, aber seine kalten Finger streckten
sich aus. Von selbst. Er schluckte, als hätte er Nahrung gefunden. Speichel durchspülte
seinen Rachen. Es zog ihn an wie Wasser einen Verdurstenden.
So berührte er es. Die Adern unter der Oberfläche pochten. Das Auge – das kleine
schwarze Auge – zuckte hinter seinem geschlossenen Lid.
Die Pupille darunter wanderte. Schnell. Zielgerichtet.
Als wäre sie auf etwas aufmerksam geworden. Das Objekt ward heiß. Nicht warm. Heiß wie
Fleisch, das Fieber hatte. Er hätte es fallen lassen sollen. Er konnte nicht. So hob er seinen
Fund auf. Schwer wie Blei in der rechten Hand. Leicht wie Asche in der linken. Das Gewicht
wechselte. Wanderte. Als lebte es in kurzen Momenten. Als atmete es.
Der Finder nahm seinen Fund auf den Arm, behutsam, wie sein leiblich Kind. Er wiegte es.
Klemmte es an sein Herz und so schlug das Fremde, wie sein Eigenes es tat. Der Finder
griff fester um seinen Fund. Und schließlich trug er es hinab. Die Vögel verstummten, als er
den Wald verließ. Der Wind zog sich zurück. Die Äste hingen reglos. Alles still, als hielte die
Welt den Atem an. Das Dorf lag bald vor ihm. Rauch kroch aus den Schornsteinen. Leben
war, wo nun Hunger aufkam.
Eine Frau am Brunnen sah den Finder mit schützenden Armen vor der Brust zuerst.
Reflexartig ließ sie den Eimer fallen, als sie ihn erblickte. Kaltes Wasser ergoss sich über
den gefrorenen Boden. Sie stand nur da. Der Mund offen. Die Augen starr. Ein Mann
spaltete Holz. Die Axt blieb in der Luft hängen. Seine Hände verkrampften um den Stiel.
Seine Knöchel wurden weiß. Ein Kind spielte am Fenster. Kicherte. Es drehte sich um.
Wurde starr. Ganz leise. Seine Mutter tat es ihm gleich. Dann kamen sie alle. Aus Türen.
Aus Scheunen. Aus Schatten.
Langsam. Wie Tiere, die Witterung aufnahmen. Ihre Nasen hoben sich. Ihre Augen wurden
groß. Sie bildeten einen Kreis. Engere Ringe um ihn. Atemwolken stiegen auf. Dick. Weiß.
Als könnte man sie schneiden. Niemand sprach.
Nur das Knirschen von Schnee unter Stiefeln. Pupillen rissen sich auf, groß und schwarz
verschlang die Farbe um die Ränder, als wären Löcher in den Köpfen. Zungen fuhren über
trockene Lippen. Wieder. Wieder. Hände öffneten sich. Schlossen sich. Öffneten sich wieder.
Die Finger krümmten sich wie Krallen. Ein Mann sabberte. Speichel floss aus seinem Mund.
Dicke Fäden, die am Bart vorbeitropften. Gefroren auf dem Weg nach unten. Kleine Zapfen
aus Eis hingen daran. Wuchsen. Tropften weiter. Eine Frau beugte sich vor. Ihr ganzer
Körper gespannt wie eine Bogensehne. Ihr Atem ging schneller. Schneller. Ihre Brüste
hoben sich. Senkten sich. Eilig.
Kinder, die eben noch gespielt hatten, standen jetzt wie Säulen. Ihre kleinen Hände
verkrampft. Ihre Münder standen offen. Kein Laut kam heraus. Als hätte ihnen jemand die
Stimmen aus der Kehle gerissen. Sie sahen, was ihre Augen nicht kannten, aber ihre Körper
erkannten. Was ihr Verstand nicht fasste, aber ihr Blut verstand. Was sie nie gesucht hatten,
bezwang nun ihr Bewusstsein. Der Älteste trat vor. Seine Schritte waren schwer. Knackten
durch den Schnee. Sein Atem ein Rasseln in der Brust. Die Pupillen zu weit. Zu fokussiert.
