Kinderzauber

Kindheit und Totalitarismus. Ein Kino- und Kindheitserlebnis mit Ruth Riesers Film Kinderzauber.

Im Jahr 2016 präsentierte die österreichische Regisseurin Ruth Rieser ihr Werk Kinderzauber. Ich war damals 15 und besuchte die Weltpremiere beim K3 Filmfestival. Ich sitze unten links im Bild, das Kind im grauen Hemd.

© RR* Filmproduktion

Mein Biologielehrer Dimitri Würschl spielte den Zirkusdirektor Dimitri Würschl. Er reist mit seinem Zirkus zu einem Schloss und sucht dort nach Kindern. Aber die Kinder sind unsichtbar, und die Erwachsenen stecken in Ölgemälden fest. Ein Pantomime bewegt sich frei durch den Wald um das Schloss.

Nach und nach werden die Kinder wieder sichtbar. Sie spielen Fußball, balancieren Kekse auf dem Kopf, befreunden sich mit einem Waldgeist und liegen in Sternformation auf der Wiese. Am Ende besuchen sie den Zirkus und sehen zu, wie Dr. Würschl sich ins Gesicht spucken lässt.

Die Kinderdarsteller saßen hinter mir im Kino. Nach der Vorführung sprach ich mit der Regisseurin. Wir redeten über Bergman und Kubricks 2001, und sie erklärte mir, dass acht der Kinder an ihrem Drehbuch mitgeschrieben hätten. Insgesamt seien alle Kinder in mehrerlei Hinsicht am Schöpfungsakt beteiligt gewesen: Sie improvisierten, gestalteten ihre Kostüme usw. Rieser wollte den künstlerischen Prozess demokratisieren und so die Kindheit einfangen.

Dieser Anspruch folgt einem pädagogischen Ideal, das von Rousseau bis Dewey ausgebaut wurde und bereits die Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Das Kind gilt dort als autonomes, kreatives und ernst zu nehmendes Subjekt. Auch die Filmgeschichte kennt diesen Gestus. François Truffaut lässt in Les Quatre Cents Coups den schauspielerisch unerfahrenen Jean-Pierre Léaud frei improvisieren und schneidet reale Interviewsequenzen in seinen sonst fiktiven Spielfilm. Doch dazu später mehr. Zuerst:

Was ist ein Kind(erzauber)?

Die Kindheit lässt sich juristisch definieren: Menschen unter 18 oder 21 Jahren. Sie lässt sich biologisch definieren: Körper vor oder während der Pubertät. Aber Kindheit im philosophischen oder umgangssprachlichen Sinn meint etwas anderes. Das Kind ist hier der hungrige Säugling, der schreit, um seine Mutter zu stören. Das Kind ist trotzig, weinerlich, undankbar, unselbständig, unverantwortlich, unzuverlässig, unersättlich. Es sagt die Wahrheit, um zu verletzen.

„Was beim Kind kindlich ist, ist beim Erwachsenen kindisch usw.“ Das Kindliche ist der Euphemismus für das Kindische. Das Kind ist ein autoritärer Charakter. Die Kindheit ist ein Totalitarismus. Vor allem das Kind will Faschist sein. Adorno verortet autoritäre Dispositionen in der Kindheit mit ihrer absoluten Bedürfnisorientierung, Intoleranz gegenüber Ambiguität und rigiden Freund-Feind-Unterscheidung.

Das Einfangen der Kindheit durch Riesers Demokratie erzeugt einen Widerspruch, der ihren Film strukturiert. Aus ihrer Kindergruppe müssen sich auf natürlichem, das heißt kindlichem Wege Führungsfiguren kristallisiert haben, deren Visionen von Rieser abgebrochen werden mussten, um das demokratische Ideal durchzusetzen.

Das Resultat ist ein Minimalkonsensfilm. Es gibt dort keinen Zwang, das heißt keine Notwendigkeit. Die Folge ist ein narrativer Stillstand. Kinderzauber zeigt vor allem das Warten. Der Zirkus wartet auf die Kinder, die Kinder warten auf das Sichtbarwerden, die Erwachsenen warten in ihren Bildern. Das Kind dagegen ist schnell und vital, wie ein schlanker Staat mit starkem Herrscher.

