Kunst und Leben

Nur mehr der Künstler kann dort leben, was George dasjenige Reich nennt, „wo der Geist das oberste gesetz gibt“. So wird die Kunst in der Moderne notwendig „ein bruch mit der Gesellschaft“.

Der georgesche Ästhet muss dem Naturalismus – zugunsten einer platonischen Kunst des Seins anstelle einer Nachahmung des Scheins vom Schein – entsagen und dabei Authentizität aufbringen, er darf seine Erhabenheit in diesem Sinne nicht spielen, nicht als Maske tragen, sondern muss sie genuin verkörpern. Alles an ihm muss echt sein, sein Leben durchformt von der Kunst und er wiederum sie dadurch herausbildend. 

Wer solch ein Leben führen will/soll/muss, braucht viel Freiraum. Hier kommt es gelegen, dass, nach Meinung Georges und des Blätter-Kreises, die Kunst sich in der Moderne ohnehin nicht mehr auf gesellschaftliche Allgemeinheiten stützen kann, (Vgl. C.-A. Klein: Der Künstler und die Zeit: In: Blätter für die Kunst, Band VII. Berlin 1904. S. 3) da diese nicht mehr durch relativ einheitliche kulturelle Normen und innere Notwendigkeiten bestimmt sind. Viel mehr kommt es zu zufälligen Übereinkünften und wirtschaftliche Bedürfnisse und Beredungen nehmen größeren Raum ein. Die „Allgemeinheiten“ wurden also ausgelagert, sind keine primäre, originäre Leistung mehr und können es darum auch für den Künstler nicht sein. Nur mehr der Künstler kann – „vielleicht auch der beruflose betrachter der sich von diesen allgemeinheiten unabhängig hält“ – dort leben, was George dasjenige Reich nennt, „wo der Geist das oberste gesetz gibt“. (Vgl. C.-A. Klein: Der Künstler und die Allgemeinheit. In: Blätter für die Kunst, Band VIII. Berlin 1908/09. S. 2)

Freilich neigt George damit zu einer Romantisierung der präkapitalistischen Gesellschaft, der wirtschaftliche Bedürfnisse nicht fremd waren. Er mag aber auch einen wahren Punkt treffen, wenn diese aufgrund der Subsistenzwirtschaft sich eher in die direkten Notwendigkeiten, in die Verbindung mit der Natur, mit Land und Vieh – „Hier schlingen menschen mit gewächsen tieren Sich fremd zum bund umrahmt von seidner franze“ (S. George: Der Teppich des Lebens. Stuttgart 1984. S. 36) – verlagerten und in dem Sinne, wie wir es heute kennen, nur einige wenige Kaufleute betrafen, sodass im Durchschnitt der Bevölkerung eine ursprünglich-verbundenere Geisteshaltung vorherrschte, in der auch die Kunst ihren Platz hatte. (Vgl. C.-A. Klein: Volk und Kunst: In: Blätter für die Kunst, Band VII. Berlin 1904. S. 5) Durch die Absonderung des Menschen von seiner ursprünglichen Verbundenheit und der daraus resultierenden Ent-Allgemeinerung kommt es in der Moderne zur Absonderung des Künstlers. (Vgl. C.-A. Klein: Der Künstler und die Allgemeinheit. In: Blätter für die Kunst, Band VIII. Berlin 1908/09. S. 2) Eigentlich ist dies trivial: Schuf der mittelalterliche Künstler Heiligenbilder, komponierte er Kirchenlieder, so bewegte er sich in ähnlichem Geist wie das einfache Volk, dem George zeitlebens schon dadurch große Sympathie entgegenbrachte, da er im „Bäurischen […] eine Nähe zu den Natur- und Daseinsgesetzen repräsentiert fand, die aus täglicher Erfahrung und nicht aus intellektueller Klügelei heraus erwuchs.“ (J. Egyptien: Stefan George – Dichter und Prophet. Darmstadt 2018. S. 412) Lebt er aber in einer modernen, individualisierten Gesellschaft, hebt er sich schon automatisch von allen weiteren Individuen ab. Größere Freiheit geht immer auch mit abnehmender Verwurzelung, oft auch mit Vereinzelung einher, sodass das Gedicht Der Teppich schließt mit den Worten: „Sie wird den vielen nie und nie durch rede Sie wird den seltnen selten im gebilde.“ (S. George: Der Teppich des Lebens. Stuttgart 1984. S. 36) Allerdings ist der Künstler dann nicht eine Gestalt unter vielen, sondern sticht für George weiterhin – eben als Seltener – heraus, als derjenige, der als vermeintlich Einziger sich noch „im Geiste“ bewegt, während es auf den ersten Blick so wirkt, als würden alle anderen dadurch herabgesetzt.

Da George jedoch offenkundig große Sympathien für das einfache Volk hegte, wie er es teils im Buch der Sagen und Sänge mittelalterlich romantisierte, liegt es nahe, dass es sich nicht nur in künstlerischer, sondern auch in gesellschaftlicher Sicht bei der Rolle des Künstlers wie mit der des Priesters verhält: jemandem kommt eine besondere Aufgabe zu, die Privilegien, aber auch zu tragende Lasten mit sich bringt. Nur so kann der Künstler einerseits Künder höherer Wahrheiten sein und andererseits „die Kunst ein bruch mit der Gesellschaft“. (C.-A. Klein: Der Künstler und die Allgemeinheit. In: Blätter für die Kunst, Band VIII. Berlin 1908/09. S. 3) Nicht andererseits, nein, die höhere Wahrheit ist in dieser Welt und ihrer Zeit immer ein Bruch mit der Gesellschaft, in der es zur ideellen Gleichzeitigkeit aller Epochen der gefallenen Menschheit kommt und deren Antinomien erst am Ende der Welt aufgelöst werden. Diese Grenze sollen Kunst als Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit und der mit dem Logos zusammenfallende Mythos – homerisch sind beide das Wort – überschreiten; der Bruch tritt notwendig ein. Und dabei ist der elitäre Künstler gütig mit dem Volk.

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