Wir befinden uns im Jahr 666 n.C(inema), d. h. in einer Postwahrheitsgesellschaft. Die Postwahrheitsgesellschaft ist spektakulär im Sinne Debords. Die Bilder emanzipieren sich und leiten ihre Diktatur ein. Das Abgebildete findet sich zunehmend im Gulag der Hyperrealität wieder. Die Diktatur der Bilder manifestiert sich in konkreten Phänomenen: Influencer, die mit einem Buch vor der Kamera posieren, das sie nicht lesen müssen, das sie nicht besitzen müssen, in dem keine Zeichen stehen müssen. Was zählt, ist die Funktion als Bild.
In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels hält sich jeder für einen Philosophen. Jeder hat seine eigene mediale Bubble, die ihn vor der Interpenetration durch angrenzende Systeme und den damit verbundenen Fall von der Spitze der Dunning-Kruger-Kurve schützt. Eine mediale Bubble ist materialisierte Ideologie, d. h., ein wahllos ausgewählter, gerader Weg in einem Wald der möglichen Positionen. Sie ist in dem Sinn ein Opium des Volkes und Medizin gegen den existenziellen Schmerz des Verlorenseins im Wald oder das, was meine Generation als Lost-Sein bezeichnet. Es ist besser, einen geraden Weg zu gehen, als herumzuirren. Dieser gerade Weg führt auch auf den Gipfel der Dunning-Kruger-Kurve im Tal der audiovisuellen Medien und damit des Films.
In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels glaubt jeder, Filmexperte zu sein. Jeder meint, die Güte eines Bildes zu erkennen, denn jeder verbringt Stunden seines Tages vor Bildschirmen. Ein gutes Bild ist scharf, hochauflösend, entweder symmetrisch oder im goldenen Schnitt etc. (In Die Landschaft im Nebel sehen sie nur eine Landschaft im Nebel, die Repräsentation des Bildes und nicht dessen Funktion, die Überwindung der aristotelischen Logik durch die Gleichzeitigkeit von Virtualität und Aktualität.) Diese Ideologie hat letztendlich die ästhetische Verwahrlosung heraufbeschworen, wie sie heute im Film zu beobachten ist.
Während man durch das Kino als Kunst die Welt aus einer neuen Perspektive sehen lernen kann (z. B. die Poesie in einer roten Ampel aus der Perspektive Chris Markers durch seinen Film Sans Soleil), ist die dominante Perspektive des zeitgenössischen Kinos die des Konsumismus selbst. Schön ist demnach, was zur Dopaminausschüttung anregt. Deshalb dürfen Filme der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels niemals zu schön sein. Der Konsument soll sein Dopamin niemals ganz aufbrauchen, um die Ausschüttung nicht stocken zu lassen. Das sedierte Auslaufen tritt an die Stelle der orgiastischen Ästhetik der Kunst. Der Konsument soll immer ein bisschen genießen, er soll zum Sklaven seines eigenen kleinen und unendlichen Genusses werden. Horkheimer und Adorno erkannten den Film der Kulturindustrie bereits als Teaser seiner Fortsetzung. In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels produziert der Konsumismus Post-Credit-Sequenzen, d. h. die materialisierte Ideologie der Kulturindustrie.
Die Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels ist postmodern, d. h., fragmentiert und fernab jeglicher Metanarrative. Die Filmlandschaft des 20. Jahrhunderts war ein Garten. Es gab einen Teich (Expressionismus), ein Blumenfeld (Surrealismus), einen Komposthaufen (Strukturalismus), eine Eiche mit Vogelhaus (Nouvelle Vague), ein Gemüsebeet (Neuer Deutscher Film), einen Holzschuppen (Dogma 95) und eine Hollywoodschaukel. Die Filmlandschaft der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels ist ein Asphaltparkplatz, aus dessen Rissen vereinzelte Löwenzähne wachsen (neuer globaler Konsumismus und Michael Haneke).
