Hast du dich schon Mal gefragt, wie es ist jemanden zu töten? Ja? Nein? Wie es wäre, ein Leben zu nehmen? Natürlich hast Du dir die Frage schon einmal gestellt. Ganz kurz mag sie dir in dein Bewusstsein geschossen sein und du hast sie wahrscheinlich genau so schnell verworfen, aus Angst vor deiner Antwort. Niemals könntest du einen Menschen umbringen. Niemals. Oder doch? Natürlich nur, wenn du es müsstest. Wenn dich jemand dazu zwingt. Wenn dir keine andere Wahl bliebe, wenn du dich oder einen geliebten Menschen verteidigen müsstest, vielleicht stirbst du manchmal auch heldenhaft in diesen Phantasien. Das hast du dir schön zurechtgelegt, mein Lieber. Aber warum denkst du überhaupt über solche Szenarien nach?
Sag mir, schaust du gerne Krimis? Horrorfilme? „Anti“-Kriegsfilme? Spielst du gerne Videospiele, in denen du andere erschießt? Aber das sind doch nur Filme und Spiele wirst du mir antworten. Das habe ja nichts mit der Realität zu tun. Aber warum siehst du sie dann, warum spielst du sie? Woher kommt dieses Bedürfnis? Warum ist jeder Anti-Kriegsfilm mehr Krieg als Anti? Warum freust du dich so, wenn du an deinem Bildschirm schneller warst als dein Gegner?
Hast du dir schon mal Videos aus dem Ukraine-Krieg angeschaut? Aus Syrien? Warum?
Wir haben Gewalt aus unseren realen Leben soweit entfernt, wie wir können, damit wir in Ruhe und Frieden leben können. Aber was wir nicht entfernen können ist unser Drang, bis zum äußersten zu gehen. Hörst du gerne True-Crime-Podcasts? Unser ziviles Leben ist so friedlich wie noch nie, das sagen sie jedenfalls. Und dennoch – oder gerade deshalb – ist unsere gesamte Pop-Kultur voll mit Gewalt, mit Mord und Totschlag. Hast du dich schonmal gefragt warum?
Sie sprechen Teile unseres Selbst an, denen wir den Zugang zu unserem Bewussten verweigern, die wir nicht leben können, aber doch leben wollen, leben müssen. So tief in die männliche Psyche eingebrannt ist das Töten oder kämpfend getötet werden, das ultimative Opfer für die Gemeinschaft, der ultimative Test zur Selbstbehauptung, dass wir nicht ohne ihn können. Ein Teil von dir will nicht friedlich leben, will Leid und Kampf. Klingt pathetisch oder? Aber auch das ist nur eine nachträgliche Rechtfertigung. Du schaust dir diese Dinge an, weil du wissen willst wie es sich anfühlt, weil du selbst diese Gefühle erleben willst, weil dein Gehirn dich vorbereiten will auf Bilder, die du unter bestimmten Umständen in echt irgendwann mal sehen könntest. Du willst vorbereitet sein, auf den Moment da es drauf ankommt. Menschen lernen über Beobachtung und über Spiel. Doch wozu das Ganze? Woher kommt der Drang zur Gewalt?
ISIS-Propaganda-Video: Ein Pilot der jordanischen Luftwaffe wird in einem eisernen Käfig lebendig verbrannt.
Allgemein wird Gewalt und in ihrer letzten Instanz das Töten als reines Mittel zum Zweck angesehen, als eine (niedere) Verhaltensoption zum Erreichen bestimmter Ziele. Gewalt als ein Resultat der instrumentellen Aggression, der Emotion der Wut, die wiederrum nur eine aktivierende, motivierende Funktion hat, den Körper auf Hochtouren zu bringen um das gewünschte Ziel zu erreichen. Es spricht vieles für diesen Ansatz. Er ist logisch, bestimmt auch teilweise wahr, ist notwendig, aber nicht hinreichend zur Erklärung von Gewalt. Denn er erklärt nicht die Faszination für Gewalt. Er erklärt nicht warum unsere Kultur voll ist mit Gewaltdarstellungen und warum du nachts auf X Ukrainekriegs-Videos schaust.
