Wer die Sonne besiegte

Vorstellung vierer der prägendsten Köpfe des russischen Futurismus und ihrer Methoden.

Igor Severyanin

» RUHIG TRAUERND STRAHLEND UND EISERN VERACHTE ICH DIE LEUTE DIE OHNE TALENT RÜCKWÄRTS GEWANDT FLACH UND DÜSTER STUR SIND «

In dem Untertitel »Aus dem Zyklos Ego-Futurismus«, dem Severyanin seinem Gedicht »Gewöhnliche Leute« wurde das Wort FUTURISMUS erstmalig in russischem Kontext verwendet.

In frühen Jahren von der verträumt-leidenden Dichtung Konstantin Michailowitsch Fofanovs begeistert, schuf Igor Severyanin im Alter von 24 Jahren die Gruppe der Egofuturisten samt seinem »Prolog Ego-Futurizm«, wo er in vierhebigen Jamben seine Verachtung gegenüber Puschkin sowie aller zeitgenössischen russischen Dichtung etabliert.


Die »Tafeln«, das egofuturistische Manifest, unterschrieb direkt neben Severyanin der Sohn Fofanovs selbst.

Egofuturistische Gedichte wurden in Zeitungen neben Aktienmartkursen gedruckt. Severyanin prägte den Stil aller Egofuturisten — als er die Gruppe verließ, war sie dem Untergang geweiht.


David Burliuk

Gewaltaffinität mit großskaliger Verwendung von Asyndeta, insbesondere der Auslassung von Präpositionen markieren Burliuks poetisches Werk. Als Organisator der »HYLAEA«, der wohl expansivsten aller futuristischen Gruppen, Redakteur des Ersten Futuristischen Journals und Bruder zweier ebenfalls in der Bewegung aktiven Künstler, formte er den Futurismus seit dessen Anfängen. Mit seiner Faszination für altmexikanische Kunst und skythische Skulpturen schuf er einen sich auf faszinierende Art mit dem Futurismus verschmelzenden vitalen Primitivismus. Dieser primitivistische Futurismus, sich auszeichnend durch die Auseinandersetzung mit dem spielenden Kind, dem Prähistorischen, den Mythen, inspirierte auch Khlebnikov zu großer Lyrik.

Burliuk postuliert: Das Subjekt einer Zeichnung ist irrelevant, Raphael und Velázquez sind Philister und Photografen. Eine Wahrheit lebt an die fünfundzwanzig Jahre und jegliche Vorstellung von Schönheit ist relativ und temporär. Kunst ist nicht Imitation des Lebens, Kunst ist Verzerrung des Lebens! Die drei künstlerischen Prinzipien lauten:

DISHARMONIE — DISSYMMETRIE — DEKONSTRUKTION



Kazimir Malevich

Der die Nichtobjektivität wie kein anderer darstellender Künstler vollbrachte mit der Zeichnung des schwarzen Quadrats wohl das bekannteste Werk aus den Kreisen des russischen Futurismus. Malevichs Transrationalismus äußert sich in seiner flachen Bildorganisation. Und wie er den »Sieg über die Sonne« illustrierte, so ist auch jedes seiner eigenständigen Kunstwerke in eben diesem Geiste ein Sieg über die Schwerkraft — »oben« und »unten« verblassen, etwas Höheres entsteht aus diesem Sterben.

Alles gewesene an Kultur will er auf ein Nichts reduzieren, die Null selbst als ein transfinites Prinzip. Malevichs Suprematismus richtet sich gegen den Naturalismus, gegen das Gesetz der technischen Zweckmäßigkeit zugunsten eines Wertverhältnisses, das der Maler selbst setzt. Der Künstler nach Malevich ist immer ein bildender, nie ein dublierender. Im Gegensatz zu Burliuk ist hier Disharmonie nie das Ideal, im Gegenteil: Der Künstler erschafft eine Harmonie, der gegenübender die nur scheinbar tatsächliche Umgebung nur lärmende Kakophonie sein kann.



Vasily Kamensky

Ursprünglich Impressionist und Symbolist, wurde Kamensky von David Burliuk selbst angeleitet. Ein Verschmelzen von Prosa und Poesie zeichnen seine frühen Werke aus. Neologismen, antiästhetische Diktion und orientalische Farbe in seiner Bildsprache durchziehen seine gesamte Poesie, aber vor allem brachte der Pilot diesen Pathos des Höhenflugs in die futuristische Bewegung. Seine poetische Originalität liegt in der Visualität seiner Gedichte, die alle anderen Elemente so stark dominiert, dass sie oft nicht einmal laut vorgelesen werden können, ein Spiel mit Burliuks Idee, dass sich die Qualität eines Wortes davon abhängt, wie es geschrieben oder gedruckt wird.

Für Kamensky ist ein Gedicht ein Quadrat, das eine Seite beherrscht und sich in mehrere Stanzen aufteilen lässt. Das unten dargestellte »Tango mit Kühen« utilisiert nach Burliuks Manier Beleidigungen für seine Wirkungskraft, und auch ohne die Sprache zu verstehen, lässt sich der ganz eigene Größenwahn erkennen, der diesen Werken eigen ist.

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