Ex-Serbien

1996 forderte Peter Handke „Gerechtigkeit für Serbien“; 1999 ereilte Serbien die Gerechtigkeit: aus 10.000 Metern Höhe, nächtlich, hell-leuchtend, wohlverdient.

Was Handke damals in seinem Reisebericht Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien als Korrektiv zum „westlichen Lügengebäude“ anpries, war bereits der Versuch, ein unentwegt und immer schon anti-westliches Land aus seiner Verantwortung, aus seiner Schuld, aus der Notwendigkeit seiner Zurückweisung und Bestrafung freizudichten.

Handke war nie „nur“ der weltfremde Dichter, der sich im Balkan verirrt hat. Seine Serbien-Texte – von der Winterreise 1996 bis zu späteren Stellungnahmen – schreiben an einem Narrativ, in dem Serbien als missverstandenes Opfer einer zynischen westlichen Presse erscheint, als letztes Bollwerk „authentischer Kultur“ gegen den angeblich korrupten, heuchlerischen Westen. 

Diese Rhetorik ist keine literarische Schrulle, sie ist politisch und sie ist propagandistisch. Sie deckt eine lang eingeübte Pose der Serben: Man will die materiellen Vorteile europäischer Nähe – Gelder, Investitionen, Visaerleichterungen – ohne sich normative Zumutungen wie Rechtsstaatlichkeit, Aufarbeitung der Kriegsverbrechen oder außenpolitische Loyalität ans Bein binden zu lassen. Handke war dahingehend immer schon der nützliche Trottel dieser Haltung.

Geschichtlich-geographisch verläuft durch serbisches Gebiet eine der zentralen Grenzlinien Europas: Habsburg hier, Hohe Pforte dort. Die Serben haben das durch geschickte Doppelspiele immer gut auszunutzen gewusst. Auf der einen Seite im Heraufbeschwören einer politischen Mythologie, wonach man die vorgeschobene Bastion eines imaginierten „anderen Europas“ sei: orthodox, slawisch, nach Moskau gewendet. Gleichzeitig aber auch immer bereit, mit Osmanen, mit Russen, mit Chinesen, mit jeder erdenklichen Anti-Zivilisation zu kooperieren um Vorteil daraus zu ziehen.

Im 19. und 20. Jahrhundert bedeutete das: großserbische Träume, die mal im Gewand „jugoslawischer“ Einheit, mal offen ethnonational, immer aber mit dem Paradigma skythisch-barbarischer Zerstörung daherkamen. Krieg, Vertreibung, Massaker, sind die Phalanx dieser obskuren Untergangskultur.

Offiziell ist Serbien seit 2012 EU-Beitrittskandidat. De facto ist es heute aber der Störfall im Erweiterungsprozess. Die Europäische Kommission und das Europäische Parlament halten in ihren jüngsten Berichten fest: Serbien hat seine außenpolitische Angleichung an die EU seit 2021 kontinuierlich reduziert und sich insbesondere geweigert, die EU-Sanktionen gegen Russland nach dem Überfall auf die Ukraine zu übernehmen. 

Das ist kein „Zwischenzustand“ und kein Abwarten, es ist die Jahrhunderte dauernde Fortsetzung einer Zersetzungsstrategie der Serben. Was das Land heute zum „Einfallstor östlicher Mächte“ macht, ist nicht die Geographie, sondern das unaufhörliche Treiben seiner Politik und die Fundamente seiner geschichtlichen Prägung. Gerechtigkeit für Serbien, das heißt Zurechtweisung seines kulturellen Phantasmas und Isolation seiner politischen Ränke.

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