Stoppt den kollektiven Selbstmord, das Ritual, welches die eigene Unterjochung feiert, indem alle politischen Entscheidungen an ein Verfahren delegiert werden, das endlose Diskussionen und Kompromisse schafft. Der dilatorische Formelkompromiss, welcher die Schärfe des Politischen in parlamentarischem Babel ertränkt. Die eigentliche Spannung verschwindet hinter Aufschub und Mehrheitsbildung. Das Mehrheitsprinzip ist der Sieg des Quantitativen über das Qualitative, aufgestachelt durch die Demagogie der Dämonen. Begründen tut sich dieses System auf einfache Zählungen; jede Partei feiert am Wahltag! Es ist die Zeremonie des Zensus, und gejubelt wird vom Auftraggeber: welche Schäfchen dieses Mal ihr Recht abgeben. Die Politiker studieren an denselben Universitäten, essen in derselben Mensa, fahren in demselben Audi. Wir erzüchten einen Herrscherkomplex, welcher aus libertären Gesichtspunkten besteht.
Wer Organisation sagt, sagt Oligarchie – alles, was gelenkt wird, muss von einer kleinen Gruppe mit homogenem Interesse gelenkt werden, ein Massenwahlereignis liefert da nur die letzte Legitimation der Herrscher. Der unangreifbare, nicht widerfragbare Prozess, nach dem dicke Lokalpolitiker (Unterklassemanager) zufrieden auf ihrem Bürosessel Platz nehmen, weil zwanzig Prozent zufällig hinter einer beliebigen Babybauklotzfarbe ein Kreuz setzen, bauchpinselt lediglich den Beraterstab eben dieses.
Warum gibt es Nichtwähler? Wie rationalisiert das Kartell jene Demokratie™-Feinde? Wird realisiert, dass das Gros der Bevölkerung nicht mehr für, sondern gegen etwas wählt?
„Der geringste Teil der Nichtwähler lehnt das politische System ab“, sagt Politikwissenschaftler Volker Mittendorf von der Uni Wuppertal. Doch es gebe Menschen, „die sich bewusst von der Politik abwenden, kein Interesse haben oder mit der Parteiauswahl nicht einverstanden sind“. Wer gar kein Interesse an Politik habe, sei nur schwer zu erreichen.“
Striche auf Papier setzen als einziger Ausdruck des Politischen. Gefeiert wird von Parteijüngern, aufgestachelt durch Medien und die Unterhalter des Political Cinematic Universe, ein Entwürdigungsritual gleich den niederen Kasten Indiens. Die Kastration der Jugend und des Intellektuellen ist fernsehreif wie die Spiele des Colosseums, und ich schalte ein, wenn Claus Kleber moderiert.
Wahrscheinlich haben Berufspolitiker die Funktionalität bewusst oder externalistisch verstanden. Doch die Phraseologie der Wahltage wäre längst eine Neuauflage des Zahradní Slavnost von Václav Havel würdig, welches ja rein aus öffentlichen Reden des sozialistischen Tschechiens besteht. „Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen“, „Inhalte positionieren“ und „gestärkt in die Opposition/Regierung gehen“ sind hier zu nennen.
STOP THE COUNT! Nicht nur heute – für immer. Lasst die Urnen verrotten, die Formulare verbrennen! Wahre Politik entsteht nur durch kulturelle Transgression oder, wie Mirabeau sagte: „(…), daß wir unsere Plätze anders nicht als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“
… ich erwache mit einem Knoten im Magen aus den gequälten Träumen von Wahlplakaten, welche wie billige Karnevalsmasken grinsen. Aufgestanden schlürfe ich zum Wahllokal meines zugeteilten Wählerbezirks. Dort steht die Körperkette, der windende Wurm vor der umfunktionierten Pfarrbücherei. Oder eigentlich ist sie nicht umfunktioniert, denn gefeiert wird hier jeden Sonntag das Fest der Demokratie, nur sind heute mal mehr als ein Dutzend anwesend. Vor mir fiebert, als eingetrichterte Bürgerpflicht, der Chor der Verdammten dem Wahlerlebnis zu. Heute ein Kreuz, morgen wieder die Befehle aus dem Fernseher befolgen. Es riecht nach abgestandenem Kaffee und Desinfektionsmittel im Bunker der Banalität. Vor mir ein Rentner mit einem verblassten Parteiabzeichen von vor dreißig Jahren, mit dem enttäuschten Gesicht eines vertrockneten Schwammes, davor eine Matrone mit hängenden Wangen, die nach Mottenkugeln riecht, daneben ein Hipster als gewollte kinderlose, kastrierte Opposition, der mit seinem ungekämmten Bart und der American Basecap seit zwanzig Jahren Widerstand leistet. Mit einem Lächeln drückt mir eine junge Wahlhelferin ein DIN-A4-Blatt voll mit Anleitungen zur Selbstkasteiung und Namen wie Werbeslogans für Waschmittel in die Hand. Ich muss kurz lachen. In der Kabine schaut mich der Staat mit seinen großen Augen an. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Wie auf dem Zettel beschrieben, öffne ich dann langsam meinen Unterarm mit dem geliehenen Kugelschreiber. Schwarz wie Tinte quillt das Blut hervor und tropft dickflüssig in die Urne. Die Maschine wird mit meinem Blut wie mit dem von Millionen anderen gefüttert. Sie gurgelt es schön mit einem Lachen, als ich an ihr vorbei rauslaufe, und verteilt freudig ein paar Spritzer auf dem Boden der Pfarrbücherei. Die Parteien denken bestimmt heute an mich, wenn sie ihr Selbstfest feiern. Ich stolpere geschwächt heraus, dieses Mal lächelt mir die Wahlhelferin nicht zu, sie konzentriert sich nur auf die Neuankömmlinge. Eine Alte verlangt schnippisch das Skalpell zurück, ich gebe es ihr, ohne abzuwischen. Nach dem Aderlass trotte ich nach Hause unter dem Blick dreier Männer, die von oben herabschauen. Oben sehe ich, wie Carl Schmitt nur mit dem Kopf schüttelt, Vilfredo Pareto ein Lachen zu unterdrücken versucht und Jeffrey Epstein seine Lesebrille mit gewohnt kritischem Blick aufsetzt.