Gerechtigkeit für Serbien

Filip Gašpar antwortet auf Fehlinger-Jahn und kritisiert dessen Text als Ausdruck westlicher Überheblichkeit gegenüber Serbien. Er wirft ihm vor, moralische Zuschreibungen an die Stelle politischer Analyse zu setzen und Serbien nicht als handelnden Staat, sondern als kulturell defizitäres Objekt zu behandeln.

Der Text „Ex Serbien“ von Günther Fehlinger Jahn tritt als politischer Kommentar auf, operiert tatsächlich jedoch als agitatorisches Pamphlet mit Analyseanspruch. Seine Methode besteht in der Vergabe moralischer Etiketten, nicht in argumentativer Auseinandersetzung. Der Text ersetzt Erklärung durch Exkommunikation. Was hier als europäische Haltung ausgegeben wird, erweist sich als billige Propaganda, die kulturelle Abwertung an die Stelle politischer Analyse setzt.

Serbien wird in diesem Text auf einen zivilisatorischen Defekt reduziert, statt als Staat mit Interessen, Widersprüchen und Handlungsspielräumen betrachtet zu werden. Historische Erfahrung wird zu einem unveränderlichen Wesenszug umgedeutet. Politik wird nicht beschrieben, sondern pathologisiert. Die Schlussfolgerung steht von Beginn an fest, alles andere dient nur noch der Bebilderung eines vorab gefällten Urteils. Genau das ist das Kennzeichen propagandistischer Texte: Sie stellen keine Fragen mehr, sie verteilen Rollen.

Peter Handke fungiert dabei als bequemer moralischer Hebel. Seine Texte werden nicht gelesen, sie werden instrumentalisiert. Literatur wird zum Indiz, nicht zum Gegenstand. Handke dient als Stellvertreteranklage, über den sich Serbien gleich mitverurteilen lässt. Wer so argumentiert, betreibt keine Kritik, sondern Schuldübertragung. Dass Handkes Positionen problematisch sind, ist unstrittig. Doch aus literarischer Fehlleistung eine politische Gesamtdiagnose eines Landes zu konstruieren, ist intellektuell unredlich und analytisch wertlos.

Besonders entlarvend ist der immer wieder bemühte Vorwurf des serbischen Doppelspiels. Serbien wolle europäische Vorteile ohne europäische Pflichten. Diese Formel möchte Befund sein, ist aber nichts weiter als eine Floskel. Sie trifft auf zahlreiche Staaten der europäischen Peripherie zu und wird dort als strategische Interessenpolitik akzeptiert. 

Nur im Fall Serbiens wird daraus ein kultureller Makel konstruiert. Was anderswo als Realpolitik gilt, wird hier zur moralischen Verfehlung erklärt. Hier spricht selektive Empörung, nicht argumentatives Denken.

Auch die historische Grenzlage wird propagandistisch missbraucht. Habsburg hier, Osmanisches Reich dort. Aus Geographie wird Charakter, aus Geschichte Schicksal. Ein altbekanntes Muster zivilisatorischer Abwertung tritt an die Stelle historischer Analyse. Wer so schreibt, erklärt nicht, er etikettiert. Begriffe wie skythisch barbarische Zerstörung oder Untergangskultur wirken nicht erklärend, sie wirken ausstoßend. Sie ordnen nicht ein, sie grenzen aus.

Dabei steht außer Frage, dass Serbien schwere politische und militärische Schuld auf sich geladen hat und dass die Verbrechen der neunziger Jahre keiner Relativierung bedürfen. Gerade deshalb wirkt es propagandistisch, diese Schuld nicht konkret zu benennen und stattdessen in eine zeitlose kulturelle Anklage aufzulösen. Verantwortung wird so nicht präziser, sondern verliert an Kontur. Politik verwandelt sich in Wesen, Entscheidung in Mentalität. Diese Verschiebung entlastet nicht Serbien, sie entlastet den Autor von der Mühe des Denkens.

Der Verweis auf EU Berichte dient lediglich der Autoritätskulisse. Sie liefern keine Argumente und zielen darauf, Argumente überflüssig erscheinen zu lassen. Der Rückgriff auf institutionelle Moral dient hier dazu, politische Fragen zu beenden. Das Ergebnis ist Gesinnungspolitik, keine europäische Debatte. Außenpolitik verliert ihren Charakter als Interessenfeld und nimmt den Ton einer Glaubensprüfung an. Abweichung erscheint als Häresie. Sanktionen sind kein Gegenstand politischer Abwägung, sie werden moralisch eingefordert.

Am Ende läuft der Text folgerichtig auf die Forderung nach Zurechtweisung und Isolation hinaus. Darin offenbart sich politische Gestaltungsunfähigkeit statt strategischer Gestaltung. Isolation wird zum Instrument jener, die keine Ordnung mehr anbieten können und sich auf Strafe zurückziehen. Serbien gerät infolge einer Politik zum Einfallstor fremder Mächte, die es seit Jahren genau so behandelt, wie Fehlinger Jahn es hier propagiert: moralisch überheblich, strategisch leer und analytisch dürftig.

Dieser Text sagt daher weniger über Serbien aus als über den Zustand eines westlichen Diskurses, der Kritik mit Verdammung verwechselt und Politik in Gesinnung auflöst. Wer so schreibt, leistet keinen Beitrag zu europäischer Selbstbehauptung und befördert intellektuelle Selbstverarmung. Serbien erscheint hier als Objekt eines Urteils, nicht als Gegenstand der Analyse. Das ist keine politische Haltung. Es ist billige und durchschaubare Propaganda. Fehlingers Text erinnert an einen bosnischen Busfahrplan: moralisch korrekt, praktisch unbrauchbar.

Filip Gašpar, politischer Berater und Publizist mit kroatischen Wurzeln in Bosnien und Herzegowina und Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten.

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