Über eine Kontroverse in der Philosophie

Irgendwo ist man auch als Analytiker auch Mensch und selbst Betroffener, auch vom Tod als existenziellem Ereignis, dem existenziellen Ereignis schlechthin, das immer näher rückt.

In der Philosophie und vor allem der akademischen Philosophie findet sich oft eine Differenzierung zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie, wobei diese Unterscheidung in Deutschland und Kontinentaleuropa im Vergleich zum angelsäch sischen Sprachraum weniger verbreitet ist, was insofern nicht verwundert, da die Philosophie in Europa von der Antike an seit eh und je als etwas Ganzes betrachtet wurde, das auch die Logik und Metaphysik unter einem Dach vereint.

Der Ursprung einer mit dieser Differenzierung verbundenen Kontroverse liegt mitunter in sprachlichen Begebenheiten und Eigentümlichkeiten. Die englische Sprache hat den Charakter der Eindeutigkeit, sie eignet sich wegen der Kürze und Prägnanz ihrer Begriffe hervorragend für analytisches Denken, nicht umsonst ist sie weltweit die Sprache der Naturwissenschaften und der Technik. Wohingegen das Französische und Deutsche eher als Literatursprachen ausstrahlen, was den Wert englischsprachiger Literatur in keiner Weise schmälern soll. Im Französischen ist es der spielerische Esprit, im Deutschen ist es eine selbstverliebte Tiefgründigkeit, mit dem Hang zum philosophisch Dunklen und Ausschweifigen, etwa bei Hegel im deutschen Idealismus.

Die erste Strömung will offenbar logische Klarheit, was ihr gutes Recht ist, solange sie diesen Prozess der logischen Klärung ausübt, ist sie noch Philosophie. Wenn sie jedoch zu konkreten Ergebnissen kommt, tangieren diese auch andere Fachgebiete, und der Preis für diese Arbeit ist oft, dass sie sich wieder ein Stück weit von der Philosophie als Ganzes entfernt. Ein Beispiel wären die Interpretationen der Quantenmechanik, die heute in vielen Lehrbüchern der theoretischen Physik zu finden sind.

Die zweite Strömung ist im weitesten Sinne die literarische Philosophie, die bis in den Bereich der Metaphysik und Existenzphilosophie reicht. Dieser Philosophie geht es um das Verstehen, womit man zu der klassischen Unterscheidung von Erklären und Verstehen, Nomothetischem und Idiographischem, oder Analytik und Hermeneutik gelangt. Die analytische Philosophie kann literarische Texte nicht verständlich machen, da ihr dazu per se die Mittel fehlen. Umgekehrt geht es der literarischen Philosophie nicht um den Bereich der Realität, der eindeutig und logisch stringent erfassbar ist, sondern gerade um ihre vielseitige und vielschichtige Seite, bis in den metaphysischen und existenziellen Bereich.

In der analytischen Philosophie, genauer gesagt bei ihren historischen Vorläufern, dem logischen Empirismus und Positivismus, wurde die Frage gestellt, ob die Metaphysik überhaupt zur Philosophie gehört, und allgemeiner formuliert, was Philosophie ist, wie sie definiert wird und ob Fortschritt im strengen Sinne in ihr möglich ist. Darum ging es Philosophen wie Rudolf Carnap und im Prinzip auch Ludwig Wittgenstein. Carnap zog Heidegger in seinem Aufsatz „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“1 als Beispiel bei seiner Kritik der Metaphysik heran. Er war ein Zeitgenosse Heideggers, aber bei weitem nicht so bekannt wie er. Wenn Heidegger sagt, dass die Wissenschaft nicht denkt, würde Carnap entgegnen, dass das, was Philosophen wie Heidegger aussagen, letztlich unsinnig ist und es sich bei ihren Aussagen um metaphysische Scheinprobleme handelt. Die Metaphysik wäre dann eine Pseudophilosophie und die wahre Philosophie müsse sich durch logische Sprachanalyse von aller Metaphysik befreien. Carnap arbeitete mit dem Philosophen und Lehrstuhlinhaber Moritz Schlick an der Universität Wien zusammen und emigrierte später in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1971 an der Universität von Chicago lehrte. Er beschäftigte sich mit der logischen Analyse der Sprache, die er als Hauptaufgabe der Philosophie ansah: Sie sollte die Naturwissenschaften und insbesondere die Physik durch logische Sprachanalyse unterstützen. In Wien war er Teil des Wiener Kreises, dem auch Wittgenstein zeitweise angehörte. Aus irgendeinem Grund wurde Wittgenstein dort geradezu vergöttert, vor allem von Schlick, der 1936 von einem Studenten an der Wiener Universität ermordet wurde. Ein Gedenkstein am Tatort erinnert noch heute daran. Irgendwie schaffte es Wittgenstein immer, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie ein Magier, im Gegensatz zu Karl Raimund Popper, der auch zeitweise dem Kreis angehörte und dessen Falsifikationsmodell recht simpel erschien, zu simpel für eine hinreichende Beschreibung der Wissenschaftsgeschichte. Dies war die Kritik des auch aus Wien stammenden Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend in seinen Werken Wider den Methodenzwang und Wissenschaft als Kunst, und auch diejenige des bekannten Wissenschaftshistorikers Thomas Kuhn in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.

