Einfache Menschen

Hörst du das, Vater? Das ist der Klang der Veränderung, der Wind der Revolution, das Feuer der Reinigung!

[Ein Arbeitszimmer in einer brandenburgischen Großstadt. Im Raum befinden sich ein Vater
und ein Sohn. Der Vater ist Staatsdiener, er arbeitet in einem Ministerium, dass sich mit der
Verteilung von Sozialgeldern beschäftigt. Der Sohn ist ein Akademiker der
Geisteswissenschaften. Die Wohnung ist groß, insgesamt fünf geräumige Zimmer. Sie befindet
sich in der Altstadt; ein angenehmes, ruhiges Viertel. Das Arbeitszimmer ist altmodisch
eingerichtet – es befinden sich dort ein einhundertfünfzig Jahre alter Schreibtisch, ein
Erbstück, ein Ledersessel, eine alte Lampe und Eichenholzregale, in denen unzählige Bücher
stehen, sowohl wissenschaftlicher Natur als auch belletristischer. Von Kafka und Camus zu
Marx und Nietzsche bis hin zu Céline, Drieu la Rochelle, Brasillach, Lovecraft und die alten
Klassiker der antiken sowie mittelalterlichen Dichtung lässt sich hier fast alles finden.
Der Sohn ist zu Besuch gekommen. Der Vater sitzt in seinem Sessel und raucht eine Pfeife,
während der Sohn aufgebracht im Zimmer auf und ab geht. Die beiden führen ein
Streitgespräch.
]


SOHN: Die einfachen Menschen sollten sich gegen die Machthaber, das korrupte System
erheben. Wenn wir zusammen arbeiten, wenn wir zusammenhalten, wenn wir endlich unsere
kleinlichen Differenzen überwinden – dann können wir diese Welt zum Guten wenden! Eine
echte Revolution ist vonnöten!


VATER: Eine naive Vorstellung. Die Geschichte zeigt uns, dass Revolutionen nur eine alte
Elite gegen eine neue tauschen. So war es schon immer, so wird es auch immer sein. Ob nun
die Englische, die Amerikanische, die Französische, die 48er-, die November-, die Nationale,
die Nelken-, die Friedliche oder irgendeine Farbrevolution. Das Ancien Régime wird
hinweggefegt und an seiner Stelle tritt ein neues System. Und abgesehen davon – wer sind
überhaupt diese »einfachen Menschen«, von denen Du da sprichst?


SOHN: Das sind die Massen! Das Heer der Arbeitslosen! Die Proletarier, das Prekariat! Das
sind die Unterdrückten und Unglücklichen! Das sind die Arbeiter, die Diener – es sind die
Machtlosen. Der einfache Mensch, das ist der Müllmann, der Student, der Ausländer, der zu
Unrecht Verurteilte, der Bauer, der Kellner, die Hausfrau, die Menschen des Globalen
Südens, der Obdachlose, der Geflüchtete; Menschen wie du und ich!


VATER: (lacht kurz auf) Menschen wie wir? Menschen wie wir sind keine »einfachen
Menschen«. Wir sind weit davon entfernt.


SOHN: (schüttelt den Kopf) Wir haben mehr mit den Ärmsten der Ärmsten gemeinsam als
mit den mächtigen Firmenbossen und Politikern, die die Geschicke diese Welt lenken!

VATER: Haben wir? Was genau? Wir sind alle Menschen, das ist ein unwiderlegbarer
biologischer Fakt. Wir sind alle Teil der Menschheit – aber »die Menschheit« ist nur eine
zoologische Kategorie, keine politische Einheit. (schaut den Sohn fragend an) Was habe ich
mit den Ärmsten der Gesellschaft gemeinsam? Sieh Dich doch nur mal um – wir sind
umgeben von Büchern, von Kunst und Kultur, von Wohlstand und Reichtum. Drei Mahlzeiten
am Tag. Ein eigenes Auto. Urlaub in ferne Länder. Besuche in Theatern und Museen. Eine
große Wohnung. Genügend Platz für Zerstreuung. Ein heiles Dach über den Kopf. Meine
Kinder habe ich auf die besten Universitäten des Landes geschickt. Nie habt ihr wahren
Hunger gekannt oder grausame Kälte. (zeigt auf den Sohn) Du konntest dich mit
Schriftstellern und Künstlern auseinandersetzen, von denen fünfundneunzig Prozent der
Bevölkerung nie gehört haben.


