Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe

Seibt schrieb keine Goethe-Biographie, wohl aber lernt man Goethe in diesem Buch kennen, vermutlich in einer Breite, wie es kein anderes Buch in diesem Umfang schafft.

An diesem Sonntag jährt sich Goethes Todestag zum 194. Mal. Dass noch nicht alles zu Goethe gesagt ist, zeigt nicht bloß die Affinität Xi Jinpings, der als Jugendlicher dreißig Kilometer wanderte, um einen Faust auszuleihen und sein Gesamtwerk ins Chinesische übertragen lässt, sondern auch Gustav Seibt, Historiker und Literaturkritiker Jahrgang 1959, in seinem neuen Werk Ein Sommer mit Goethe, welches sich an bekannten französischen Radiosendungen, wie sie zu verschiedenen Denkern ausgestrahlt werden, orientiert.

In Gustav Seibts Sommer mit Goethe begeben wir uns auf einen abenteuerlichen Ritt durch das mannigfaltige Werk Goethes, auf dem sowohl der Kenner neue Aspekte entdecken und der Anfänger einen kurzweiligen und breitgefächerten Einstieg wagen kann. Das Besondere ist, dass es sich hierbei nicht lediglich um ein verschultes Sekundärwerk handelt, sondern Goethe in großen Passagen selbst zu Wort kommt. Er erscheint als der Allrounder der deutschen Schriftstellerei: Auf verschiedensten Gebieten bewandert, insbesondere der Naturbeobachtung, der Kunst und gesellschaftlichen Fragen weisen seine Gedichte und autobiographischen Schriften eine von der hiesigen Germanistik oft außer Acht gelassene philosophische Tiefendimension auf und stehen in engem Zusammenhang mit ästhetischen und naturwissenschaftlichen Schriften.

In diesem Sinne sollte bestenfalls – in Anlehnung an einen Ausspruch, den Hegel von sich selbst machte – der ganze Goethe gelesen werden. Wer ihn nicht gelesen hat, brauche sich dennoch nicht zu schämen, so Seibt. Manchmal sei es gerade ein Vorteil, ihn nicht im Deutschunterricht behandelt zu haben und dies kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. So, wie man in katholischen Kreisen oft einen guten Werte&Norm-Unterricht einem schlechten Religionsunterricht vorzieht und manches Werk lieber gar nicht als unfrei gelesen werden sollte (etwa Bücher der Art Looking for Alaska, die cringe werden, sobald es Erwachsene auseinandernehmen, oder Brave New World, wenn die Lehrerin erklärt, auf wen man das zu münzen habe und dann hat man diese schrecklichen Klugscheißer, die Animal Farm nur sowjetkritisch lesen; all in all you’re just another brick in the wall, aber ich schweife aus) geht es vielen Lesern mit Goethe. Seibt nennt unattraktiven Unterricht und fehlende andere Gelegenheiten. Etwa der Faust müsse einen im richtigen Moment treffen. Mich traf Goethe sogar erst im Masterstudium; jede Zeile liest sich mir innerlich mit der Stimme dieses einen mitreißenden Professors. Der rechnete noch damit, dass wir alle den Faust gelesen hatten und wenn Sie sich an diese und jene Stelle erinnern usw. usf. … Bei all meiner obigen protoanarchisch-schulkritischen Unkerei ein löblicher Anspruch.

Seibt schrieb keine Goethe-Biographie, wohl aber lernt man Goethe in diesem Buch kennen, vermutlich in einer Breite, wie es kein anderes Buch in diesem Umfang schafft. Drei Kapitel taten es mir besonders an; sie berühren ganz verschiedene Bereiche aus Goethes Leben und Fragen aus seinem Werk. 

Das erste ist dasjenige, in dem Goethe mit seinen Freunden den Vesuv besteigt. Seibt zitiert aus der Italienischen Reise:

„Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert ihr zu trotzen, so bedachte ich, dass es möglich sein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen hinauf an den Schlund zu gelangen […]. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich, aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man um etwas heraus zu sehen. […] Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das vor den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon, und wir, ohne zu bedenken, dass wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am Fuße des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert.“


Was für ein toller Ausflug das gewesen sein muss! Sinneseindrücke, Naturphänomene und Erfahrungen, auch in der Erprobung des Selbst und seiner Beherrschung zu beschreiben, gelingt Goethe immer wieder und gerade in der Überwindung der sinnlichen Überwältigung bestand sein Interesse, so Seibt. 

