O Fortuna
velut luna
statu variabilis,
semper crescis
aut decrescis;
vita detestabilis
nunc obdurat
et tunc curat
ludo mentis aciem,
egestatem,
potestatem
dissolvit ut glaciem.
O Fortuna,
Mondesgleich,
Wechselhaft und kalt Dein Reich.
Erst das Wachsen,
Dann der Fall;
Verhasstes Leben überall.
Erst verwöhnt
Und dann misshandelt,
Glück in Jammer schnell verwandelt,
Aus Macht nur Leid,
Aus Armut Hohn,
Wie Eis zerläuft – es bleibt kein Lohn.
I. Chthonica et Philosophica
I.1. Radicalica
Unsere Lebenswege stehen nie am Anfang ihrer selbst. Sie sind die Forttriebe von Verästelungen und Kraftlinien, die Altvordere in ihrem erratischen Drang zum Lichte gezogen haben. Wir wachsen heute entlang der Bahnen, die ihr tastendes Streben uns als festes Gerüst anerschaffen hat. Die Trajektorien der Zukunft scheinen vorbestimmt: ohne Vergangenheit keine Zukunft. Die Umstände, in die ein jeder hineingeboren wird, bestimmen den Einstiegspunkt in das Leben. Sie erstehen aus dem gottgegebenen Lehm, in dessen Erdbett wir hineingeboren werden. Von hieran ist es an jedem selbst, diesen rohen Stoff mit eigenen Händen zu kneten und ihm jene Form abzutrotzen, die sich „Leben“ nennt.
Aus der Stummheit von Dreck und Erd ward der Mensch erschaffen, und es fuhr ihm der Odem des Höchsten in das Gebein. Ein Wanderer ist er nur auf den Fluren der Zeit, ein Gast, dem das Dasein als Prüfstatt gegeben ward, bis die Erde das Ihre wiederfordere und er heimfiel zu Staube – und zu dem werde, was er vor Anbeginn ward: Nichts.
I.2. Continuica
Festgewurzelt im schweren Grund der Ahnen, daraus wir alle keimen, trotzt er dem Trug der Zeit. Wer sich seiner Tradition, Religion, Herkunft und Familie bewusst bleibt, kann eine innere Unabhängigkeit wahren statt sich dem Blendwerk der Gegenwart zu beugen. Aus Herkunft folgt Orientierung, wenngleich sie keine Ansprüche begründet. Die Frage nach Herkunft kann zur Frage werden, wer die Deutung über ein Leben, seine Brüche und seine Fortsetzungen behält. Es darf also nicht wundern, dass die griechische Antike zu fassen vermochte, was dem modernen Menschen in seiner Entwurzelung gänzlich abhandenkam: die intuitiv begriffene Verbindung von Erde, Tod und Fruchtbarkeit. In der Erde liegt die Quelle des Lebens. In der Erde findet sich auch ihr Ende. Erst die Erkenntnis dieser unauflöslichen Einheit rettet das individuelle Dasein vor der Entwurzelung und lässt es als notwendiges Glied in einer ewigen Kette der Erneuerung begreifbar werden. Die Formen von Fortsetzung sind vielfältig: biologisch, kulturell, sozial, geistig.
II. Methodica et Biologica
Das Wesen der „Familie“ entzieht sich dem Herrschaftsanspruch einer einzelnen Disziplin. Wir kennen die biologische Sippe als Trägerin von Erbgut, die soziale Gemeinschaft als Kreis reziproker Pflicht und Fürsorge, die juristische Einheit als staatlich oft alimentierte und selten sanktionierte Bedarfsgemeinschaft – und schließlich die narrative Familie, von der wir in Scham oder Verdrängung nur leise, bisweilen auch gar nicht zu künden wissen wollen.
II.1. Genetica
Im Lichte all dieser Facetten markiert die Generation der Urgroßeltern eine beinahe anthropologische Grenze. Jenseits dieses Rubikons verliert sich das personale Bild der Herkunft im Ungreifbaren: keine Figur mit Gesicht, keine Anekdote, keine Spur im transgenerationalen Familiengedächtnis. Danach gerinnen Ahnenreihen zu Zeitströmen der Epochen, die in das Meer der Menschheitsgeschichte zurückfließen.