SOHN: (hört gar nicht genau hin) Die Schwachen werden von den Starken tyrannisiert. Die
Wenigen herrschen über die Vielen.


VATER: Glaubst Du, es sollte andersherum sein?


SOHN: Ja! Die Schwachen und die Vielen haben das Recht zu herrschen. Es ist das Schicksal
der Massen, zu führen.


VATER: Massen können nicht führen, Massen werden geführt – ohne Führer sind die
Massen nichts weiter als ein Mob. Ohne revolutionäre Energie ist er träge, doch mit ihr … das
ist eine explosive Mischung, eine gefährliche Mischung. Dann wird der Mob, die Masse zur
Sintflut, die keinen Stein auf den anderen lässt.


(Von weiter Ferne her hallt Geschrei ins Zimmer. Man muss sich ganz genau darauf
konzentrieren, um es zu hören. Irgendwo rumort es.
)


SOHN: Das ist gut! Das bedeutet Veränderung! Die Herrschaft der Massen – oder die
Herrschaft des Mobs, wie du es nennst – ist der Tyrannei einer moralisch korrupten Elite
vorzuziehen. Der einfache Mensch ist dem mächtigen Herrscher weit überlegen!


Vater: Du glaubst, der einfache sei inhärent gut? Mein Sohn, Du hast keine Ahnung von der
Grausamkeit der untersten Schicht. Wer jeden Cent umdrehen muss, wer jeden Tag ums
Überleben kämpft, wer zwölf Stunden wie ein Ochse unter dem Joch schuftet, wer nicht weiß,
woher er seine nächste Mahlzeit bekommt, wer die Perspektive und die Hoffnung verloren
hat, weil er seit Jahren arbeitslos ist, weil er vom Sozialstaat abhängig ist, der kann sich keine
Moral leisten. Viele von ihnen, nicht alle selbstverständlich, aber viele von ihnen sind gierig,
egoistisch, grausam, brutal, mitunter stumpf und kaltherzig. Es ist eine Welt, wo Hunde
andere Hunde fressen. Und wer nicht selber so agiert, geht unter.

Ein Vater aus dem Prekariat, aus der untersten Schicht gibt das Kindergeld, was er bekommt,
nicht für seine eigenen Kinder aus, sondern für Alkohol und Zigaretten.
Ich kenne Mütter, die während der Schwangerschaft trinken und Drogen nehmen. Die Hälfte
der ungeborenen Kinder treiben sie ab, die andere Hälfte landet in Pflegefamilien oder im
selben Sumpf, in dem ihre Eltern bereits leben. Sie lernen daraus nichts. Sie setzen weiter
Kinder in die Welt – immer mit anderen Partnern. Sie schädigen ihren Nachwuchs, zerstören
dessen Existenz. Es gibt Ehemänner und Väter, die ihre Frauen und Kinder jeden Tag
verprügeln. Sie saufen sich besinnungslos und dann schlagen sie ihre Familie und der Tag
geht von vorne los.
Einfache Menschen gewinnen im Glücksspiel und verprassen ihren Millionengewinn auf der
Stelle, statt ihn in irgendetwas Sinnvolles zu investieren.
Im Zweiten Weltkrieg haben Frauen aus einfachen Verhältnissen ihre Töchter und Söhne
verkauft oder prostituiert, nur um ein Stück Brot zu erhalten. Und wenn wir unseren
Kulturkreis verlassen, begegnen wir einfachen Menschen, die zusehen, wie ihre eigenen
Kinder elendig krepieren und die Leichen einfach liegen lassen. Wenn man sie darauf
anspricht, sagen sie mit einem Schulterzucken: »Was solls? Ich kann immer wieder neue
machen!«
Was glaubst Du, warum so viele einfache Menschen aus diesen Verhältnissen fliehen wollen?
Und wer kann es ihnen verübeln? Bitterste Armut und prekäre Verhältnisse machen auch aus
der edelsten Seele einen Wahnsinnigen.


