Der Film der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi CSENDES BARÁT / SILENT FRIEND gehört sicher zu den ungewöhnlichsten und wohl auch besten Filmen des Jahres 2025, obwohl letzteres Urteil immer riskant ist, weil niemand alle Filme eines Jahres gesehen haben kann. Ersteres Urteil scheint aber vor allem durch das außerordentlich ruhige Erzählmaß, dann auch den vielschichtigen Plot, die guten Schauspielerleistungen, die aufnahmetechnisch unterschiedenen, ineinander verwobenen Zeitebenen und die von Kunstwillen getragenen Bilder (Kamera: Gergely Pálos) gerechtfertigt.
Die vordergründige und Hauptschicht des Films bildet die Frage, ob Pflanzen Gefühle haben und mit ihrer Umwelt in Kontakt treten können. „Hauptperson“ ist dabei ein riesiger, in Goethes Todesjahr 1832 gepflanzter weiblicher Gingkobaum im botanischen Garten der Universität Marburg: die stumme Freundin aller Protagonisten des Films. Die zur möglichen Beantwortung der oben gestellten Frage notwendigen technischen Mittel werden in ihrer Entwicklung vom Jahre 1908 (Chemielabor, Fotografie) über 1972 (elektrische Ableitung) bis 2020 (digitale Datenverarbeitung) emphatisch vorgestellt: Schönheit der Wissenschaft. Die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Jahre (autoritäres Kaiserreich, Studentenrevolte, COVID-Krise) werden ebenfalls beleuchtet. Auf eine weitere Schicht der Handlung soll im Folgenden noch genauer eingegangen werden. Die Aufnahmeverfahren unterscheiden die Erzählebenen voneinander: Hochauflösendes, kaltes HD in der Gegenwart, schwarz-weißer 35-mm-Film zu Beginn des 20. Jahrhunderts und körniger 16-mm-Farbfilm in den 70ern. Die Kamera hat eine Vorliebe für lange Einstellungen mit dezentraler Komposition. Effekte dienen nicht der „action“, sondern sind Bildbearbeitungen zur Verdeutlichung der Ähnlichkeit von natürlichen und künstlichen Mustern und Vorgängen.
Zwar haben Rezensenten des Films schon richtig festgestellt, dass es in ihm um Kommunikation (und deren Missverständnisse) geht; mit der Natur scheint sie bisweilen leichter zu sein als unter Menschen. Der Film ist aber auch eine heute unerwartet scharfe Abrechnung mit dem Feminismus.
Grete (Luna Wedler), die 1908 als erste Biologiestudentin in Marburg angenommen wird, muss erst durch eine Prüfung gehen, die hier einmal völlig zurecht sexistisch genannt werden muss. Ein patriarchaler Professor (Rainer Bock) stellt ihr (hochgestecktes Haar, langes Kleid) scheinobjektive, „schlüpfrig“ zurechtfrisierte Fragen zur Fortpflanzung in der Flora, um sie als „anständiges” Fräulein, das über solche Dinge eigentlich nicht sprechen dürfte, zu desavouieren. Als sie sich wehrt, nennt er sie eine Feministin. Ihre beschränkte Vermieterin kündigt ihr später aus Unzuchtsverdacht, weil sie wegen eines Ausdruckstanzes im Park über Nacht weggeblieben war. Der junge Assistent (Johannes Hegemann), der Grete das positive Prüfungsergebnis mitteilt, klärt sie dann aber lachend über den Professor auf, der von seiner Frau mehrfach gehörnt worden und darum verbittert sei, was im Grunde alle wüssten; er aber versuche die Fassade aufrechtzuerhalten. Auch bei Gretes Bewerbung bei einem alten Fotografen (Martin Wuttke), die diesem zunächst etwas zu proaktiv für ein junges Fräulein vorkam, wird klar, dass die Geschlechter zwar in strikten gesellschaftlichen Normen gefangen sind, es aber privat doch zu einem menschlich normalen, unverkrampften Umgang miteinander kommen kann. Im Verlauf des Films bildet der Fotograf Greta sehr verständnisvoll zur Könnerin aus, und es deutet sich an, dass der Assistent und sie füreinander Achtung und Zuneigung empfinden, was in einer gemeinsamen Forschungsreise und vielleicht auch mehr münden könnte. Das Ende ist offen. Die berechtigte Forderung des Feminismus nach gleicher Bildung und Selbständigkeit für Frauen hat keinen negativen Einfluss auf das Geschlechterverhältnis.
