Über die Moral des Moralkritikers Nietzsche

Jörg Middendorf über Nietzsche, Moral und Selbstvervollkommnung. Wie der Mensch über sich hinauswachsen kann – ein Blick auf Individualität, Natur und die Entwicklung des Selbst.

Nietzsche hat bekanntlich vieles über die Moral geschrieben, man denke etwa an sein Werk Zur Genealogie der Moral, bei dem der Begriff der Moral auch im Buchtitel selbst vorkommt. Aber was könnte Nietzsches eigene und persönliche Moral sein?

Wenn man dazu bereit ist, auch dem gemeinhin als Amoralisten geltenden Nietzsche eine eigene Moral zuzugestehen, könnte diese im weitesten Sinne als Individualmoral bezeichnet werden. Im Zarathustra erfolgt der Rat zur Fernstenliebe und damit gerade nicht zu einer altruistisch geprägten Nächstenliebe oder gar zum Mitgefühl oder Selbstmitleid. Wobei mit dem Fernsten der fernste Teil im Menschen selbst gemeint ist, im Sinne einer möglichen persönlichen, individuellen Weiterentwicklung des Menschen.

Von Moral spricht man jedoch gewöhnlich erst dann, wenn es um das menschliche Miteinander geht, also um die Frage, wie man sich wem gegenüber in welchen Situationen verhalten soll. Wenn dieser jemand aber nun man selbst ist, geht es offenbar um die Moral gegenüber sich selbst als Person. Die kantische Frage „Was soll ich tun?“ ließe sich hier übersetzen in die Fragen, die sich das Individuum selbst stellt: „Wie gehe ich mit mir selbst um?“ oder „Wie respektiere ich mich selbst am meisten?“ Nietzsche sieht eine Antwort auf diese Fragen in einer persönlichen Entwicklung des Individuums, im Sinne einer Selbststeigerung, wobei der Mensch über sich selbst hinauswachsen soll. Seine oft missverstandene Theorie des Übermenschen wäre hier hinsichtlich einer moralischen Weiterentwicklung des Individuums zu verstehen, wie sie im Zarathustra metaphorisch zur Sprache kommt.

Ist ein solches Selbstverhältnis jedoch wirklich im strengen Sinne als Moral zu bezeichnen oder nicht eher als persönliche Lebensphilosophie? Hat Moral in einer immer komplexer werdenden, technisierten Welt nicht heute eher mit dem Verhalten von Menschen in Gruppen und Kollektiven zu tun? Sicherlich lässt sich im Sinne Nietzsches für eine persönliche Weiterentwicklung des Menschen argumentieren, aber reicht eine solche bei aktuellen kollektiven Umwelt- und Naturschutzproblemen wirklich aus? Reicht sie aus, selbst wenn sie bei vielen Mitgliedern und wichtigen Entscheidungsträgern eines Kollektivs vorhanden ist? Inwiefern könnte hier eine, die persönliche Individualität betonende Moral à la Nietzsche dennoch fruchtbar sein? Welche Haltung würde Nietzsche heute zu aktuellen moralischen Fragen einnehmen?

Ein aktuelles Beispiel aus dem Bereich des Naturschutzes wäre die Rodung von Wäldern in Naturschutzgebieten und der anschließende Bau von Windrädern auf den frei gewordenen Flächen. Nietzsche macht den Umgang des Menschen mit der Natur durchaus zum Thema, wenn er schreibt: „Hybris ist heute unsere ganze Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mithilfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit […].“

Der Nietzsche-Kenner Heidegger würde hier in seiner technikkritischen Philosophie der Technik nicht einer Natur-, sondern einer Seinsvergessenheit das Wort reden. Und er würde das, was Nietzsche literarisch beschrieben hat, in seinem eigentümlichen Stil und mit seiner eigenen Begrifflichkeit eher systematisch als literarisch schildern.

Die Haltung Nietzsches wäre heute wahrscheinlich die folgende: Der Mensch benötigt die Natur zu seiner persönlichen Vervollkommnung. Sie weist ihn auf das Große hin, sie exerziert ihm das Große vor. Man denke etwa an die großartigen Gebirgslandschaften, in denen sich auch Nietzsche selbst immer wieder gern aufhielt. Die Natur lässt den Menschen hier mit sich allein; in den Worten Nietzsches: „Wir lieben die g r o s s e Natur und haben sie entdeckt: Das kommt daher, dass in unserem Kopfe die großen Menschen fehlen.“ An anderer Stelle schreibt er: „Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ Und vervollkommnet sich der Mensch nicht gerade dann wahrhaft selbst und aus sich heraus, wenn er dies auch an entscheidender Stelle wirklich allein tut und nicht ständig auf das Urteil anderer Menschen hört, so konstruktiv die Urteile anderer Menschen auch sein mögen? Den wahren, wirklich selbstständig zu beschreitenden Weg der Selbsterkenntnis und -vervollkommnung muss der Mensch gemäß Nietzsche schon allein gehen.