Als hätte er schon Tage nicht geblinzelt. Er war der, dessen Wort zu Stein wurde. Dessen
Schweigen Urteil war. Dessen Hand zuerst griff, wenn gegriffen werden musste.
Der Älteste streckte seine Hand aus. Der Finder wich zurück. Presste das Objekt an seine
Brust. Seine Arme schlossen sich darum. Wie um ein Kind. Sein Kind. Der Älteste trat näher.
Seine Hand griff nach dem Objekt. Der Finder schüttelte den Kopf. Mechanisch. Als würde
der Hals im linken und im rechten Schlüsselbein einrasten.
Dann schneller. Nein. Nein. Nein.
Der Älteste sprach nicht.
Er schlug sofortig zu.
Die Faust traf den Finder an der Schläfe. Ein dumpfes Geräusch. Fleisch auf Knochen. Der
Finder taumelte. Fiel nicht. Hielt das Objekt fester. Der Älteste schlug wieder. Wieder. Die
Faust fiel wie ein Hammer. Auf den Kopf. Auf die Schulter. Auf die Rippen.
Der Finder ging in die Knie. Langsam. Wie ein Baum, der fällt. Aber seine Arme, seine Arme
blieben geschlossen. Das Objekt an seiner Brust. Geschützt. Blut lief aus seiner Nase. Aus
seinem Mund. Tropfte auf den Schnee. Rote Punkte. Die sich ausbreiteten. Der Älteste
beugte sich hinab. Seine Hände griffen nach dem Objekt. Der Finder krümmte sich. Drehte
sich weg. Hielt es fest. Seine Finger weiß. Die Knöchel gebrochen. Der Älteste zerrte. Riss.
Seine Nägel gruben sich in die Arme des Finders. Haut riss. Blut floss.
Dann. Dann berührten die Finger des Ältesten das Objekt. Nur für einen Moment. Keine
Sekunde. Gerade die Spitze eines Fingers. Der Finder schrie auf. Nicht wie ein Mensch
schreit. Wie ein Tier, das man schlachtet. Wie etwas, das keine Stimme hat, aber trotzdem
schreit.
Er warf sich auf den Ältesten.
Seine Fäuste fielen.
Wieder. Wieder. Wieder.
Ohne Rhythmus. Ohne Pause.
Er schlug auf das Gesicht. Auf die Brust. Auf alles, was er erreichen konnte.
Der Älteste versuchte, sich zu wehren. Seine Hände hoben sich. Zu langsam. Zu schwach.
Die Fäuste kamen. Immer. Immer, immer wieder.
Knochen brachen. Ein Geräusch wie grüne Äste, wenn man sie über seinem Knie zerbricht.
Der Kiefer des Ältesten hing schief. Seine Nase, nur noch eine Masse aus Fleisch und
Knorpel.
Seine Augen, eines bald geschlossen und geschwollen. Das andere starrte. Starr. Leer.
Neblig in die Ferne. Der Finder hörte nicht mehr auf. Er schlug, bis seine Knöchel platzten.
Bis seine Hände glitschig und schmierig vom Inneren des Alten waren.
Bis der letzte Griff des Ältesten erschwachte.
Dann hielt er inne. Er kniete über dem Körper. Sein Atem ging schwer. Rasselnd. Blut tropfte
von seinem Kinn. Von seinen Händen.
Auf den toten Mann unter ihm. Er sah sich um. Die Menge stand noch immer da.
Niemand hatte sich bewegt. Niemand hatte geholfen. Sie starrten nicht auf den Ältesten.
Sie starrten nicht auf den Finder. Sie starrten auf das Objekt.
Das im schmelzenden Schnee lag.