POV: eine Kamikazedrohne fliegt in einen offenen russischen Truppentransporter
Gewaltdarstellungen aktivieren das dopaminerge Belohnungssystem. Evolutionär verankerte Gefahrensensibilität. Ausreichende Erklärung?
Ein Mexikaner wird von Kartellmitgliedern mit einer Machete zerstückelt.
Ist es einfach der krasse Widerspruch zum alltäglichen Leben, der dich manchmal schon fast ekstatisch macht oder ist die Veranlagung zur Zerstörung ein Teil unseres tiefsten Selbst, ein Trieb, der immer da ist, immer da sein wird und nicht dauerhaft unterdrückt werden kann? Der nicht einfach durch evolutionär-biochemische Prozesse erklärt werden kann?
Sigmund Freud nennt diesen Trieb Thanatos, als Gegenspieler zum Eros. Während der Eros nach Leben strebt, nach Erhaltung und Verbindung, strebt der Thanatos nach Zerstörung, nach Auflösung, nach Ruhe zuletzt.
Eine russische Gleitbombe schlägt in eine ukrainische Stellung ein. Asche zu Asche. Staub zu Staub.
Doch kann man die Gewalt auch als einen Akt der Neuschöpfung verstehen. Ein Kind, das am Strand eine Sandburg gebaut, zerstört sie allzu oft wieder und beginnt mit der nächsten. Ist das etwas gänzlich anderes? Gewalt muss von der Emotion der Wut getrennt gesehen werden. GEFÄLLT NOCH NICHT
Gewalt kann also nicht nur zerstören, sondern auch den Anfang von etwas Neuem markieren. Romulus erschlug Remus und gründete Rom. Odin und seine Brüder erschlugen den Riesen Ymir und schufen aus seinen Gebeinen die Welt selbst. Wie entstand Aphrodite, die Göttin der Liebe, Schönheit, Fruchtbarkeit?
Ein Messerkampf zwischen einem russischen und einem ukrainischen Soldaten. Der Russe siegt. „Auf Wiedersehen, du warst besser als ich“
„Auf Wiedersehen, Bruder“
Und Kain erschlug seinen Bruder Abel. Erschlug ihn aus Neid, da Gott seine Opfergaben geringer schätzte. Und Gott beschützte Abel nicht. Abel, der so rein war, so aufrichtig.
„Wo ist dein Bruder Abel?“
„Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“
Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
Verflucht sei der Acker unter deinen Händen.
Rastlos und flüchtig sollst du sein auf Erden.“
Und doch schützte Gott Kain. Versah ihn mit einem Zeichen, auf das niemand ihn erschlüge. Und so wurde Kain zum ersten Städtegründer und Seine Kinder wurden die Ersten, die Herden hielten, die Instrumente spielten, die Erz schmiedeten.
Aus dem ersten Mord erwuchs die erste Zivilisation.
Kain erschlug Abel und Gottes Antwort darauf war nicht die Zerstörung Kains, sondern sein Schutz. Warum? Kain erschlug Abel, und Gottes Antwort darauf war nicht die Zerstörung Kains, sondern sein Schutz. Warum?
Da es sich bei Kain um den ersten bewussten Menschen handelt. Nicht mehr unschuldig wie Adam und Eva im Garten, nicht mehr rein wie Abel. Er wusste, was er tat. Gott hatte ihn gewarnt. Doch Kain entschied sich anders. Er erschlug seinen Bruder, nicht aus blindem Affekt, sondern im vollen Wissen um seine Schuld. Darin liegt seine Einzigartigkeit. Mit Kain beginnt das Bewusstsein.