Blutende Pyramiden unter noch wild hämmernden Herzen, die aus dem Leib gerissen und von Händen der Opferpriester gen Sonne dargeboten werden. Von den eigenen Herren geschlachtete Sklaven. Tänze und Schreien und Feuertod.
Der Mensch ahnt anhand des Schauderns, das ihn bei der Vorstellung aztekischer Riten überkommt, wie austauschbar die Worte Terror und Schönheit sind. Der Trieb, die Todesangst schreit an gegen den Opferkult genau wie die Vernunft auch. Die Ratio dient dem Tier im Menschen, das nach Bedürfnisbefriedigung geifert. In der Opferung zerschmettert der Mensch dieses Tier in sich selbst. Ein sakraler Schrecken, der so tief in den menschlichen Knochen sitzt, dass noch keine Religion ohne Opferritual erdacht wurde. Gott ist inzwischen gestorben, die Sehnsucht nach Hekatomben ist geblieben.
Auf die Frage, wie ein Opfer ohne Gott denkbar sein kann, ist das AMYNTAS-Gedicht Goethes die whitepill, wenn auch eine versteckte. Amyntas, der hier Opferpriester wird, erblickt einen Apfelbaum, ganz von Efeu umschlungen, langsam an dieser Würgepflanze verendend. Als Amyntas die Ranken zerstören will, spricht der Baum zu ihm:
O, verletze mich nicht! du reißest mit diesem Geflechte,
Das du gewaltig zerstörst, grausam das Leben mir aus.
Hab' ich nicht selbst sie genährt, und sanft sie herauf mir erzogen?
Ist, wie mein eigenes Laub, nicht mir das ihre verwandt?
Soll ich nicht lieben die Pflanze, die, meiner einzig bedürftig,
Still, mit begieriger Kraft, mir um die Seite sich schlingt?
Tausend Ranken wurzelten an, mit tausend und tausend
Fasern senket sie fest mir in das Leben sich ein.
Nahrung nimmt sie von mir; was ich bedürfte, genießt sie.
Und so saugt sie das Mark, sauget die Seele mir aus.
Es gilt zunächst, die Identität von Opfer und Gott zu verstehen. Zu dem Grade, in dem der sterbende Baum die Ranke, die ihn tötet als Extension seiner selbst versteht, ist sie das auch. Noch unmittelbarer, noch heftiger erfühlbar ist die anfangs bereits angedeutete Identität von Opfer und Opferpriester – Amyntas begreift sich in seiner Beobachtung des Baumes selbst als der Baum, das Ereignis lässt nicht von ihm ab, und überall in der Natur beginnt er, rasende Verzehrung zu sehen.
Aber, ach! das Wasser entstürzt der Steile des Felsens
Rasch, und die Welle des Bachs halten Gesänge nicht auf.
Ras't nicht unaufhaltsam der Sturm? und wälzet die Sonne
Sich, von dem Gipfel des Tags, nicht in die Wellen hinab?
Der Baum geht an keiner höheren Macht im geläufigen Sinne zugrunde, er ist selbst der gottverdammte Efeu, er verreckt an sich selbst. Es gilt zu klären, wie dieses Ereignis Amyntas so erschüttern, so berühren konnte, wenngleich in derartigen Opferungen kein Gott mehr im Spiel ist, alles Heilige abhandengekommen zu sein scheint. Entschlüsseln lässt sich diese Frage mit dem Batailleschen Souveränitätsbegriff. Die souveräne Handlung: Eine Handlung, die keinem Zweck unterworfen ist. Wer denkt, dass der Baum hier für einen Zweck – das Wachsen des Efeus – sterben würde, irrt: der Efeu stirbt stets mit dem Baum, der ihn stützt. Souveränität ist nicht mit Autonomie gleichzusetzen. Wenn jemand tötet zwecks Machtgewinn handelt er sicher autonom, aber eben dieser Macht, für die er tötet, ordnet er sich durch den Mord, der bloß Mittel ist, auch unter. Souveränität herrscht dort, wo Handlung und Zweck zusammenfallen. Bergfleth schreibt: »Souveränität ist Gottersetzung.«
Es braucht keinen erfahrenen Sophisten, um die Paradoxien zu erkennen, die sich aus dieser Erkenntnis auftun: Durch eine Handlung, die man durchführt, um souverän zu sein, ordnet man sich schließlich auch unter, nämlich der Souveränität selbst. Sein Handeln nach irgendeinem Souveränitätsideal auszurichten, kann nur unsouverän sein. Der ganze Begriff scheint in dieser Widersprüchlichkeit lächerlich, »echte« Souveränität als Zielsetzung unmöglich.
Das Opfer unter der »Gottersetzung« scheint nicht um eine Farce herumzukommen – wohl: Das Opfer unter Gott kam dies auch nie. Das Opfer unter Gott hatte stets den Sinn, dass, der das Opfer erbringt, am lebendigen Leibe den eigenen Tod spürt, lebend stirbt, sich mit dem Opfer identifiziert, den Tod aneignet. In dem Ausmaß, in dem dieses ehrfürchtige Todspüren im kultischen Opferritus lebendig erfahren werden kann, lässt sich auch Souveränität spüren, ohne dass man jemals souverän gewesen wäre.
Das Tier im Menschen stirbt nicht, und noch das tragischste Opfer muss heimlich Komödie bleiben. So ergeht es auch Amyntas, der die Leiden der sterbenden Baumkrone nur imitieren kann. Ja, bloß eine Farce, bloß ein Schauspiel
— aber was für ein Schauspiel!