SOHN: (breitet die Arme aus) Deshalb müssen wir etwas ändern! Wir brauchen eine echte
soziale Revolution! Wir brauchen endlich Gleichheit und Gerechtigkeit! Eine Revolution ist
dringender denn je!


(Schüsse ertönen. Irgendwo explodiert etwas. Sirenen heulen auf. Alles ist noch weit entfernt.)


VATER: Revolutionen! Wie ich Dir bereits gesagt habe, sind Revolutionen das Werk von
Eliten, von Gegen-Eliten um genau zu sein. Gegen-Eliten, die unzufrieden mit dem jetzigen
System sind und sich nach Veränderungen sehnen – oder nach einem größeren Anteil am
Kuchen. Sie wiegeln die Massen auf, streichen ihnen Honig ums Maul, versprechen ihnen
eine bessere Welt und nutzen sie als Rammbock gegen ihre Feinde. Und damit wir uns nicht
falsch verstehen – sollte es zu einer Revolution der Massen kommen, oder der einfachen
Menschen genauer gesagt, dann sind wir ebenso dran.


SOHN: (verwirrt, ungläubig) Wieso? Wir sind doch nicht die Herrscher!


Vater: (pafft an seiner Pfeife) Meinst Du, dass interessiert dem Mob? Wir gehören nicht zu
ihnen, das stimmt, aber wir sind Bürgerliche – Bourgeoisie. Wir sind wohlhabend. Wir haben
Privilegien. Du bist ein Akademiker und ich bin ein Beamter, ein Diener des Staatsapparats, des Systems.

Ich stehe zwar nicht in der ersten Reihe, aber sicherlich in der zweiten oder
dritten. Früher oder später kommen sie zu mir. Und dann schlagen sie mir den Kopf ab und
stecken ihn auf eine Lanze. Glaubst Du, die Bolschewisten haben sich nur mit den Adligen
und Großgrundbesitzern begnügt?


SOHN: (wendet sich ab) Du übertreibst maßlos! Ich verstehe auch nicht, warum die
einfachen Menschen sich gegen mich wenden sollten. Schließlich teile ich ihre Ziele,
unterstütze sie.


VATER: Irrelevant. Die Revolution frisst immer ihre eigenen Kinder. Ein System, das mit
revolutionärem Geist erbaut wurde, braucht ständig neue Feinde. Eine Revolution darf nicht
abgeschlossen werden, ansonsten wird sie selber zum starren System, zum Ancien Régime,
und damit auch zum Ziel der nächsten Revolution.
Selbst wenn achtundneunzig Prozent der Partei oder dem Führer oder dem Generalsekretär
zustimmen, bleiben immer noch zwei Prozent übrig. Und es werden immer zwei Prozent
übrigbleiben. Denn – die Revolution darf nicht abgeschlossen sein. Und sobald die
vermeintlich echten Feinde der Revolution vernichtet wurden, wendet man sich gegen die
Feinde im Inneren. Die Saboteure, die Verräter, die Abweichler, die Dissidenten, diejenigen,
die nicht rein genug sind. Dann kommen die internen Säuberungen.


SOHN: Ich glaube an das Gute in diesen Menschen. Sie werden sich nicht von der Macht
korrumpieren lassen. Sie alle eint das Verlangen nach Veränderung, das Verlangen nach einer
besseren Welt. Sie sind edel, rein bescheiden.


