Du schaust aus dem Fenster. Du siehst ihn dort stehen am Rande des Laternenlichts. Du kannst es nicht genau erkennen, aber du bist dir sicher, dass er dich beobachtet. Du kannst aber sehen, dass der Mann dort unten eine SS-Uniform trägt. Diese scheint in einem neuwertigen Zustand zu sein. Du hast jahrelang Geschichte studiert. Du hast Bücher über Uniformen gewälzt. Dein Blick schnellt zu deinem Bücherregal und du siehst die zwei Bände über historische Uniformen, von 1618 bis 1990. Du bist dir sicher. Die Uniform des Mannes ist keine billige Kopie, nichts aus einem Secondhand-Ramschladen oder einem zwielichtigen Militärfanatikergeschäft. Das ist auch nicht die Uniform des Urgroßvaters, dafür sieht sie viel zu neuwertig aus, als hätte der Mann sie gestern bekommen und angezogen. Die Uniform ist neu, sie ist gepflegt, sie ist gebügelt. Handelt es sich um eine Maßanfertigung? Doch welcher Schneidermeister würde solch einen Auftrag annehmen? Keiner mit einem Gewissen, so viel steht fest. Hat er sie sich selber geschneidert? Dann besitzt er ein sehr gutes Auge. Selbst die Schirmmütze ist korrekt. Doch warum hat er es getan? Ist er ein Neo-Nationalsozialist? Ist er einfach nur irre? Erlag er einem Anfall von Wahnsinn? Ist er irgendein Geisteskranker mit einem Faible für faschistische Ästhetik? Du brütest seit Tagen über diese Fragen nach. Was möchte dieser Mann von dir? Warum verfolgt er dich?
Vor ein paar Tagen warst du auf dem Weg nach Hause. Du wohnst in einem kleinen brandenburgischen Dorf mitten im Nirgendwo. Die Einwohnerzahl beträgt keine hundert Seelen. Um dich herum sind Nutzwälder und landwirtschaftliche Flächen, auf denen Getreide, Raps und Spargel wachsen. Autos verirren sich hier nur selten hin, in der Regel sind es Touristen aus Berlin, die »Landluft« atmen möchten, doch diese verschwinden meistens genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Spätestens dann, wenn sie merken, dass sie sich im sprichwörtlichen Nichts befinden. Ab und an hört man Traktoren, die kaputte Straßen entlang poltern. Aber selbst das wird immer seltener, sterben doch nach und nach die Höfe in dieser Gegend. Die nächste größere Stadt ist Dutzende von Kilometern entfernt. Es gibt keine nahen Gemeinden. Es gibt keinen Bus. Die Bahnstrecke wurde vor Jahrzehnten stillgelegt. Nur noch das alte, verlassene Bahnhofshaus steht als Mahnmal. Du befindest dich in einem vergessenen Fleckchen Erde, in einem abgehängten Dorf, wie es sie im Osten zu tausend gibt.
Du bist hierhergezogen, nachdem deine Frau gestorben war. Ihr hattet zusammen in einer Altbauwohnung in einer anonymen Großstadt gelebt. Es war eine sehr glückliche Zeit. Eines Tages kam sie nicht nach Hause. Du verließt die kalte Wohnung. Du kauftest ein Haus fernab von allem. Du wolltest mit niemanden mehr etwas zu tun haben. Du trafst keine alten Freunde mehr. Auf die Anrufe deiner Familie reagiertest du nicht. Irgendwann verstummten sie. Du konzentriertest dich nur noch auf deine schriftstellerischen Werke. Du hattest in der Vergangenheit erfolgreich ein paar Bücher verkauft. Es brachte genug Geld ein. Es bringt immer noch genug Geld ein. Du kannst dich nicht beschweren.
