MONSTER

Eine Liebeserklärung.
 

n einer Stadt, die sich selbst aufgegeben hatte, lebte ein Mädchen, das die Leute Rosa nannten. Nicht weil sie so hieß. Sondern wegen der Kappe. Schwerer Samt, rot wie das Innere eines frisch aufgeschnittenen Granatapfels. Ein altes Geschenk ihrer Großmutter aus einer Zeit, als Großmütter noch Dinge schenkten, die kein Update brauchten. Rosa war nicht schön. Schönheit ist vergänglich. Rosa war wach. Das war ihr Fluch.

Die Mutter sagte: „Bleib auf dem Weg.“ Immer wieder. Ihre Stimme hatte den Klang von etwas, das einmal warm gewesen war und jetzt nur noch korrekt funktionierte. „Bring der Großmutter den Korb. Sprich mit niemandem.“

Der Korb roch nach Hefeteig und dunklen Beeren. Rosa trug ihn durch Straßen voller toter Augen – Kameras, die einen ansahen, bevor man selbst wusste, wer man war. Am Rand der Stadt begann der Wald. Die Leute sagten, es gäbe keinen mehr. Aber sie logen.

Der Wald war kein Ort. Er war ein Zustand. Ein lebendiger Boden, der unter den Füßen atmete. Der Weg spaltete sich. Links der sichere Pfad, beleuchtet, pulsiert. Rechts etwas Pelziges, Warmes, das nach Fleisch und Moos roch.

Rosa ging nach rechts.

Nicht aus Mut. Aus Hunger.

Da stand er.

Schwarz. Nicht wie die Nacht, sondern wie etwas, das die Nacht selbst verschluckt hatte. Sein Fell glänzte wie nasses Ebenholz. In den Adern darunter glühte es. Die Augen waren nicht einfach Augen. Sie waren Spiegel, in denen man sich selbst schmeckte.

„Du trägst einen schweren Korb“, sagte der Wolf. Seine Stimme war weder tief noch rau. Sie war präzise. Jedes Wort ein Bissen.

„Ich bringe ihn meiner Großmutter.“

Der Wolf lächelte. Ein Lächeln, das gleichzeitig höflich und hungrig war. „Ich kenne deine Großmutter. Ich bin ihr ältester Gast.“

Sie gingen zusammen. Der Wolf sprach wenig. Das musste er nicht. Seine Gegenwart reichte aus, um die Luft schwer zu machen.

Die Großmutter war alt. Nicht alt wie Menschen alt sind. Alt wie die Berge, in denen alte Welten begraben liegen. Sie lag im Bett. Die Tür war nicht verschlossen. Das war immer so.

„Ah“, sagte sie. „Da bist du.“

Der Wolf trat ein. Langsam. Mit Respekt.

Was dann geschah, geschah langsam. Mit einer Art Zärtlichkeit, die wehtat.

Der Wolf aß die Großmutter nicht einfach. Er kostete sie. Mit der Geduld von jemandem, der weiß, dass Zeit das beste Gewürz ist.

Dann legte er sich ins Bett. Zog die Haube über. Wartete.

Rosa, die vor der Tür geduldig auf ihren Auftritt wartete, kam.

„Großmutter, was hast du für große Ohren?“

„Damit ich dich besser hören kann.“

„Was hast du für große Hände?“

„Damit ich dich besser halten kann.“

„Was hast du für einen großen Mund?“

„Damit ich dich besser fressen kann.“

Es war kein Schrecken in ihrer Stimme. Nur etwas Älteres. Etwas, das schon immer da gewesen war.

Rosa ging in den Wolf hinein.

Nicht aus Angst. Aus Begierde.

Im Bauch des Wolfes war es warm. Still. Ein Frieden, den sie vorher nie gekannt hatte. Nur wenn man aufhört, sich gegen den Hunger zu wehren, findet man ihn.

Später kam der Jäger. Wie immer. Ein Deutsches Märchen eben. Mit schwerem Schritt und grober Klinge. Er schnitt den Bauch auf. Tauchte seine dreckigen abgenutzten Hände in den Wanzt der Bestie und zog Rosa und die Großmutter heraus, die er wie zarte Filets auf die Holzdielen ablegte. Er tötete den Wolf nicht. Sieben kalte, schwere Steine nähte er dem Wolf ein, der sich daraufhin zu Tode gurgelte. Nahm das Fell als Trophäe.

Aber in der Nacht, wenn die Lichter ausgingen und die Algorithmen von Menschen träumten, legte Rosa ihre Hand auf ihren eigenen Bauch. Er war nicht leer. Etwas brannte dort noch. Geduldig. Glut unter Asche.

Der Wolf war nicht tot. Nicht wirklich.

Er wartete in jedem Scheideweg. In jedem Blick, der zu lange dauerte. In jedem Verlangen, das man sich nicht eingestehen wollte.

Rosa wusste jetzt, wie der eigene Hunger schmeckt. Und sie ging jede Nacht zurück in den Wald. Nach rechts.

Sie wartete dort auf ihn. Auf den schönen Herrn mit dem Fell aus Ebenholz und dem hungrigen Lächeln. Sie deckte den Tisch. Zündete die Kerzen an. Und dann aßen sie einander. Langsam. Mit allem Respekt. Bis nichts mehr übrig war als der reine, süße Geschmack von endlich gelebtem Leben.

Und wenn sie nicht gestorben sind –

Aber sie sind gestorben.

Jede Nacht.

Das ist es ja.

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