Auteur-Theorie (zurück zu Truffaut)

Die Auteur-Theorie wurde maßgeblich von Truffaut in den Cahiers du cinéma mitformuliert. In seinem Text Une certaine tendance du cinéma français richtet er sich gegen den demokratischen Produktionsfilm, gegen Drehbuchkomitees, literarische Konsense und den sogenannten Qualitätsfilm. Stattdessen plädiert er für den Regisseur als Autor.

Die Auteur-Theorie ist autoritär in dem Sinn, dass sie auf der Autorität des Regisseurs besteht. Sie fordert eine Handschrift und die damit verbundene Verantwortung (die das Kind nicht übernehmen kann). Godard radikalisiert diese Position noch. Für ihn ist jeder Schnitt und jede Einstellung an eine ethische Entscheidung geknüpft (die das Kind nicht treffen kann).

Dieser künstlerische Autoritarismus ähnelt dem Politischen in vielerlei Hinsicht. Er unterdrückt potentiell alles und verdichtet es zur Dichtung. Truffaut war mehr Diktator als Diplomat. Wenn er Léaud improvisieren ließ, dann war dieser Freiraum derselbe, den Hitler Lang angeboten hatte. Der Unterschied zu Rieser ist hier nur graduell. Sie ist ebenfalls Diktatorin, aber eine schwache Diktatorin. Sie diktiert die falschen Leute ins Amt (Kinder und sogar Kinder). Ihr(e) (Film)land(schaft) geht in Folge unter. 

Michael

Der Auteur, der die Kindheit mit am adäquatesten gebannt hat, ist Michael Haneke. Anne begeht Selbstmord in Der siebente Kontinent. Benny ermordet ein Mädchen in Bennys Video, kostet ihr Blut, reibt seinen Schwanz damit ein und verpfeift seine Eltern. Noch ein Suizidversuch in Happy End usw.

Das weiße Band unterstreicht Adornos These am stärksten. Der Film handelt von Kindern in einem kleinen Dorf in Deutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Sie formieren eine geheime Terrororganisation, zünden Häuser an und verprügeln Behinderte.

Gemeinhin wird der Film als Darstellung ideologischer Indoktrination gelesen, die sich schließlich gegen die Indoktrinierenden richtet. Den Kindern wird ein protofaschistisches Weltbild aufgezwungen, das später in den historischen Faschismus mündet. Ich lese den Film anders. Für mich suchen die Kinder nach einer Rechtfertigung für ihre Grausamkeit und finden sie in der Ideologie ihrer Eltern. Im Geist bedingt die Krankheit das Symptom nur retroaktiv.

Der autoritäre Perfektionist Haneke zeigt, dass der Kinderzauber Faschismus mit faschistischen Mitteln adäquat einzufangen ist. Das ist der eine Weg. Ein anderer offenbart sich in der:

Schizophrenie

Deleuze und Guattari entwerfen im Anti-Ödipus ein politisch-ästhetisches Konzept von Schizophrenie als Praxis der Entkopplung. Ein Denken und Fühlen, das sich den totalitären Maschinen von Kapital und Faschismus entzieht. Der Schizophrene ist eine Figur der Fluchtlinie. Er sprengt die Codes der Identitäten und produziert Intensität statt Bedeutung.

Dieser schizophrene Antifaschismus ist nicht demokratisch. Kein(e) Diskurs(ethik) ohne Bedeutung – keine Bedeutung dank Schizophrenie. Schizophrenie meint hier nicht Bedeutungsüberproduktion, sondern fluide Bedeutungsgefüge, die in alle Richtungen fliehen und sich nicht fixieren lassen. 

In dieser Unabhängigkeit von Systemen und ihren Kopplungsmechanismen überschneidet sich die Schizophrenie mit der faschistischen Auteur-Theorie. Auch sie zielt auf Entkopplung, löst den Film aus kollektiven Produktionslogiken, zerstört industrielle Codes und ersetzt demokratische Verfahren durch singuläre Setzungen. Der Auteur codiert den Film allein und zwingt ihm seine Logik auf. Er ist mehr Schizo als Rieser. 

