Der Drachenlord als Künstler
Wir befinden uns im Zeitalter der Bildwerdung des Menschen. In dieser Phase tritt ein Bild in Erscheinung, das man Drachenlord nennt. Sein Werdegang lässt sich wie folgt zusammenfassen: Sonderschulabschluss, das Erbe seines Elternhauses (der Drachenschanze), die Gründung seiner Social-Media-Kanäle, die Veröffentlichung seiner Wohnadresse, der darauf folgende mediale wie außermediale Krieg mit seinen Haidern, der Abriss der Schanze und schließlich das Fristen als global geächteter Metal-Pilger.
Die dominante Lesart des Drachen als Berühmtheit durch Fettleibigkeit, Hässlichkeit und Dummheit ist unzureichend. Derlei Subjekte existieren überall, ohne je eine vergleichbare memetische Virulenz zu entfalten. Um den Drachen zu verstehen (und um seine Zukunft zu prognostizieren), müssen wir ihn als Künstler begreifen.
Ein Künstler ist jemand, der eine Position hat, d. h. einen Standpunkt, von dem aus er einen Blick entwirft, d. h. eine Vision, und diese Vision durch seine Stimme kommuniziert. Zugleich darf der Künstler sich niemals nur im Selbstausdruck erschöpfen (was masturbatorisch wäre), sondern muss universelle Prinzipien der Wirklichkeit artikulieren.
Der Drachenlord operiert in mindestens drei Kunstformen: Performance, (Bewegt-)bild und Sprache.
Performance
Der Drache streamt einen Heiratsantrag an seine anonyme Internetfreundin. Sie gibt sich während des Streams als Haiderin zu erkennen und verspottet ihn gemeinsam mit ihrem Strippenzieher Dorian, dem Übermenschen, der die ganze Zeit außerhalb des Bildfeldes ihrer Kamera saß. Der Drache begann daraufhin zu weinen und spielte zugleich einen vorbereiteten Soundeffekt von zerbrechendem Glas ab, der sein Herz symbolisieren sollte.
Diese Anekdote zeigt zweierlei:
- Dem Drachen wurde tatsächlich das Herz gebrochen.
- Der Drache hatte mit dem Bruch seines Herzens gerechnet und bricht ihn ironisch durch einen künstlich-künstlerischen (Sound-)Effekt.
Daraus folgt, dass Herr Winkler nicht identisch mit der Figur des Drachenlords ist. Wie ein Method Actor versenkt er sich emotional in seine Rolle, ohne dabei eine gewisse Distanz zu verlieren. Diese Spaltung zwischen Herrn Winkler und dem Drachen manifestiert sich im Soundeffekt und zieht zwei Effekte nach sich:
- Verhinderung von Kitsch.
Nach Walter Benjamin ist Kitsch Kunst ohne Distanz. Der Soundeffekt fungiert als distanzierende Verfremdung im Sinne von Bertolt Brecht. Er zwingt das Publikum, die Szene nicht eindimensional ernst zu nehmen. - Förderung von Hate.
Die Haider spüren intuitiv, dass sie nicht Herrn Winkler angreifen, sondern die Kunstfigur Drachenlord. Deshalb nennen sie ihren Kampf gegen den Drachen das Drachengame. Sie begreifen sich als Akteure eines (Sechs-Jahres-)Spiels.
Das universelle Prinzip, das hier sichtbar wird, lautet: Der Mensch kann sich selbst spalten, und diese Spaltung erlaubt es anderen, ihn gleichzeitig zu quälen und zu verherrlichen.
(Bewegt-)bild
Der Drachenlord verfügt über eine präzise Bildsprache, die sich auf mindestens zwei Ebenen analysieren lässt:
1. Selektion der Bildelemente
Seine Bilder folgen einem System im Sinne von Niklas Luhmann. Dieses System grenzt sich von anderen Systemen ab und stabilisiert sich durch Selektion.
Beispiele für mögliche Elemente:
• Metalposter
• Diskokugeln
• Sperrmüll
Beispiele für unmögliche Elemente (Anachronismen):
• Rothko
• Psyche
• korrekt gebundene Fliegen
Dieses System ist kein synthetisch konstruiertes Gedankengebäude, sondern ein organisch erwachsener Abgrund (natürliche Tiefgründigkeit statt künstlicher Höhe). Der Drache entscheidet sich nicht aktiv gegen Rothko. Rothko ist außerhalb der Drachen-Vision, wie er auch außerhalb der El-Tetawy- oder Dalí-Vision ist.
Der Rezipient erkennt das System, den Blick, den Stil des Drachen, was zu einer automatischen Markenbildung führt, die dank ihrer intuitiven Natur niemals zum Klischee oder zur Marotte verkommt. Wir sind immer wieder erstaunt vom Neuesten des Drachengames, ohne dabei jemals mit der Inkohärenz einer schwachen künstlerischen Position konfrontiert zu werden.
2. Darstellungsform der Bildelemente
Die formale Ebene der Bilder charakterisiert sich typischerweise durch:
• statische Einstellungen
• lange Dauer
• verschobene Kadrierung
• leere Flächen
• niedrige Auflösung
Diese Ästhetik erinnert an Michelangelo Antonioni, dessen Figuren in einer entleerten, brutalistischen Welt verloren sind. Die Umgebung ist, wie beim Drachen, geronnener Blick, und beide Künstler zeigen das Subjekt, durch seine physische Umgebung, an den Bildrand gedrängt. Während Antonioni eine kritisch-distanzierte Perspektive auf dieses Verlorensein präsentiert, reproduziert die Perspektive des Drachen sein eigenes Verlorensein.
Trotzdem: Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Der Drache ist der Antonioni des Metal, und wann immer er eine derartig starre, verschobene Kadrierung postet, sollten seine Haider mit #Antonioni-Lord kommentieren.


Sprache
Der Drachenlord hat eine eigene rhetorische Figur etabliert, die man Präzisionsunklarheit nennen könnte.
Das vielleicht prominenteste Beispiel für eine Präzisionsunklarheit:
„Ich fahr nicht Motorrad, weil es cool ist; ich fahr Motorrad, weil ich das gerne fahr. Abgesehen davon fahr ich kein Motorrad. (Drachenlord)“
Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Widerspruch:
• Satz 1: Ich fahre Motorrad.
• Satz 2: Ich fahre kein Motorrad.
Tatsächlich aber liegt ein nicht im geringsten widersprüchlicher, semantisch korrekter Satz der Aussagenlogik vor:
[¬(c → m)] ∧ [g → m] ∧ [∀(¬g): ¬m]
Oder weniger formal ausgedrückt:
Es gilt: Nicht: (wenn cool → Motorradfahren)
Und zugleich: Wenn gern → Motorradfahren
Und zugleich für aller Fälle ohne gern: Kein Motorradfahren
Der Satz ist paradoxerweise so präzise, dass er widersprüchlich wirkt. Der Humor entsteht dabei durch eine fast klassische Verwechslung von Entitäten. Klarheit in der Sprache erzeugt hier einen Schwindel im Denken.
Das universelle Prinzip lautet demnach: Präzision kann destabilisieren und so Humor erzeugen.
Die Zukunft des Drachen
Dieser Text hat gezeigt, dass der Drachenlord kein bloßer Internet-Hallodri ist, sondern ein Künstler mit Position, Vision und Stimme. Daraus folgt eine zwangsläufige Kanonisierung, an deren Aktualisierung dieser Text hoffentlich seinen (hyperstitionalen) Beitrag leisten wird.