Der DNS-Anteil eines Vorfahren sinkt mit jeder Generation exponentiell um die Hälfte. Bereits nach sechs bis sieben Generationen misst die genetische Spur eines Ahnen kaum mehr als ein Zehntelprozent. Selbst wenn wir Bedeutendes vollbracht und unseren Nachgeborenen im Staffellauf der Geschichte ein reiches Erbe hinterlassen – ein Unternehmen, eine Bibliographie oder eine Reputation –, so bleibt ihr Wirken doch endlich. Das Echo unseres Lebensschreis, den wir in die Zukunft entsenden, verhallt bereits nach wenigen Generationen beinahe vollständig. Für das Vererben vertrauter Gesichtszüge ist eine Spanne von zwei bis vier Generationen noch am plausibelsten. In diesem engen Zeitfenster sind die genetischen Anteile noch konzentriert genug, um physisch und physiognomisch hervorzutreten, bevor sie im evolutionären Grundrauschen verklingen. Wesenszüge und Neigungen sind dagegen noch flüchtiger und volatiler. Was bleibt von uns?
II.2. Anthropologica
Ein spätherbstlicher Spaziergang auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin, einem der größten seiner Art, verdeutlichte diese Gewissheit beim Anblick zahlloser Familiengruften von Fabrikanten, Wissenschaftlern und Künstlern einmal mehr: sie bestehen über drei, allerhöchstens vier Generationen. Danach finden kaum noch Beisetzungen statt, weil sich die „Familie als Institution des Gedächtnisses“ auflöst. Danach gründen die Nachkommen ihre eigenen Familien, und es entstehen neue Einheiten. Das memoriale Gewebe wird lose, Fäden reißen ab oder werden durch den Drang nach Unabhängigkeit aus dem Gewebe des elterlichen Hauses herausgezogen. Neue Hochzeiten, Haushalte und Umzüge. Wieder Migration, Flucht oder Vertreibung. Danach Scheidung, Erbteilung oder Zwietracht, Karrieresucht und Apathie gegenüber der Vergangenheit – schlicht das Leben.
III. Historica et Dynamica
III.1. Retrospectiva
Das Schicksalsrad dreht sich unaufhörlich und launisch im Kreis. Wer unten war, steigt rapide auf. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass dieselbe Epoche ähnliche Tugenden unter gegensätzliche Vorzeichen stellte: Anpassung, Arbeit, Vorsicht und Fleiß konnten Aufstieg ermöglichen oder Vernichtung beschleunigen, wie sich dies selbst in der eigenen Familiengeschichte exemplarisch zeigt: im neuen Sowjetrussland standen die Enteignung wohlhabender Bauern („Entkulakisierung“) und Deportation in Arbeitslager oder Kolchosen dem Aufstieg von gestrigen Tagelöhnern zu Funktionären diametral gegenüber. Fortuna mischte das postzaristische Gefüge neu auf – gleich einer Umwertung aller Werte. Wo die Familie Zugang zu Bildung erhielt, blieb ein Bewusstsein für materielle Gedächtnisträger; wo Analphabetismus und schwere Arbeit das Leben prägten, konnten in der oralen Überlieferung oft nur biographische Bruchstücke geborgen werden. Das 20. Jahrhundert zu überleben, hieß für viele, die physische Fortexistenz mit Anpassung zu erkaufen. In vielen Fällen brach eine Kette, sodass Sprache, Kultur und Bräuche nicht mehr an die nachfolgende Generation weitergegeben wurden.
Die Russifizierung traf die kleinen Völker: Die Identität der Wolgafinnen wurde allmählich verdrängt, und mit ihnen ging ein Stück Geschichte verloren. Vermutlich untersagte meine wolgafinnische Urgroßmutter ihrem Mann aus Angst, mit ihren Kindern die Muttersprache zu sprechen. Minderjährig verheiratet, um der Enteignung und Deportation zu entkommen, wollte sie nicht auffallen. Die Russifizierung machte auch vor aschkenasischen Namen keinen Halt. Aus „Hirsch“ wurde zunächst „Gersch“ und später „Grigori“, aus „Wulf“ wurde „Wladimir“. Der Name wird zum Ort des Kompromisses zwischen dem Leben und dem System.
