Turin

Über Nietzsches Einsamkeit.

Es gibt Menschen, die scheinen immer in die Ferne zu schauen, auch in der Gesellschaft anderer. Sie sind zwar körperlich, aber nicht geistig anwesend. Von ihnen wird gesagt, dass sie nicht in dieser Welt sind. Sie sind anwesend und sie sind es doch nicht wirklich.   

   Dieser ferne Blick auch in Gesellschaft führt dazu, dass die übrigen Anwesenden ignoriert werden, oder sich zumindest ignoriert fühlen können. Was wiederum zu anderen Blicken führt, nämlich zornigen. Der in die ferne Schauende hat nun das Problem, dass er aus diesem Teufelskreis nicht herauskommt. Er wird immer einsamer. Dieser Mensch wirkt auf die anderen auf eine Art und Weise, als ob er einsam sein will, nicht nur durch seinen fernen Blick. Und vielleicht will er das ja wirklich.   

   Aber kann dieser ferne Blick nicht auch eine Ausschau und Sehnsucht nach Menschen sein? Nach Menschen, die es auch zu diesem fernen und magischen Horizont des Geistes zieht, der für den in die Ferne Blickenden selbst so anziehend ist? Der Philosoph der Fernstenliebe Nietzsche war in Gesellschaft seinen Nächsten fern, er wirkte oft irgendwie abwesend. Es gab viele Faktoren, die sein Leben einsam machten, etwa seine Krankheit, die ihn zum Schluss in den Wahnsinn trieb und die immer wieder längere Pausen und Enthaltungen von ihm abverlangte und nach wenigen Jahren zum Ende seiner akademischen Tätigkeit mit der freiwilligen Aufgabe seiner Professur in Basel führte. Dann stellte er fest, dass er auch abseits des akademischen Geschehens gute Bücher schreiben konnte, noch dazu in der einsamen Atmosphäre eines Hochgebirges, in Sils Maria in den Bergen des Oberengadins, dem Geburtsort des Zarathustra.   

In diesem Buch feierte er die Fernstenliebe und den Leib, seine damit verbundene Kritik am mitleidigen Christentum ist unverkennbar. Man fragt sich jedoch als kritischer Leser, der sich auch für die Biografie Nietzsches interessiert, warum er dann den Leib anderer Anwesender nicht schätzte, wenn er in ihrer Gesellschaft war, sondern stattdessen oft in die Ferne schaute. Und man stellt sich zudem die Frage, ob er nicht vielleicht sogar ein Soziopath war. Sein ganzes Werk könnte man dann als ein Davonlaufen vor dem naheliegenden Eingeständnis, dass er große soziale Defizite hatte, verstehen.   

Die Einsamkeit führt zwangsläufig zu einer Introspektion. Und nun wird es gefährlich. Man wendet seinen Blick vom Horizont ab und schaut in Abgründe, letztlich auch in seinen eigenen Abgrund. Aus Introspektion kann dann schnell Selbstentschuldigung werden: Warum war man nur so passiv im Leben? Warum mögen einen die anderen nicht? Warum ist man nur so einsam? – Man ist schon etwas Besonderes. Hat der Schöpfer der Psychoanalyse Sigmund Freud, der nicht nur die Introspektion, sondern auch Nietzsche bewunderte, hier vielleicht etwas übersehen? Wie dem auch sei. Die beste Lösung scheint dann für den Einsamen wohl in der Tat diejenige zu sein, bei der er wirklich selbstbewusst einsam sein will. Was zu noch mehr  Einsamkeit führt. Und wieder ist da dieser Teufelskreis.   

