Zusammenballung kosmischer Kräfte

Und wenn es einen selbst hinwegrafft – die Selbsterhaltung ohnehin nur bürgerliches Prinzip –, dann ist das gut, dann steht noch immer das Opfer für das Edle, Wahre, Ursprüngliche, und „siegend [ist] das höhere Wesen und das höhere Recht des Geistes“, der All-Eine.

Wer Wahrheit und Aufrichtigkeit sucht, wird sie in keiner politischen Gruppierung finden, auch ehrliche Debatten nicht. Zu oft vergessen wir dies in unserem Eifer und unserer innerweltlichen Hoffnung.

Der Markt moralisch-relativistischer Überlegenheitsphantasien ist aufgeteilt, für jede Verblendung gibt es das passende Produkt. Für die einen ist der fremde Täter die größere Schande, für die anderen der Einheimische, der alte, weiße Mann – immer schuldig, während der Fremde, selbst als Täter, als Schutzbefohlener gilt.

Deckung dient der vermeintlichen moralischen Überlegenheit der Linken und Liberalen; Beschwichtigung, ja gar das Abhalten vom Gang zur Polizei durch rechte Frauengruppen, um Täter aus den Reihen der nahestehenden Partei zu schützen, die konservative Idylle zu wahren, muss hingenommen werden, um die eigenen Narrative zu schonen und die Opfer auf dem Altar der Politik darzubringen.

Im Glauben an eine daraus erwachsende Reinheit wird das eigene Grauen gepflegt. Hauptsache, man kann sich am Ende einreden, besser zu sein – immerhin nicht so schlimm wie die anderen. So verhält es sich mit allem anderen auch, etwa den Erzeugnissen von Kunst und Kultur, deren linker Destruktivität die Rechte in weiten Teilen die bloße Antithese eines an irgendeinem Fixpunkt festgemachten Ideals – das keines ist, weil es nur weltlich-historisch fixiert ist – entgegenstellt. Die Auflösung besteht nicht im Dazwischen, sondern im Höheren, im tatsächlichen Ideal, wie es Platon im Zuge seiner Ablehnung der Kunst als Schein vom Schein zugunsten der Anstrebung des Abbildens wahrhaften Seins, der Ideen (Gottes), anstrebte.

Durchaus existieren Zustände, die ästhetisch oder moralisch relativ besser sind; natürlich ist es relativ besser, die Schweine im Strohstall zu halten als auf Spalten, auf Spalten dennoch besser als gar nicht. Allerdings sind dies Nebenschauplätze, auf denen nicht allein auf moralischer Ebene abgewägt werden kann; hier hängt ganz evident das Vorgehen auch an Gegebenheiten der Schöpfung, an notwendigen Kreislaufwirtschaften, die wir nicht zu durchbrechen vermögen. Jene relative Gebundenheit betrifft nicht die reine Moral, in der jeder, jeden Tag und zu jeder Stunde, die Wahl hat, ob er Menschen missbraucht, belügt, Tiere schlägt oder es unterlässt. Und so ist es doch so – überhaupt und gerade im politischen Wettbewerb der moralischen Vortäuschung und Verleugnung seid ihr genau so; ihr werdet vielleicht Wahlen gewinnen, aber nichts Wahrhaftiges erreichen, nothing ever happens, solange jedwede Formen der Weltfixierung und des Relativismus vorherrschen. Deshalb bedarf es des

Ausragens in alle Richtungen.
Des Lagerdemolierung-Betreibens.
Des Scheiße-in-die-Luft-Sprengens.
Des (auch mit dreckigen Fingern verbliebenen)
Wahrheit-Rausprökelns und Ausstellens.


Dort, wo überhaupt noch Moral gefordert wird, kann diese nicht im bloßen Relativum bestehen. Auch die Schweine in Orwells Farm der Tiere verhalten sich nach der Revolution nicht besser als die Menschen, ja, am Ende gleichen sie ihnen sogar, sind ihnen zum Verwechseln ähnlich geworden. Dieses Werk ist keine bloße Parodie auf den Kommunismus, es lehrt zu fragen: „Ist das, was ich tue, wirklich gut?“ Nicht, ob es gerade nützlich sei oder immer noch besser als jenes, sondern ob es wirklich gut sei. Aus diversen Gruppierungen, in denen bereits inhärent Relativismus und Konsenstheorien der Moral vorherrschen – die Wahrheit und Moral nicht von oben empfangen, sondern darüber abstimmen, wie andernorts über Zugfahrpläne (vergleiche Petre Țuțea) – ist eine solche Überlegung nicht zu erwarten. Sie werden, in Betracht auf die Ewigkeit, in eben jenem Strudel untergehen, während diejenigen bleiben, denen noch metaphysische Überzeugung, Verbindung und Verbindlichkeit mit dem Absoluten, Wille, ja, Wahn zur Wahrheit und Selbstreflexion bis hin zur Selbstkasteiung bewahrt sind.

Die Frage ist – noch einmal – nicht, ob man besser oder weniger schlimm ist als der Andere, sondern, ob man gut ist. Auf dem Weg zur Wirklichkeit, zu Ästhetik zur Moral muss das Relativum sterben – durch die vollendete Zersetzung müssen wir hindurch, auf dass darauf ein echter, idealistischer moralischer Größenwahn das Verkommene hinwegfege. Wo der Zustand dem Maßstab nicht genügt, gilt es, sich nicht der Welt und der Zeit zu unterwerfen, auch nicht vor ihr zu fliehen, sondern sie zu beherrschen. Diese Beherrschung rührt nicht vom Niederen, an Welt- und Zeitablehnung mangelndem Politischen her – „rechts oder links, es ist alles das Gleiche. Die einen sind uns so fremd und feind wie die anderen“; die fundamentale Rettung erwächst von oben, durch die Inkarnation des Heilsbringers, durch die „Zusammenballung kosmischer Kräfte“, wie Stefan George gegenüber Edith Landmann äußerte. Und wenn es einen selbst hinwegrafft – die Selbsterhaltung ohnehin nur bürgerliches Prinzip –, dann ist das gut, dann steht noch immer das Opfer für das Edle, Wahre, Ursprüngliche, und „siegend [ist] das höhere Wesen und das höhere Recht des Geistes“, der All-Eine.
Es kommt zum Happening!

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The voting is closed! @realDonaldTrump 9:12 AM 11/5/20
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