Im Sinne Nietzsches müsste somit die Natur geschützt werden, damit sich der Mensch entwickeln und vervollkommnen kann. Für diese individuelle Entwicklung bedarf es einer gewissen Ruhe, wie sie in unberührter oder zumindest wenig berührter Natur zu finden ist; es bedarf sicherlich keines geschäftigen Treibens.

Hier lässt sich eine Nähe Nietzsches zur stoischen Ethik feststellen, bei der der Einklang mit dem Kosmos, der Natur und dem göttlichen Logos sowie die Ruhe und Ausgeglichenheit des Menschen eine große Rolle spielen. Ein Unterschied zur stoischen Ethik ist jedoch insofern gegeben, dass sich die Forderung der stoischen Ethik nach der Gleichheit aller Menschen schwer in Einklang mit Nietzsches Theorie des Übermenschen bringen lässt. Nietzsche gesteht augenscheinlich eher dem Übermenschen die Selbstvervollkommnung zu, die stoische Ethik prinzipiell allen Menschen.

In Zeiten von Pandemien findet eine Wiederentdeckung heimischer Natur statt, wenn Flugreisen in ferne Länder aufgrund von Beschränkungen nicht mehr möglich sind. Was bleibt den Menschen dann anderes übrig, als ihre Zeit in heimischer Natur zu verbringen, noch dazu, wenn die kulturellen Angebote fehlen? Vielleicht führte und führt noch diese Wiederentdeckung dazu, dass der Mensch wieder an seine Empfindlichkeit und seinen Schutz erinnert wird und Heimatgefühle dadurch eine Renaissance erleben.

Nietzsches Hochschätzung der Natur führt allerdings aus heutiger Sicht wieder auf ein bekanntes Problem zurück, nämlich auf das Verhältnis von Natur und Kultur, der Kultur inklusive der Technik, und damit auf die Frage, ob es heute überhaupt noch unberührte Natur gibt. Geht es heute nicht auch darum, diese komplexe Einheit aus Natur und Kultur zu schützen? Die Weiterentwicklung des Kulturwesens Mensch, der eben aufgrund dieser Eigenschaft nicht nur als Naturwesen zu verstehen ist, geschieht selbstverständlich nicht nur romantisierend in der Natur, sondern auch in Kultur. Das Verhältnis von Natur und Kultur ist bei Nietzsche aus moderner Sicht nicht erschöpfend behandelt worden. Ein Hochhalten von Natur und Relativieren von Kultur auf Natur ist hier natürlich auch kritisch zu betrachten, zumal die Sphäre der Kultur, auch durch den Einfluss der technischen Entwicklung, inzwischen in der modernen Welt sehr umfangreich ist und immer mehr in die Sphäre der Natur hineinreicht. Dennoch kann man mit Nietzsche heute dafür argumentieren, dass die Menschen gerade die unberührte Natur als solche erhalten und nicht um jeden Preis kultivieren sollten, da die Menschen sie zu ihrer wahren Selbstvervollkommnung dringend benötigen.

Aber wer kommt heute noch in den Genuss unberührter Natur? Wer kann es sich noch leisten, in die immer seltener werdenden Weltregionen wirklich unberührter Natur zu reisen? Vielleicht kommt es aber auch nicht mehr unbedingt auf solche abenteuerlichen Reisen an, wenn sie aus den verschiedensten Gründen immer unwahrscheinlicher werden und immer mehr Menschen mit ihrer heimischen, mehr oder weniger berührten Natur Vorlieb nehmen müssen. Denn auch diese berührte Natur als Einheit von Natur und Kultur und als Heimat verdient selbstverständlich unseren Schutz.


Fußnoten

  1. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Kritische Studienausgabe, Bd. 5. München/New York 1980, S. 357.
  2. Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. Kritische Studienausgabe, Bd. 3. München/New York 1980, S. 496.
  3. Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Kritische Studienausgabe, Bd. 2. München/New York 1980, S. 322.

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