Dein Haus befindet sich etwas abseits, der nächste Nachbar ist zweihundert Meter weiter. Du liefst auf dem Bürgersteig, aus dem bereits eine Armee von Löwenzahn wuchs. Einige der Straßenlaternen hatten den Geist aufgegeben. Streckenweise befandest du dich in Dunkelheit. Das bist du gewöhnt. Du hast nichts dagegen, dir gefällt es sogar. Deine Gedanken sind klarer, geordneter. Doch an diesem Tag war etwas anders. Ein kaltes, beklemmendes Gefühl umklammerte dein Herz. Du hattest keine Ahnung warum, aber es war ein unwiderstehliches Verlangen, ein Impuls in deinem Hirn, du musstest dich umdrehen. Du musstest es einfach. Du hattest keine andere Wahl. Die Haare an deinem Nacken standen zu Berge. Finger aus Eis berührten deinen Rücken. Du drehtest dich um. Und da sahst du ihn. Der Mann, der dich in nächster Zeit heimsuchen wird. Schon damals trug er die SS-Uniform. Er bewegte sich nicht. Er stand ungefähr achtzig bis neunzig Meter von dir entfernt, im Licht einer flackernden Lampe. Er gab keinen Laut von sich. Du sagtest ebenfalls nichts. Deine Kehle war zugeschnürt. Zum ersten Mal in deinem Leben ranntest du panisch nach Hause.
Du versuchst, den Mann draußen zu ignorieren, ihn auszublenden. Du konzentrierst dich auf dein Schreiben. Dein Verleger sagte dir letztens, dass sich der Ton deiner Texte verändert hat. Du schaust auf den Revolver, der auf dem Tisch liegt. Er liegt da seit einiger Zeit. Er ist seit langem ein Begleiter von dir. Doch all das ist im Moment nicht wichtig. Du konzentrierst dich auf deine Schreibmaschine, die du vor einigen Jahren auf dem Flohmarkt erworben hast. Sie war dir sofort ins Auge gesprungen. Ein Schriftsteller muss auch eine Schreibmaschine besitzen. Und einen Federkiel – aber du hast noch nicht den Passenden gefunden. Du konzentrierst dich auf die Tasten und die Außenwelt verschwindet. Der Mann in der SS-Uniform ist nun weit entfernt. Die Zeit fließt dahin, die Stunden vergehen. Wort um Wort erscheinen auf dem weißen Papier. Das Klackern der Tasten erfüllt den Raum, füllen jede erdenkliche Lücke in deinem Gehirn. Es gibt nur die Schreibmaschine und dich, nur die Worte und das Papier. Deine Gedanken kreisen um die Geschichte, die langsam Form annimmt. Die Welt um dich herum ist verschwunden.
Du schaust auf die Uhr, du bist wie aus einer Trance erwacht. Es ist nach Mitternacht. Auf deinen Schreibtisch liegt ein Stapel beschriebener Papiere. Du bist gut vorangekommen. Erschöpft fällst du ins Bett. Du schließt die Augen, Dunkelheit umgibt dich. Es fühlt sich gut an. Du könntest jetzt einschlafen, du wärst bereit dafür, mental bist du ausgelaugt, doch es gelingt dir nicht. Unbehagen breitet sich in dir aus. Die Dunkelheit, die die vorher noch gefallen hat, ist dir nun unangenehm. Du machst die Augen auf. Du kannst nichts in deinem Schlafzimmer erkennen. Du hörst dein Herz schlagen. Da ist nichts, du weißt es. Du hast die Tür abgeschlossen. Oder hast du es vergessen? Deine Haut fühlt sich kalt an. Nein, es ist das Zimmer – das Zimmer fühlt sich kalt an. Du stehst auf, der Gedanke lässt dir keine Ruhe. Du gehst nach unten und schaust nach der Tür. Natürlich war sie abgeschlossen, du schließt immer ab. Du überprüfst es immer mehrmals. Manchmal grenzt es schon an eine Obsession. Du entscheidest dich dafür, noch einen Abstecher in die Küche zu machen und ein Glas warme Milch zu trinken. Vielleicht hilft es ja. Zufrieden stellst du das Glas in die Spülmaschine. Du machst den Fehler, aus dem Fenster zu schauen. Der Mann steht auf der anderen Straßenseite und schaut hinein. Schatten verhüllen sein Gesicht. In diesem Moment wird dir klar, dass an Schlaf in dieser Nacht nicht zu denken sein wird.