Ihr demokratischer Ansatz ist anti-schizophren. Er recodiert, reintegriert, grenzt Fluchtlinien ein und verhindert die Aktualisierung von Potentialen. Er richtet sich doppelt gegen die Kindheit: antifaschistisch gegen die Auteur-Theorie und faschistisch gegen die Schizophrenie.

Daraus folgt: Wir müssen Kindheit und Schizophrenie zusammendenken. Studien belegen dementsprechende Ähnlichkeiten zwischen kindlicher und schizophrener Neurologie: reduzierte inhibitorische Kontrolle im präfrontalen Kortex, erhöhte neuronale Plastizität, Dominanz assoziativer Netzwerke.

Das Kind ist nicht nur Faschist, sondern ein schizophrener Faschist. Es strebt nach totaler Herrschaft bei gleichzeitiger Entkopplung. Rieser zeigt das Kind dagegen als Gefangenen im System des klischierten Minimalkonsenses. Haneke zeigt es als Faschisten, aber als verkoppelten Faschisten. Der Regisseur, der das Kind als schizophrensten Faschisten gezeigt hat, bin peinlicherweise ich selbst.

The 166 Minutes of Madness

Ich drehte diesen Film zwischen meinem zwölften und siebzehnten Lebensjahr und hatte totale kreative Kontrolle. Es gab kein Budget, keine Produzenten, keine Demokratie und keine Erwachsenen. Ich verstand mich als absolute Macht. Meine Schauspieler nannten mich liebevoll Adolf Hitler. Sie rebellierten auch gegen mich. Meine (Unter)drückung (Dichtung) dieser Rebellion ist der Film.

Er zeigt einer Gruppe von Kindern, die ihre Homosexualität mit Popkulturnarrativen zu unterdrücken versuchen. Seine Struktur ist das Aufbrechen dieser Narrative. Das Erzähltempo ist schnell. Nach fünfzehn Minuten haben vier von fünf Hauptfiguren ihre Heldenreise durchlaufen und sind tot. Der Film hält diese Geschwindigkeit 166 Minuten lang, denn das Kind hat keine Geduld und bei jeder Explosion hört man die Twin Towers stürzen, denn das Kind feiert 9/11.

Das ist schizophren, faschistisch, zauberhaft, Theater der Grausamkeit im Gegensatz und Widerstand zu Kinderzauber.

Zum Vergleich der Bildästhetik werden exemplarische Frames aus beiden Filmen gegenübergestellt. Sie sind nicht beschriftet. Das wäre redundant.

Dialektik der Freiheit

Es zeigt sich eine paradoxe Dialektik. Riesers Demokratie wird den Kindern aufgezwungen. Das Kind ist frei innerhalb eines vorgegebenen Käfigs. Diese Demokratie ist ein Metafaschismus, der weder die Kindheit zu bannen noch einen gelungenen Film zu schaffen vermag.

Haneke ist dezidiert faschistoid. Als absoluter Auteur ist er in der Lage, einen Film über die Kindheit zu drehen. Doch diese Kindheit erwächst nicht aus dem Inneren des Films. Sie wird künstlerisch gezüchtet und in den Filmkorpus transplantiert. Die Schizophrenie findet so nur zwischen den Bildern statt. Haneke ist anti-psychologisch. 

Ich bin Schizo. Wenn ich einen Schnitt will, schlage ich die Kamera und ihren Mann ein. Wenn ich will, dass einer aus dem Fenster springt, lasse ich ihn seinen Spiegel zerschlagen (hinter die Spiegelphase zurück in die Albtraumstraßen aus Wasser, Scheiße und Blut).

Ich fürchte, dass es sich mit Kinderzauber noch schlimmer verhält als zunächst angenommen. Ich fürchte, dass Rieser alles versucht hat, um ihre Kinder zu schizophrenen Faschisten zu machen – zu Kindern. Ich fürchte, dass ihnen das Kindsein abtrainiert und durch verkoppelten Alltagsfaschismus ersetzt wurde.

Was sagt der Nazi Cagliari? „Ich weiß jetzt, wie er (von seiner Schizophrenie) geheilt werden kann“? Hat dieses Heil bereits eingesetzt? Was sich aus dieser bösen Vorahnung für unsere Gesellschaft und ihre Politiken ableiten lässt, wird Inhalt eines anderen Artikels sein müssen.

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