Bei den im Jahre 1972 spielenden Episoden sehen wir den Germanistikstudenten Hannes (Enzo Brumm), der vom Land kommt und sich noch eine gewisse Reinheit abseits der bekifften Studentenbewegten bewahrt hat, wie er sich in die linke Biologiestudentin Gundula (Marlene Burow) – er wohnt einen Stock über ihr in einem idyllischen Marburger Wohnheim – zu verlieben beginnt. Diese (lange Haare, T-Shirt, Blue Jeans) ist schon voll auf dem feministischen Trip, was sich in forciertem Selbstbewusstsein zeigt. „Du schnallst es echt nicht!“, pampt sie ihn an, als er etwas aus Goethes „Metamorphose der Pflanzen“ zu ihrem Experiment mit einer Geranie („Fühlt sie etwas?“) beitragen möchte. Es ist die Zeit, wo mann beschimpft wurde, hielt mann einer Frau die Tür auf. Man merkt aber auch, dass Gundula im Grunde unter der Erwartung leidet, die unabhängige Emanzipierte mimen zu sollen, und unsicher ist. Sie findet Hannes gleichfalls mehr und mehr sympathisch, aber will natürlich sexuell befreit und „locker“ sein. Sie hat wohl einen Freund, doch bietet sie Hannes beim Lagerfeuer an, mit ihr zu schlafen. „Wenn du das willst, wäre das in Ordnung für mich“, ist ihre verquälte Formulierung. Hannes hat auch hier den richtigen Instinkt und lehnt brüsk ab – „Was redest du da?“, sagt er, erst recht, als sie noch wissen will, ob er „Jungfrau“ sei. Während ihrer Abwesenheit in den Semesterferien betreut er aber ihr Geranienexperiment ihretwegen vollkommen begeistert weiter und schließlich erfolgreicher als sie. Auf der Ansichtskarte, die sie ihm schickt, schreibt sie, dass ihr Freund jetzt von ihr wolle, dass sie „richtig zusammen“ seien – und fragt, was er, Hannes, davon halte. Der Film zeigt hervorragend die kaputte Kommunikation: Sie will eigentlich Hannes, aber kann es nicht richtig ausdrücken. Alles ist irgendwie verkrampft und falsch. Wir wissen auch hier nicht, wie es weitergeht. Der Feminismus aber ist über berechtigte Forderungen hinaus und hat schon autodestruktive und misandrische Züge angenommen. 2020 ist die Beziehung der Geschlechter völlig ruiniert. Der chinesische Professor (Tony Leung), der das Gehirn von Kleinkindern untersucht und zu einer Gastprofessur nach Marburg eingeladen ist, hat selber weder Frau noch Kind; jedenfalls ruft er die ganze Zeit niemanden privat in China an. Später hat er eine rein wissenschaftliche Beziehung zu einer französischen Kollegin (Léa Seydoux), mit der er per Zoom konferiert. Sie hat ein Kind, wo aber der Mann und Vater ist, erfahren wir nicht. Beim Begrüßungsabend der Universität trifft der Professor Jule (Yun Huang), eine forsche junge Chinesin (kurzes Haar, casual look), die ihm dolmetschen soll. Aus Rücksicht auf die anwesenden Deutschen sagt ihr der Professor, sie sollten besser nicht chinesisch sprechen. Sie hält das als Schneeflöckchen sogleich für Kritik und denkt beleidigt, er halte ihr Chinesisch für schlecht. Im COVID-Lockdown wendet sich der Professor der Untersuchung des Gingkobaumes zu und benötigt dafür Instrumente aus seinem Labor in China. Jule ist nun wieder in China und sagt ihm bei einer Videoschalte, dass es wegen seiner (scheinbar seltsamen) Baumexperimente Beschwerden über ihn gegeben habe und sie ihm nicht helfen könne (und wolle). Sie ist also eine opportunistisch angepasste Anywhere, deren aktueller Beischläfer gerade aus der Dusche oder dem Bett kommend kurz nackt im Hintergrund des Videobilds zu sehen ist. Eine kameradschaftliche Beziehung kann der Professor aber zum Pedell der Universität (Sylvester Groth) aufbauen, der ihn zuerst misstrauisch beäugt, ja, sogar seine Arbeit boykottiert, aber ihn dann doch langsam versteht. Sexualität wird in dieser Welt zur exotischen Handlung: Damit der ohne Artgenossen einsam gepflanzte weibliche Gingkobaum befruchtet werden kann, muß die französische Kollegin per Post Gingkopollen schicken, die der Professor und der Pedell gemeinsam anbringen: gewissermaßen künstliche Befruchtung. In einer schönen Szene sehen wir die beiden dann von hinten auf einer Bank vor dem Gingkobaum sitzen; der Pedell holt wortlos eine Bierflasche aus seiner Kiste, öffnet sie, gibt sie dem Professor, und stößt dann mit seiner Flasche mit ihm an. Das etwa ist das höchste der Gefühle, das heute noch möglich ist, aber nicht mehr zwischen den Geschlechtern.