Krieg war ein weiterer Mechanismus des Vergessens und Verschwindens, der selten vor Einzelschicksalen Halt macht. Jemand fiel und verschwand; jemand überlebte und verstummte. Evakuierungen wirken wie schicksalhafte Versetzungen von Menschen und Dingen – oft ohne die Möglichkeit, zum alten Haus, zu alten Alben oder zu alten Namen zurückzukehren. Allein das nackte Überleben zählte. Was blieb, waren wenige Striche auf einem sonst unbeschriebenen Blatt. Mein Urgroßvater wollte nichts erzählen, ließ seine Medaillen verschenken und hinterließ kaum mehr als ein gerettetes Dokument. Das ist kein „Charakterzug“, sondern eine Form des Überlebens, wenn Erinnerung zu schwer wird.
Das erklärt auch einen Generationenunterschied, der sich in der Lebensführung zeigt. Meine Urgroßeltern, die die 30er und 40er Jahre durchlebten, waren oft härter, verschlossener und schweigsamer. Meine Großeltern wollten von Krieg, Armut und Angst häufig nichts wissen. Meine Eltern beschreiben ihre Kindheit und Jugend folglich als Aufwachsen in einem gedächtnisarmen Vakuum. Nicht nur der Krieg fraß Erinnerung, sondern auch das Nachkriegsleben, in dem die Bewahrung der Familiengeschichte selten als Wert galt.
III.2. Prospectiva
In den 90er Jahren drehte Fortuna erneut am Rad: vertraute Institutionen verschwanden; Berufe waren keine Sicherheitsgaranten mehr; Geld verlor an Wert, Beziehungen wurden noch entscheidender. Die Geschichte beginnt nicht 1945 wieder bei „Stunde Null“ oder endet 1991, wie Francis Fukuyama behauptete; das Schicksalsrad dreht sich immerfort. Die Übersiedlung meiner Familie nach Deutschland ist somit kein Finale, sondern folgt den Wurfbahnen, die meine Eltern mit der gewaltigen Hebekraft ihres nicht immer einfachen Lebens in den Wind der Geschichte gezwungen haben. Es ist die Fortsetzung der Linien von Migration und Flucht, Sprach- und Namenswechseln, von Anpassung und Verlust. Deutschland war für meine Familie ein Felsen der Stabilität in der Brandung. Zugleich ist es eine Rückkehr aus den Waldsteppen an der Wolga westwärts in die wasserreichen Tiefebenen der Urstromtäler – dorthin, wo germanische, slawische, baltische und aschkenasische Linien seit jeher ineinanderfließen. Was von einem Leben bleibt, ist selten eine ungebrochene Erzählung. Eher sind es Namen, Verluste, Verschiebungen, einige überdauernde Gesten und die Frage, was weitergegeben wird, obwohl fast alles vergeht. Das Rad der Fortuna dreht sich weiter; Erinnerung ist nur der Versuch, nicht ganz unter ihm zermalmt zu werden.
Sors salutis
et virtutis
michi nunc contraria,
est affectus
et defectus
semper in angaria.
Hac in hora
sine mora
corde pulsum tangite;
quod per sortem
sternit fortem,
mecum omnes plangite!
Das Los des Heiles,
Pfad der Tugend,
Entflohen sind sie meiner Jugend.
Ob Willenskraft,
Ob schwaches Flehen:
Im Fron wird alles untergehen.
Darum rührt die Saiten ohne Säumen,
Erwacht aus Euren Schicksalsträumen!
Sie schlagen auch den Starken nieder,
Und beugen seine stolzen Glieder.
Das Schicksal bricht stärksten Mut,
Klagt alle mit in heißer Wut!
Gönn mir Milde, Schicksalskraft,
Ende diese Wanderschaft!
Lass Dein Rad in Güte steh’n,
Lass das Blatt sich neu mir dreh’n.