Das Anti-Dogma 666 schlägt eine dritte Alternative vor. Kein Herumirren, kein gerader Weg, sondern der Prozess des Schreibens einer Karte. Kein Zurück ins Tal der Dunning-Kruger-Kurve und kein falscher Thron an ihrer Spitze, sondern ein Sprung über sie hinaus. Das Anti-Dogma 666 ist ein negativer Akzelerationismus des Films. Es erkennt die Postmoderne an und nutzt sie, intensiviert, d. h., poetisiert, d. h., (ver)dichtet sie. Es fragt nicht, wie Tarkowski zu kopieren oder Geld zu verdienen ist, sondern, was der Filmemacher der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels tun kann (was Tarkowski niemals gekonnt hätte). Z. B.: die Nutzung der Technologien der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels und ihrer Harmonien, zu denen niemand heute den Mut hat (außer Harmony selbst). Handykameras und KIs … Aber nicht als Substitut für Film und Talent, sondern als eigenständige Entitäten, deren einzigartige Qualitäten zur Geltung gebracht werden sollen. Deleuze > Platon. Das Anti-Dogma 666 ist avantgardistisch, antirepräsentativ und antidogmatisch, aber nicht individualistisch im Sinne eines neuen Isolationismus. Stattdessen ist es ein Memeplex, der sich aus acht zentralen Memes konstituiert. Diese Memes schränken die individuelle Ästhetik des Filmemachers der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels nicht ein, sondern helfen ihm, sich mit ihr zu verbinden und ein persönliches wie kulturell relevantes Kino der Gegenwart, d.h. der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels, zu schaffen. Die sieben Memes des Anti-Dogma 666 lauten wie folgt:
- Wer einen Film mit einer Filmkamera dreht, reproduziert eine klischeehafte Ästhetik. Die Ästhetik eines falschen Professionalismus, den bereits Chaplin, Welles, Coppola und Disney bekämpften. Es gibt keine guten oder schlechten Kameras, sondern angemessene und unangemessene in Relation zum Film, der mit ihnen gedreht wird. Das Anti-Dogma 666 setzt sich nicht für menschliche, sondern für mechanische Minderheiten ein. Es zelebriert die Ästhetik der mannigfachen Digitalkameras der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels: Handys, Laptops, Tablets, Scanner etc. Der Film des Anti-Dogma 666 ist digital gedreht und projiziert, aber niemals mit einer Filmkamera.
- Während der neue globale Konsumismus das KI-Bild als Repräsentation versteht und als Lüge missbraucht, begreift das Anti-Dogma 666 es als den unabhängigen Knotenpunkt eines Rhizoms. Ein Rhizom ist nicht hierarchisch. Alle Bilder begegnen sich auf ontologischer Augenhöhe. Es herrscht Gleichheit zwischen den Bildern. Der Film des Anti-Dogma 666 beinhaltet KI-Bilder und offenbart ihre ästhetische Ontologie.
- In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels wird der Regisseur zum Editor, zum Kurator und Kybernetiker. Er muss nicht mehr am Set sein, denn jedes Set hat sich dezentralisiert. Die neuen Informationstechnologien erlauben es jedem, jederzeit und überall zu sein (das Potenzial zu einer neuen Geistigkeit). Die Aufgabe des Regisseurs besteht nunmehr in der Abstrahierung jeglicher Organisation. Er soll den einen Darsteller in Afrika wissen und den anderen in Amerika, und er selbst kann in Österreich vor dem Bildschirm sitzen und alle Welt dirigieren, da ein jeder auf die Kameras der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels Zugriff hat. Die Persona der Zukunft wird über FaceTime gedreht, und niemand muss dem anderen jemals mehr in persona begegnen. Durch das Anti-Dogma 666 werden alle Menschen Brüder, und der Bruder verweist auf eine Intensität an kybernetischer Konnexion. Der Film des Anti-Dogma 666 verfügt über ein dezentralisiertes Set.
- In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels schwankt der Nutzen des Bildes zwischen Haptik und Optik. Das Hochformat dient der Hand, dem Handy, der Haptik. Das Querformat dient dem Auge, dem Fernseher, der Optik. Das Format des Anti-Dogma 666 ist das 1:1-Format. Es herrscht Gleichheit zwischen Länge und Breite. Der Film des Anti-Dogma 666 wird im 1:1-Format ausgestrahlt.
- In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels wird das Bild an das Zeichen geknüpft. Worte erscheinen unter, über, neben und in den Bildern. Das Anti-Dogma 666 greift diesen Umstand auf und poetisiert das Zeichen zum Bild. Wieso die Schöpfung des Universums zeigen, wenn man ein Z zeigen kann? Wieso Mohammed zeigen, wenn man „Mohammed“ zeigen kann? Ein Film kann und muss wortwörtlich geschrieben werden. Es herrscht Gleichheit zwischen Bildern und Zeichen. Der Film des Anti-Dogma 666 nutzt Zeichen anstelle von Bildern und Bilder anstelle von Zeichen.
- In der Postwahrheitsgesellschaft des Spektakels wird die englische Sprache zur Sprache des Kolonialismus, d. h., des Algorithmus. Das Anti-Dogma 666 greift diesen Umstand auf und poetisiert das gebrochene Englisch zum Stigma der Kolonialisierten. Der Film des Anti-Dogma 666 bedient sich primär der englischen Sprache.
- Der Film des Anti-Dogma 666 dauert länger als 66 Minuten und 6 Sekunden. Er ist kein Content, sondern ein (Spiel)(Film) (und ein (postmoderner) Witz (ohne Pointe), d. h. … Kunst).
Jeder Film, der über diese Memes verfügt ist ein Film des Anti-Dogma 666 und kann von mir als solcher zertifiziert werden. Damit wird er in den offiziellen Kanon der Filme des Anti-Dogma 666 aufgenommen.
(Das Bewusstsein bestimmt das (Da)Sein)
Dank Philipp (() fun ()) Gönitzer