Der Humanismus als Totalitarismus: Allegorie der Kathedrale

Die Kathedrale ist ein religiöses Dogma, das den Staat als Parasiten der Eliten nährt und erhält. Sie braucht Massendenken – in einer aristokratischen oder globalisierungsfreien Welt wäre sie unmöglich.

Nicolás Gómez Dávila, der kolumbianische Aphoristiker, Schriftsteller und Philosoph, schreibt in seinen Escolios a un Texto Implícito: „Gestern glaubten wir, es genüge, das zu verachten, was der Mensch erreicht; heute wissen wir, dass wir auch verachten müssen, was er ersehnt.“ Damit verweist er auf den offenkundigen Verfall und die Turbulenzen, die die moderne Welt seit der Industriellen Revolution verinnerlicht hat. Darin deutet Dávila jedoch auch an, dass nicht nur die Folgen menschlichen Handelns das Problem sind, sondern auch sein Herrschaftswille, der sich wie ein Schatten über die gesamte Kultur legt. 

Die menschliche Kultur trägt immer eine Meta-Ideologie in sich, die eine totalisierende Realität erschafft. Was Nietzsche einst als Nihilismus und Moral brandmarkte, erscheint heute als das wahre Antlitz des humanistischen Gebäudes. Während der Pariser Mai-Unruhen führte die kontinentale Philosophie ihre radikalste Attacke gegen den Humanismus – eine so tiefgreifende Attacke, dass die Denker der 1960er-Jahre als „Inhumanisten“ bezeichnet wurden: Gilles Deleuze, Michel Foucault, Jean-Paul Sartre, Félix Guattari und andere. Erst die geballte Kritik an der liberal-demokratischen Gesellschaft und dem sowjetisch-marxistischen Block ließ die Vermutung reifen, dass der Humanismus, seit der Französischen Revolution verklärt und von seinen Befürwortern als universaler Gestalter der Moderne inszeniert, ein anthropozentrischer Irrtum sei. 

Die Paradoxie des Humanismus offenbart sich in der Repression, die aus der Logik demokratischer Pluralität und Fortschrittswerte erwächst – heute verkörpert durch die grotesken Züge der „Woke“-Bewegung in den Leichentüchern der amerikanischen Debattenkultur. Der Westen oszilliert zwischen zwei Alternativen: einem postmodernen Faschismus nach Trump-Art und den quasi-totalitären Strukturen politischer Korrektheit. 

Carl Schmitt erkannte in seiner Politischen Theologie bereits, dass der Politik eine theologische Dimension innewohnt. Doch dass der Westen heute eine pastorale Herrschaftsform angenommen hat, ist ein zeitgenössisches Phänomen und in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zu jener klerikalen Kladistik des Mittelalters. 

Nick Lands neo-reaktionäre und akzelerationistische Doktrin (ganz zu schweigen von ihrem inhumanistischen Kern) seziert die Demokratie als Theologie. Zusammen mit Figuren wie Curtis Yarvin porträtiert er die Schrecken des Politischen: Demokratie, Liberalismus, Totalitarismus und Staatskorruption sind nichts als Universalismen – anthropozentrische, nihilistische und im Kern protestantische Glaubenssätze. Laut neo-reaktionärer Denkweise gebar die Reformation, die den Westen religiös spaltete, einen rationalistischen Weltzugang. Aus dem protestantischen Ethos erwuchsen die USA als Staat, aber auch als universales Phänomen und Essenz des demokratischen, des humanistischen Paradigmas. Doch jenseits der Politik steht der Humanismus für ein System menschlicher Sicherheitsarchitektur – als eine Matrix, die Anomalien jagt. Dies meinen wir mit „Woke“; Nietzsche nannte es den Sklavenaufstand. 

Die intolerante Ader der Demokratie schwappte mit dem „American Way of Life“ nach Europa über und eroberte im 21. Jahrhundert alle westlichen Lebenssphären. Nur China und Russland bilden ein geopolitisches Gegengewicht. Doch die Neo-Reaktion enthüllt das Machtzentrum des Westens: die Kathedrale – ein Begriff, der an die puritanischen Wurzeln der Demokratie erinnert. 

Die Kathedrale ist ein System positiver Rückkopplung, das die Entropie autonomen Denkens absaugt und so Entscheidungen steuert. Dies ist kein manipulierter Akt, sondern integraler Bestandteil des demokratischen Prozesses selbst. Ihre Säulen: Medien, Akademien (Universitäten), Justiz (Richter, Anwälte, Jurisdiktion). 

Die Kathedrale ist ein religiöses Dogma, das den Staat als Parasiten der Eliten nährt und erhält. Sie braucht Massendenken – in einer aristokratischen oder globalisierungsfreien Welt wäre sie unmöglich. Der feministische Slogan „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet“ verrät die Wahrheit: Sie sind die Enkelinnen der puritanischen Hexenjäger. Jede Kritik an der Demokratie ist Häresie. 

Die Cancel Culture knechtet die Kultur im Dienste der hegemonialen Macht. Widerstand innerhalb des Systems ist sinnlos – der Kampf muss außerhalb geführt werden: durch kulturelle Sezession. Politik degeneriert stets zur Demokratie; sie ist ihre höchste und letzte Phase. 

Georges Bataille wählte im Zweiten Weltkrieg einen esoterischen Pfad (Acephale) statt Widerstand. Peter Sloterdijk attackiert den Humanismus und plädiert für eine radikale Technokratie. Doch die eigentliche Antithese der Kathedrale liegt in der Akzeleration: Marx’ Hoffnung, der Kapitalismus möge soziale Veränderungen beschleunigen, wurde von Deleuze/Guattari in Anti-Ödipus aufgegriffen. Hier wird das Begehren selbst zur molekularen Revolution – ein Schritt ins Außen, jenseits des Noumenons. Die Kathedrale ist unzerstörbar – doch sie kann beschleunigt werden.

Brandon Arturo Lemus Ramos ist Jurist (Licenciado en Derecho) an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), Fakultät für Höhere Studien Acatlán; Spezialist für Menschenrechte im Rahmen des Postgraduiertenprogramms für Recht an der UNAM; Master im Fach Recht im Postgraduiertenprogramm der UNAM; und Doktorand im Fach Recht im Postgraduiertenprogramm der UNAM.

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