Rot. Golden. Das Auge geschlossen. Aber zuckend. Der Finder kroch darauf zu. Langsam.
Seine Knie zogen Spuren durch den blutgetränkten Schnee. Er nahm es auf. Hielt es.
Wiegte es. Dann zog er ein Stück davon ab.
Es riss ab wie altes Fleisch, als hätte man ein feuchtes Tuch zerfasert.
Die Adern platzten.
Blut. Zäh wie Teer. Sprudelte. Purpur. Metallisch. Dick. Es spritzte. Quoll hervor wie aus
einer aufgeschnittenen Kehle. Es spritzte auf den Schnee. Auf den Finder. Auf den toten
Ältesten.
Fontänen aus rotem Rost.
Der Finder hielt das Stück an seinen Mund. Und aß.
Das Blut floss über seine Lippen. Über sein Kinn.
Über seine Hände. Es mischte sich mit dem Blut des Ältesten.
Mit seinem eigenen Blut.
Der Schnee um ihn herum, wie ein frisches Aquarell.
Glänzte purpurn, wo das Licht darauf fiel.
Er kaute. Schluckte. Kaute. Schluckte.
Sein Gesicht ohne Regung.
Nur sein Mund bewegte sich.
Und das Blut floss.
Und die Menge sah zu. Und niemand sprach. Und niemand bewegte sich. Und der tote
Älteste lag da. Und das Objekt blutete. Und der Finder aß. Er aß und schmatzte. Sein Mund
ein Grab, das sich öffnete.
Seine Zähne, schwarz und verfault, mahlten. Es knirschte. Wie Stein auf Stein. Sein
Schlucken ein Würgen, aber er schluckte.
Wieder. Wieder. Wieder.
Sein Gesicht ohne Regung. Nur die Kiefer bewegten sich. Mechanisch.
Wie etwas, das vergessen hatte, was Essen war, aber sich erinnerte, wie man damit
umging. Es schmeckte süß. Es schmeckte bitter. Es schmeckte nach Kupfer und
verbranntem Haar. Etwas, das auf der Zunge heiß war.
Das in der Kehle brannte. Das im Magen Säure war.
Die Menge wartete. Reglos. Kinder sahen zu, drückten sich an ihre Mütter. Ihre Finger
gruben sich in den Stoff der Röcke. Ihre Gesichter waren weiß. Ihre Augen wurden groß.
Hunde legten ihre Ohren an. Krochen rückwärts. Dann drehten sie sich um und rannten.
Ihre Schwänze eingeklemmt. Keiner kam zurück.
Dann war alles still.
Als wäre die Welt nicht einverstanden, sich weiter zu drehen.
Nichts geschah mehr.
Und sein Leib ward schließlich voll.
Voll wie ein Schlauch, in den man Steine schüttete.
Sein Bauch wölbte sich. Seine Haut spannte.
Risse bildeten sich an den Rändern seines Mundes. Kleine Risse.
Aus ihnen sickerte etwas Goldenes.
Seine Augen rollten zurück. Bis nur noch Weiß zu sehen war.
Pochend. Rot. Pochende Adern. Dick wie Würmer. Pumpend rot.
Der Körper zuckte. Einmal. Zweimal.
Er fiel nicht, er wankte noch. Dreimal. Viermal.
Er stand nicht fest. Dann fiel er um.
Seine Arme lagen blank. Sein Kopf neigte sich nur schwach.
Sein Mund stand offen. Schwarze Maden wohnten nun darin.
Und sie alle sahen zu.
Niemand trat nach vorn. Niemand trat zurück. Sie sahen ihn zu ihren Füßen.
Inmitten ihres Kreises bildeten sie einen Reigen.
Sein Leben spritzte vor ihnen hoch empor.
Er lag zu ihren Füßen.
Tot wie ein Vogel, der vom Himmel gefallen war.
Schnee schmolz um ihn herum.