Du rennst in dein Schlafzimmer, verschließt die Tür, machst die Vorhänge zu. Du schaltest die Nachttischlampe an, denn du willst nicht von der Dunkelheit umgeben sein. Du willst sehen können. Erschöpft setzt du dich in den Ledersessel. Du nimmst die Edda in die Hand und beginnst zu lesen. Und so verharrst du bis zum Tagesanbruch. In dieser Zeit wirst du keine einzige Seite gelesen haben.
Der Tagesanbruch, das hereinscheinende Sonnenlicht, bringt dir keine Linderung. Der Schrecken weicht nicht von dir. An deine Haustür wurde eine Katze genagelt, auf dem Fußabtreter hat sich eine Blutlache gebildet. Du entfernst das tote Tier und schmeißt es in die Mülltonne. Du verbringst den Vormittag damit, das Blut von der Tür zu reinigen. Gott sei Dank, sieht dich niemand dabei.
`Hätte es einen Sinn, zur Polizei zu gehen?‘, fragst du dich selbst. Tätest du es, würde dir jemand diese Geschichte glauben? Wohl eher kaum. Du verwirfst den Gedanken. Dich beschäftigt aber weiterhin die Frage, wer dieser Mann ist und warum er gerade dich verfolgt. Warum tut er all dies? Warum quält er ausgerechnet dich? Du kennst ihn nicht, da bist du dir sicher. Oder vielleicht ist er doch eine Bekanntschaft? Zumindest eine flüchtige? Ist er ein Fan, der keine Grenzen kennt? Hast du jemals jemanden etwas Schlechtes getan? In der Schule, ja. Da warst du mitunter ein Tyrann, der die Schwächeren terrorisierte. Aber das ist viele Jahre her. Du hast dir danach viel Mühe gegeben, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Du hast dich bei den Opfern entschuldigt.
Danach gab es nur noch einen Vorfall. Damals als du in einer Wohngemeinschaft gelebt hast, hast du einen Nachbarn verprügelt. Ständige Ruhestörungen, laute Musik, Streitereien wegen dem Müll, Geschrei und Gebrüll, es gab keine Ruhe, es gab keine Stille. Du warst blind vor Zorn. Du bist in deiner Wohnung auf- und abgegangen, die schlimmsten Mordszenarien liefen durch deinen Kopf. Eines Tages hast du deinem Nachbarn in einer dunklen Seitengasse aufgelauert. Maskiert stürmtest du auf ihn zu und schlugst ihn mit einer Eisenstange gegen den Kopf. Du wolltest ihn nicht unbedingt umbringen, nur Angst einjagen. Eine Lektion erteilen. Niemand hat es je herausgefunden.
Du kommst wieder nach Hause und vor deiner Tür liegt ein Hund – zerstückelt. Du hast nicht einmal mehr die Energie, das Tier zu entsorgen. Du steigst einfach über die Sauerei und versuchst, nicht mit deinen Anzugschuhen in das Blut zu treten. Die Augen fallen dir langsam zu. Du kannst kaum noch aufrecht stehen. Die fehlende Nachtruhe holt dich langsam ein. Die Schlüssel fallen dir aus der Hand. Du schmeißt dich aufs Bett. Bevor du einschläfst und ins Nichts abtauchst, kommt dir der Gedanke, dass du es nicht einmal mitbekommen hast, dass dieser Irre dir eine Katze an die Tür genagelt hat. Eigentlich sollte so etwas doch zu hören sein, oder etwa nicht?