Und dann ergab sich aus der Einsamkeit Nietzsches seine geistige Produktivität. Es wurden Energien freigesetzt, die sich in der Gesellschaft anderer nicht ausleben konnten. Dies galt für das Schreiben wie auch für die Liebe, woraus die Liebe zum Schreiben folgte, die diesen Mangel auf eine ideale Art und Weise kompensierte. Und das Produkt war dann tatsächlich auch der Zarathustra, der ideale Sohn, der den realen Sohn ersetzte. Die eigenen Gedanken wurden zu Freunden, Ehefrauen und sogar Kindern, da die realen Menschen fehlten. Es gehört zur Tragik des Lebens von Nietzsche, dass er Beides wollte: Die Einsamkeit, um ungestört zu wahrer Erkenntnis zu gelangen, und die Gesellschaft anderer, für den philosophischen und privaten Dialog. Da konnte er Sokrates noch so sehr kritisieren; wie freute er sich doch und drückte dies auch in seinen Briefen aus, wenn jemand ihn in seiner Gebirgseinsamkeit in Sils Maria besuchte. Man merkt es auch seinen Aphorismen in seinen Werken oft an, dass sie einen inneren Dialog widerspiegeln, der reale Dialog mit anderen konnte ja nur selten geführt werden. Auch die vielen Briefe, die er schrieb und die ganze Bände füllen, sind Zeugnis eines Bedürfnisses nach Austausch, bis hin zu den Briefen des Wahnsinns in Turin.    

In Turin hatte Nietzsche am Anfang des Jahres 1889 sein spätes Schopenhauer-Erlebnis. Das Mitleid, über das er vorher nur auf theoretischer Ebene reflektierte, wurde für ihn persönlich nun plötzlich höchst real, zwar nicht zu einem Menschen, aber zu einem Tier. Er sah ein Pferd, das von einem Kutscher vor der Kutsche ausgepeitscht wurde. Er warf sich dem Pferd um den Hals, umarmte es und weinte.    

Sieben Jahre zuvor, 1882, war Friedrich Nietzsche mit Paul Ree und Lou Salome in Luzern in einem Fotoatelier. Dort entstand ein Bild, auf dem Nietzsche und Ree vor einem Karren stehen. Lou steht mit einer Peitsche direkt hinter ihnen. Nietzsche blickt auf dem Bild in die Ferne.   


Aus der Wahl den Mangel machen. 
Gold den Münzen überziehn,
vor den Kunden niederknien,
sich dabei ins Fäustchen lachen.
Wechsel dich, auf, auf!

Blick zurück, nicht in die Ferne,
Blick auf all das unter dir,
schleichend, kriechendes Gesindel
– nein, zu hart – ich sag Getier, meidet Horizonte gerne.
Und du schreist Kauf, Kauf!

Sieh, wie sich das Pferd dort
drüben unter harten Schlägen
duckt, selbst der Kälteste da zuckt
will in Herzigkeit sich üben.
Mitleid, treib es aus!

Lebhaft unter Peitschen stehen?
Lass dir dies erlassen sein:
Wehetat erhält dich rein!
Blicke fort und seitwärts gehen?
Sag, was wächst daraus?

Fortgeh’n, ja, das wär ein
Meiden und das Bleiben ach so
schwer – nur im Wahne
nimmermehr du die Frage musst
entscheiden:
Ist denn Scheiden Graus?

Einsam bin ich, ganz allein, niemand
konnte ich gewinnen, und kein
Freund, der noch bei Sinnen, will in
meiner Nähe sein.
Warf doch alle raus!

Schmerzen branden an mein Ufer,
keine Woge ist mehr glatt, ach,
was habe ich es satt, als der
Ewigkeit Anrufer halt ich’s nicht
mehr aus!

Wenn aus eins und eins nicht zwei,
wenn nun fügt was sich nicht bindet,
wenn der Schöpfer nicht erfindet,
Herold dennoch kommt herbei, rat
ich dir: Lauf, lauf!

Was sich sehnt, das will auch suchen.
Aus der Deckung tritt der Feind!
Doch wenn dein Gesicht erscheint,
willst du ihn dann nur verfluchen?
Keule raus, hau drauf!


Sieh den Baum, wie schön er
blühet glänzend in der Sonne steht,
trotzt dem Wind, der ihn umgeht.
Du bist immer noch bemühet,
Wurzeln gräbst du aus.

Es ist Kraft, die zieht hernach!
Kater schnurren, beißen dann,
Löwen wollen, reißen dann. Wer
verkennt es noch als schwach,
klein wie eine Maus.

Du hast Recht, nun gib mir Macht,
scheren will mich nimmermehr
der Erklärer Silbenheer, darob
Zarathustra lacht, Führe mich
hinaus!

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