VATER: Die einfachen Menschen, die in Deiner Vorstellung leben, gibt es nicht mehr –
wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat. Das heutige Prekariat ist eine Ausgeburt der
Industrialisierung. Die bittere Armut ist das Ergebnis der modernen Zivilisation. Vielleicht …
gab es einst ein einfaches Volk, schlichte Menschen, die kaum etwas ihr Eigen nannten und
mit dem Wenigen zufrieden waren – sie kannten schließlich nichts anderes. Doch der
Kapitalismus änderte das. Die Menschen konnten nun bis zum Himmel aufsteigen … und
genauso tief, wenn nicht gar noch tiefer fallen. Und dieses Mal wissen sie, was sie oben
erwartet. Diese Menschen hocken im dunklen Abgrund und sehen das Licht von oben herab
scheinen.


SOHN: (erbost) Und was ist deine Lösung? Nichts tun? Den Menschen ihr Schicksal
überlassen? Zusehen, wie sie leiden?


(Der Tumult auf den Straßen kommt näher. Mehr und mehr Sirenen erklingen. Kurz schaut
der SOHN zum Fenster, konzentriert sich aber gleich wieder auf den VATER
.)

VATER: Um Gottes willen, nein. Niemand sollte solch ein Schicksal erleiden. Aber Du wirst
diesen Menschen nicht helfen, indem Du sie in den Schlund einer gewaltigen Revolution
wirfst. Es braucht soziale Reformen. Es braucht Aufstiegschancen. Es braucht Sicherheit und
Ordnung. Die Auswirkungen des Kapitalismus müssen gebremst werden. Die Gemeinschaft,
die echte Gemeinschaft, muss wiederhergestellt werden. Es braucht stabile Familien, in denen
Kinder glücklich aufwachsen können, intakte Strukturen auf dem Land und in der Stadt, einen
sicheren öffentlichen Raum, ein entschleunigtes Leben, Entfaltungsmöglichkeiten für Kinder
und Jugendliche, eine stabile Wirtschaft. Wir müssen die Städte verdörflichen, die tausenden
anonymen Gestalten aus den Mietskasernen befreien, den engen Raum erweitern. Die
Menschen brauchen echte, lebensnahe, zugängliche Bildung – das heißt nicht, dass jetzt jeder
studieren gehen muss oder das wir die Inhalte weiter verwässern, sodass jeder es schafft. Man
müsse sich nach den Fähigkeiten und Kenntnissen der Menschen richten. Aber all diese
Veränderungen brauchen Zeit.


SOHN: (wütend) Zeit, die wir nicht haben! Den Menschen dürstet es jetzt nach
Veränderungen, nach Lösungen – und zwar nach schnellen und radikalen. Nur eine
allumfassende, totale Revolution kann uns jetzt noch retten.


VATER: Du siehst die Risse im Gebäude, doch statt es zu reparieren, willst Du es abreißen.


SOHN: Manchmal muss man das Alte beiseite wischen, um Platz für etwas Neues zu
schaffen!


VATER: (ermahnend) Wer das Fundament seines Hauses zerstört, braucht sich nicht
wundern, wenn eines Tages das Dach über einen einstürzt.


(Immer mehr Schüsse und Explosionen ertönen. Der Krawall draußen wird stetig lauter. Was
auch immer passiert, es ist jetzt sehr nahe. Unzählige Schreie sind zu hören.
)


SOHN: (zeigt zum Fenster) Hörst du das, Vater? Das ist der Klang der Veränderung, der
Wind der Revolution, das Feuer der Reinigung! Nun wird das alte, morsche System
hinweggefegt! Die Zeit der Unterdrückung und der Ausbeutung ist vorbei! Nun nehmen die
Schwachen, die Vielen, die Fremden, die einfachen Menschen ihren rechtmäßigen Platz als
Herrscher ein! Vor unseren Augen wird eine neue, bessere Welt geboren!


VATER: (traurig) Noch bevor die Sonne wieder aufgeht, wird man Deinen leblosen Körper
durch die Straßen schleifen, mein Sohn.


(Der Sohn tritt ans Fenster und schaut hinaus. Die Stadt steht in Flammen. Das Gesicht des
Sohnes wandelt sich langsam von freudiger Erwartung zu Unsicherheit.
)

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