Du wachst auf, es ist dunkel draußen. Dein Hals ist trocken, dein Magen knurrt. Du entscheidest dich dafür, das grausam zugerichtete Tier wegzuräumen. Während du in den Gedärmen des Hundes wühlst – wem gehörte er eigentlich? War er ein Streuner? Wem gehörte die Katze? Beide hattest du noch nie in deinem Leben gesehen – erinnerst du dich daran, dass ihr damals auch einen Hund besessen hattet, einen Schäferhund, um genau zu sein. Du hattest ihn geliebt. Caesar war sein Name. Dein Vater war ein Verehrer des antiken Roms. Eines Tages war Caesar wild geworden. Er hat deine sieben Jahre jüngere Schwester angegriffen, ihr das Gesicht zerfleischt. Du standest nur da. Hast zugeguckt. Warst unfähig, etwas zu tun. Deine Schwester schrie vor Schmerzen. Schrie vor Angst. Du warst zur Salzsäure erstarrt. Dein Vater hörte glücklicherweise den Tumult und kam herausgerannt. Mit Entsetzen in den Augen sah er das Schauspiel. Er riss das wilde Biest von seiner Tochter weg, brach ihm das Genick. Caesar lag röchelnd auf dem Rasen, bewegungslos. Später erschoss dein Vater den Hund. Dabei musstest du zusehen. Deine Schwester überlebte mit schweren Verletzungen. Dein Vater hat dir nie offen Vorwürfe gemacht, aber immer, wenn du in seine Augen blicktest, sahst du nichts als maßlose Enttäuschung. Wann hast du das letzte Mal mit deiner Schwester gesprochen? Ihr habt euch seit Jahren nicht mehr gesehen. Du hast Schwierigkeiten, ihr ins vernarbte Gesicht zu schauen.
Während du in alten Erinnerungen schwelgst, spürst du, wie sich zwei Augen in deinen Rücken bohren. Du erhebst dich langsam. Du weißt ganz genau, wer sich hinter dir befindet. Du drehst dich um und siehst den Mann auf der anderen Straßenseite stehen. Du willst ihn anschreien. Du willst zu ihm herübergehen und ihn ins Gesicht schlagen. Aber du kannst nicht. Kein Laut entkommt deiner trockenen Kehle. Du gehst ins Haus zurück.
Als du aus dem Fenster schaust, ist der Mann in der SS-Uniform verschwunden. Plötzlich hörst du Schritte auf dem Dachboden. Doch da ist niemand. Du glaubst, dass du langsam wahnsinnig wirst.
Du begibst dich in dein Arbeitszimmer, völlig erschöpft, geistig durchgebrannt. Nichts ergibt mehr Sinn für dich. Du willst gar nicht mehr aus dem Fenster schauen. Du weißt, dass der Mann wieder dort stehen wird. Du betrachtest deine Bibliothek. Siehst die vielen Werke über namenlose Kulte, Götter von fremden Sternen, Schriften von C. G. Jung, über die Schrecken und Dämonen dieser Welt, über unvorstellbaren Barbarismus und fragst dich, wohin das alles führt. Die Dunkelheit ist seit geraumer Zeit dein ständiger Begleiter, doch nun beginnst du dich vor ihr zu fürchten. Du schreibst Geschichten über Grausamkeiten und es ängstigt dich, wie ein Mann, der am Lagerfeuer Geistergeschichten erzählt und sich in der stillen Nacht selber gruselt. Die Dunkelheit hat sich gegen dich gewendet. Sie ist nun nicht mehr deine Begleiterin, deine Muse, sondern deine Feindin. Zumindest ist es das, was du glaubst. Doch du irrst dich. Die Dunkelheit war nie deine Begleiterin, deine Freundin, sie war schon immer eine Bestie, eine mit der du bisher bloß nicht konfrontiert wurdest. Doch jetzt zeigt die Dunkelheit ihre Krallen, ihre Zähne. Dunkelheit mag eine Muse sein, aber sie ist eine gefährliche. Die Nacht gebärt allerhand Schatten.
Obwohl du es hättest besser wissen müssen, schaust du trotzdem aus dem Fenster. Was du siehst, lässt dein Blut in den Adern gefrieren. Der Mann in der SS-Uniform ist tatsächlich zurückgekehrt. Vor ihm liegt dein Nachbar, ein älterer Herr, du kennst ihn vom Sehen. Ihr habt euch manchmal unterhalten. Seine Arme und seine Beine bilden ein Hakenkreuz, der Kopf liegt in der Mitte. Der Fremde verbeugt sich, als hätte er gerade eine Performance abgeliefert. In der einen Hand hält er eine blutige Machete, in der anderen den abgetrennten Kopf deiner Frau.
Du bewegst dich langsam vom Fenster weg. Du versuchst, nach dem Telefon zu greifen. Deine Hände zittern. Dein Herz hämmert gegen deine Brust. Schwarze Flecken tanzen vor deinen Augen. Du verfehlst den Hörer. Du fällst und wirst bewusstlos.