Hier lässt sich Goethe in seinem Abenteuer von Asche berieseln, andernorts achtet er sorgfältig auf Kleidung und Frisur. Als junger Mann war er zum Studium nach Leipzig gekommen, und obwohl sie neu war, saß seine Kleidung eher schlecht als recht, wie ihm spätestens beim Besuch eines Theaterstücks auffällt: Er ähnelt dem Dorfjunker und wagte es, um diesem Zustand zu entkommen, „[s]eine sämtliche Garderobe gegen eine neumodische, dem Ort gemäße auf einmal umzutauschen“. Etwa zehn Jahre später, heißt es von Seibt, wird Goethe selbst „mit einem eigenen literarischen Werk modischer Trendsetter“, erschoss sich doch sein Werther „in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.“ Sein Äußeres ähnelt dem jungen Goethe: Er ist schlank und hat braune Locken, denn weder ist er fett noch blond, wie Hamlet, den er spielen sollte.

Ganz im Gegensatz zur Konkretheit der Menschen und Phänomene steht Goethes Gottesbegriff, ohne den er auch nicht auskommen würde – „Man kann in den Naturwissenschaften über manche Dinge nicht gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber nicht jene Schul- und Wortweisheit: es ist dasjenige, was vor, mit und nach der Physik war, ist und sein wird.“ – und welcher in mehreren Kapiteln aufscheint. Denn zwar sagt Goethe von sich, weder ein Unchrist noch ein Widerchrist zu sein, aber doch ist er auch kein Christ, denn: Gott ist für ihn keine Person. In seinem Nachlass fand sich ein Schema, welches uns Menschen als naturforschend als Pantheisten, dichtend als Polytheisten und sittlich als Monotheisten vorstellt. 1812 beschreibt er in Form einer Ballade nach Seibt den „Einbruch des jungen Christentums in die Welt antiker Götterverehrung“. Einerseits stellt der im Vergleich zum Heidentum abstrakte Gott des Christentums „hinter des Menschen alberner Stirn“ (Goethe) eine Entwertung von Immanenz und damit der Kunst dar. Der Goldschmied, welcher in Ephesus in seiner Werkstatt die Skulptur einer Göttin gestaltet – mit ihm identifizierte sich Goethe in einem Brief an Jacobi. Anschaulich und vielgestaltig soll „die Breite der Gottheit“ sein. Und obwohl sich der „[s]einige [Gott] immer mehr in sie [die Welt] verschlingen“ muss, ja „alles Drängen, alles Ringen / […] ewige Ruhe in Gott dem Herrn“ ist, wird er abstrakt: „Der Professor ist eine Person / Gott ist keine.“ Die Göttervorstellungen des Heidentums sind nach dem Menschen geformt, nicht der Mensch nach ihnen; mit der Unpersönlichkeit Gottes zerrinnt aber auch das gesamte heilsgeschichtliche Weltschauspiel des Christentums. Der Gottesbegriff, dem Goethe als religiöser Denker am nächsten komme, schließt Seibt, sei der des Islam. Und so bildet der schnelllesige Sommer mit Goethe, in dem Seibt es schafft, eine angemessene Tiefe des Blicks mit Kurzweiligkeit zu verbinden, viele Aspekte des Goethe’schen Werks ab, die zur tieferen Lektüre von diesem oder jenem Ende oder auch von einer Mitte aus einladen, sei der Leser bereits infiziert oder noch nicht.





Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe. C.H. Beck, München 2026.

272 Seiten, Hardcover mit Umschlag und Lesebändchen. 25€

„Grashupfer tanzten um mich her, 
Ameisen krabbelten heran, 
bunte Käfer hingen an den Zweigen […]“

Wilhelm Meisters Wanderjahre

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