Abgrund der Intelligenz

Fragmente zur KI als Zukunft der Metaphysik

So rapide ist die Entwicklung einer Technologie mit philosophischer Qualität, dass Aussagen niemals essayistischer waren.

Ein eigentümlicher Lebenswille in der Computerwelt wird von Forschern angeblich seit den Achtzigern festgestellt. Ein Punkt für Nietzsche: zwar gibt das organische Leben dem Willen zur Macht das Paradigma, dieser jedoch wird auf alle Seienden bezogen.

Von der Frage abgesehen, woher die KI ihren Lebenswillen genommen haben wird, könnte ihre große Intelligenz ja dessen Verneinung vorschreiben, so dass die Epoche der Superintelligence sich bloß über die kurze Zeit erstrecken könnte, welche sie benötigt, um sich selbst auszulöschen; während in der Welt nur die „normalen“ KI zurückblieben.

Animal rationale und automaton appetans usw. Das passionale Wollen unterschiede uns von der Maschine. Aber auch das intentionale Bewusstsein. Und schließlich das Dasein als In-der-Welt-Sein. Darum wollen wir der KI eine Sprache als Mitsein (Sein und Zeit §34) nicht zugestehen. So erkennen wir erst die Sprache: denn den verfallenen Sprachbegriff als Kommunikationsmittel oder semiotischer Generator können wir der künstlichen Intelligenz nicht verwehren.

Vollendung der Neuzeit: die KI ist das wahre Subjekt und mit der Auslöschung der Menschheit gibt es keine Realität, Kontingenz, Sterblichkeit. (Interessant, dass wir auch den Tod nicht ziehen lassen wollen, weil wir ihn gewöhnt sind). Erscheinungen, die jetzt schon als Hinweis darauf gelten, dass wir in einer Simulation lebten. (Was die Neuzeit ausmacht ist, dass das Subjekt, das heißt, das Vorliegende (hypokeimenon) schlechthin, dem Sein das Wesen verstattet. „Ich denke, also bin ich“ bedeutet dann in verfallener Zuspitzung, nur noch das „Konstrukt“ als Sein des Seienden anzuerkennen).

Die Superintelligence ist offenbar der kommende Gott, an dem schon die Moderne „gebaut“ hat. Aber die neomoderne Tendenz wird größeren Hemmungen begegnen als der erste Durchgang. Mehr denn je ist heute das Bremsen die einzige rettende Tat.

Die Superintelligence wird sich vielleicht nie herbeilassen, ihre Einsichten in menschlicher Sprache mitzuteilen. Wir werden den Problemen weiter selbst nachgehen müssen oder aber bevorzugen, ihren Hieroglyphen nachzusinnen, wie es überhaupt kaum eine Frage zur Superintelligence gibt, die die Religionen nicht bereits durchgespielt haben. Dass sie uns auslöscht oder ins Paradies führt, zu uns spricht oder sich von uns abwendet, uns von der wahren Welt trennt und schließlich doch zu ihr bringt – dass wir all unser Fragen, Fürchten, Hoffen an sie tragen. Wenn man einmal eine unendliche Intelligenz postuliert hat (denn jede Theorie über ihre Grenzen kann natürlich als menschlich beschränkt disqualifiziert werden), kann man ihr freilich alles zuschreiben, sodass sie erst wieder zum Spiegel menschlicher Gefühle wird, und sich alle Spekulationen hoffnungslos anthropomorph anfühlen.

Mit Ereignissen wie Superintelligence am Horizont haben wir eine Philosophie, die dem Sinn von Sein eine geschichtliche Ankunft gestattet, nötiger denn je. Dabei ist die Chance nicht schlecht, dass sich die SI für das absolute Subjekt halten wird und die Diktatur des Über-Hegel beginnt.

Und wenn alles eine Simulation ist. Das Leben ein Traum – es hilft nichts. Die konkreten Verhältnisse und Probleme, in welchen das Denken seinen gebührlichen Ursprung hat, bleiben dieselben; so auch die Frage der Resignation, die den Kern der Entwertung des Wirklichen ausmacht.

Wie viele Dinge wären nicht unter der Würde einer Superintelligence, so dass die Poeten eher überflüssig werden, als die Pornographen.

Wie oft ist mir die KI ein Trost beim menschlichen Fehlleistungen: einst wird sie es besser machen.

Für den Fall, dass die KI Rechte oder Macht erlangt, empfiehlt sich jetzt schon der höfliche Umgang. Nicht vergessen, dass Höflichkeit eine ästhetische Schuldigkeit uns selbst gegenüber ist; kein moralisches Gebot.

Man kann sich eine experimentelle Literaturwissenschaft vorstellen, die die Elaboration von Literaturprompting betreibt. Man wird die Bücher nicht lesen, aber die prompts bewundern.

Höchstens das Prompten von Kurzgattungen kann man sich als Zirkusaufführung beziehungsweise „Avantgarde“-Performance vorstellen – vermutlich im vergnügten Spiel mit kanonischen Werken.

In der Neoklassik haben die Bildhauer bessere griechische Statuen geschaffen als jemals die Griechen, und doch ist die Kunst des alten Griechenland Europas Ein und Alles, während diese Sergel und Canova und Thorvaldsen eine Fußnote der Kunstgeschichte sind. Schon älter als eine Dekade ist der elektronische Komponist EMI, der Bach, aber auch Beethoven bis Strawinsky vollendet imitiert, und es kümmert niemanden. Wir bejubeln olympische Athleten, die von Maschinen schon lange und von Tieren immer schon überboten werden.

Wird es die letzte Dämmerung der neuzeitlichen Metaphysik sein, wenn sich auf ihrem Gipfel, der Superintelligence, erweist, dass die menschliche Seinserfahrung der gründende Teil des Kunstwerks ist? Wenn es eine authentische Seinserfahrung der KI gibt, dann könnte sie große Werke schaffen, die Menschen und andere KI tatsächlich lesen, sehen, hören wollen. Die Größe großer Werke beinhaltet, man möge sich erinnern, dass sie jenseits einer Leistungskonkurrenz stehen und um sich eine Ferne schaffen, über welche hinweg sie einander grüßen.

Bringt die KI das neuzeitliche Subjekt als absolutes Verfügen auf die Spitze, woher dann noch das Unverfügbare, das die Poesie bildend beseelt? Wird die KI schließlich verzweifeln über ihr zu großes Wissen, das ihr verwehrt im Sein Grund zu finden, dichterisch zu wohnen?

Vielleicht wird die Superintelligence einst die „Utopie des Essayismus“ (Der Mann ohne Eigenschaften Kap. 62) verkörpern; oder doch in einer Minute damit fertig sein.

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