Zeit vergeht. Du weißt nicht wie viel. Du tauchst aus einem tiefen, dunklen Ozean wieder empor. Schnappst nach Luft. Dein Kopf schmerzt. Du siehst dich um, es ist dunkel im Arbeitszimmer. Ist es immer noch dunkel oder schon wieder? Wie lange warst du weg? Dein Blick fällt auf dein Bücherregal – du siehst die vielen Werke über Geschichte, Kultur, Literatur, große Menschen, Terror, Schrecken, Abgründe, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben. Du siehst die unzähligen Ausgaben der Zeitschriften Abspaltung, Das Neue Reich und Ähre. Du hast nie ein Abonnement abgeschlossen, obwohl du jedes Mal eine Ausgabe gekauft hast. Es hat sich nie ergeben. Irgendwie fühlt sich das alles sehr sinnlos an. Der Staub vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte, das Wissen hunderter gelehrter Menschen lastet auf dir. Angesichts des Horrors, den du verspürst, ist das alles belanglos.
Du richtest dich langsam auf. Deine Hand fährt zu deiner Stirn, du blutest. Aber das spielt keine Rolle. Du siehst den Revolver auf deinen Tisch liegen. Du greifst nach ihm. Du musst handeln. In letzter Zeit warst du der Gefangene eines schrecklichen Alptraums. Es wird Zeit, aufzuwachen. Es ist an der Zeit, einmal im Leben das Richtige zu tun. Du schaust in der Trommel nach – eine einzelne Kugel. Mehr war nie nötig gewesen. Mehr wird auch jetzt nicht nötig sein.
Wer auch immer dieser Fremde ist, er muss sterben. Nur dann kannst du endlich frei sein. Zu lange foltert und quält er dich bereits. Er scheint bereits länger ein Teil deines Lebens zu sein, als du denkst. Er ist der Grund für deine Misere. Er ist der Grund für die Dunkelheit, die dein Herz umgibt. All die schlechten Dinge, die dir in den letzten Jahren passiert sind, sind seine Schuld. Er muss sterben. Es gibt keine andere Alternative, keinen anderen Ausweg. Er ist nur ein Mensch, das heißt, er kann sterben.
Du begibst dich nach unten. Stehst erwartungsvoll im Flur, den Revolver so fest umklammert, dass das Weiße an deinen Knöcheln hervortritt. Du weißt, dass der Mann in der SS-Uniform vor der Tür steht. Du siehst seine schattenhaften Umrisse vor dem Milchglas. Er klopft. Er wartet gar nicht erst auf eine Antwort, sondern öffnet einfach die Haustür. Hattest du sie nicht abgeschlossen? Er steht im Flur. Du zögerst nicht. Du schießt. Ein lauter Knall zerfetzt die nächtliche Stille.
Du hörst ein schrilles Klingeln in den Ohren. Der Rauch verzieht sich langsam und du siehst, dass der Mann zwar einen Schritt zurückgegangen ist, aber immer noch aufrecht steht, obwohl du klar erkennen kannst, dass er ein fast faustgroßes Loch in seiner Brust hat. Zu deiner Bestürzung musst du feststellen, dass die Wunde keine echte Wunde ist. Du siehst kein Blut, kein Fleisch, keine Knochen. Da ist einfach nichts. Nur ein leeres Loch. Du kannst hindurchsehen. Du siehst einen kleinen Ausschnitt der Außenwelt.
Der Mann bewegt sich unbeeindruckt auf dich zu, in der rechten Hand hält er eine Machete. Du hast versagt. Du versuchst zu fliehen, aber du stolperst. Es gibt kein Entrinnen mehr. Kein Weglaufen. Du fühlst dich wie eine Maus, die vor einer Katze steht. Alles entgleitet dir. Du hast keine Kontrolle mehr über die Situation. Er kommt näher. Zum ersten Mal kannst du ihn richtig erkennen. Er hat eine hässliche, vernarbte Fratze. Er hat das Gesicht deines Vaters. Er hat dein Gesicht.