Paris 1932. Bevor der Leviathan emporsteigt und sich in den Wirren der Weimarer Republik auf den Deutschen Geist legt, verbringt der Erzähler in Sebastian Haffners aus dem Nachlass erscheinendem Roman Abschied eine lebhafte Zeit bei der Pariser Boheme, mit ihren Restaurants, Museen und, noch viel wichtiger, der von ihm umschwärmten Teddy, für die es ein reales Vorbild gibt, wie Volker Weidermann in seinem Nachwort mitzuteilen weiß. Es ist eine Atmosphäre, die an Gilbert Adairs Roman Träumer und die noch fesselndere gleichnamige Verfilmung von Bernardo Bertolucci erinnert. Eine Zeit vor dem aufbrechenden Epochenwechsel, in der für einen kurzen Moment alles möglich schien.
In dieser Atmosphäre denkt Teddy, die die ungezwungene Freiheit liebt und von Verehrern geradezu belagert wird, nicht daran, nach Deutschland zurückzukehren und wie der autobiographische Erzähler Raimund – damals hieß Haffner noch Raimund Werner Martin Pretzel, bevor er 1940 unter dem Pseudonym Sebastian Haffner Germany. Jekyll and Hyde – Deutschland von innen betrachtet veröffentlichte – als Rechtsassessor seinen Dienst zu versehen. Dann heißt es, Abschied nehmen. Um 22:00 Uhr fährt der Zug zurück nach Berlin und die damit einhergehenden Belanglosigkeiten wie Kofferpacken, mit dem zerrinnenden Geld eine letzte Mahlzeit zu sich nehmen und den Weg zum Bahnhof einschlagen wirken wie ein Aderlass und das Gefühl, als würde das Leben aus einem herausfließen, und der Anspruch, noch schnell den Louvre zu besuchen und den Eiffelturm zu sehen und möglichst viel in sich aufzunehmen, eine lebensrettende Maßnahme sein. Die für den Erzähler als Kompensation scheinen, denn eigentlich sucht er Teddys Nähe.
Von Intimität und Nähe ist keine Spur, denn Haffners Alter Ego muss um jeden Augenblick der zwischenmenschlichen Vertrautheit kämpfen, denn die um Teddy kreisenden Trabanten, der klug wirkende Müßiggänger Franz, der leicht vertrottelt wirkende Horrwitz und der distanzlose Brite Andrews machen ihm mit einer Penetranz jeden Moment streitig, was Teddy nicht zu stören scheint. Makaber und als düstere Prophezeiung wirken die Stellen, als Franz von „den Franzosen“ die Hose gestohlen wird und er den Diebstahl mit einem Flammenwerfer rächen will. Es wirkt wie ein morbider Scherz und wie eine Hypothek auf den aufziehenden großen Krieg, in einem Moment, als die Zwanglosigkeit, an den dionysischen Rausch grenzend, vorherrschte, die Raimund in Pflichterfüllung – im Gegensatz zu Franz – verlässt.
Dieser Roman, eigentlich eine Erzählung, ist der Versuch, Augenblick, Leichtigkeit und euphorischen Leichtsinn in Worte zu fassen, und stellt den Tanz auf dem Vulkan, der sich zur Handlungszeit auf dem europäischen Kontinent ereignete, dar. Anders als der Fund und das Erscheinen von Louis Ferdinand Célines Krieg und die noch ausstehende Übersetzung von Londres ist Abschied kein literarisches Ereignis, das den Kanon aufrollt. Aber ein recht flott geschriebenes Buch, das zeigt: In dem recht bieder erscheinenden Historiker – die Sorge der Erben ist unbegründet, die Reputation des Vaters würde durch die Veröffentlichung Schaden nehmen – steckte Leidenschaft, die sich hier offenbart. So ist es ein Buch, das man in der kalten Jahreszeit und ihren langen Tagen gerne zur Hand nimmt und sich fragt, wie viele von solchen unveröffentlichten Funden in den Archiven schlummern.
Sebastian Haffner: Abschied, 2025, im Hanser Verlag erschienen 2025. Gebunden, 192 Seiten, 24 €