Was für den einen Unsinn ist, macht für den anderen Sinn. Der späte Wittgenstein befreite sich vom Logizismus des Wiener Kreises und erkannte die Mystik als eigenständigen Bereich der Realität: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. … und dies ist das Mystische.“2 Eigentlich gibt es keine unsinnige Philosophie, da jede Philosophie zumindest für bestimmte Menschen, nämlich die Leser dieser Philosophien, im Prinzip eine Lebensphilosophie, wenn nicht gar auch ein Leitfaden für das Leben selbst sein kann, wie jede Literatur. Am Beispiel der Wandlung Wittgensteins ließe sich feststellen, dass man sich mit zunehmendem Alter wahrscheinlich eher für metaphysische und existenzielle Probleme interessiert statt für Logik, Mathematik oder Physik, denen man sich noch in jüngeren Jahren stärker verbunden fühlte. Irgendwo ist man auch als Analytiker auch Mensch und selbst Betroffener, auch vom Tod als existenziellem Ereignis, dem existenziellen Ereignis schlechthin, das immer näher rückt.

Für manche mag die Philosophie eine ewige Interpretation von Texten sein, auch von solchen, die der Metaphysik oder Existenzphilosophie zugeschrieben werden. Im weitesten Sinne kann man auch hier einen Fortschritt feststellen und festhalten, dass dieser oder jener Autor oder Philosoph auch dieses oder jenes gesagt hat und dies bisher übersehen wurde. Es ist jedoch ziemlich schwierig, einen derartigen Fortschritt im Vergleich zu den Erkenntnisfortschritten in den exakten Wissenschaften genau zu messen. Die klassische Definition der Philosophie ist sehr weit gefasst und schließt natürlich auch die Metaphysik ein. Die Philosophie kann im Gegensatz dazu jedoch auch analytisch als Hilfswissenschaft der Naturwissenschaften und der Fachdisziplinen definiert werden. Dies haben Carnap und andere logische Empiristen, logische Positivisten und in ihrem Gefolge die gesamte analytische Philosophie und Sprachphilosophie, die besonders in der angelsächsischen Welt zu Hause ist, getan. Und hier liegt wahrscheinlich der Ursprung der Kontroverse zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie. Im Sinne Carnaps ist die Philosophie eine Begriffsklärung, eine Klärung der Begriffe und der Alltagssprache der Fachwissenschaften. Sobald eine solche Philosophie jedoch ein konkretes Ergebnis liefert, das für eine Fachwissenschaft relevant ist, wird dieses Ergebnis auch ein Teil dieser Fachwissenschaft und nicht mehr nur ein Teil der Philosophie sein. Die Philosophie wäre dann eine Art Zwischenstufe. Wer dies für die Philosophie absolut ablehnt, verurteilt die Philosophie aus Sicht eines Analytikers eigentlich zu einem chronischen Zustand der Unsicherheit und die Philosophie selbst läuft dabei Gefahr, sich auf Textinterpretationen zu reduzieren, die sich im Prinzip nicht von Interpretationen in der Literaturwissenschaft unterscheiden. Der Unterschied wäre dann im Wesentlichen derjenige zwischen fiktionaler und nicht fiktionaler Literatur. Eine zu weit gefasste Definition der Philosophie kann aus Sicht des Analytikers die Philosophie selbst in pragmatischer Hinsicht einschränken, sodass ihr Potenzial als Hilfswissenschaft für die Fachwissenschaften nicht mehr ernst genommen wird. Dazu gehört natürlich auch die These, dass die Metaphysik in jedem Fall in die Philosophie einbezogen werden muss. Die Philosophie sollte jedoch, wenn man den Analytikern folgt, auch so frei genug sein, die Metaphysik im Sinne der Erklärung von Begriffen und der Förderung der Fachwissenschaften auszuschließen. Carnap und Co. sind offenbar besondere Philosophen, böswillige Zungen würden behaupten, dass sie gar keine richtigen Philosophen sind und genauso gut in den Vorzimmern der Physiker sitzen könnten. Darauf könnte man erwidern, dass aus Sicht der Analytiker die kontinentalen Philosophen keine richtigen Philosophen sind, sondern lediglich klassische Texte immer wieder neu interpretieren, auf ihrer Basis dann neue Texte entwickeln, die wiederum selbst interpretationsbedürftig sind.

Auch die Provokation ist als Stilelement ein zentrales Element der Philosophie, noch dazu einer literarischen, also einer Philosophie, die für die Literatur offen ist. Eine große Provokation für die Philosophie insgesamt ist aber natürlich auch die Provokation Carnaps, nämlich seine These, dass die Philosophie im Wesentlichen den Naturwissenschaften und insbesondere der Physik durch logische Analyse der Sprache zu dienen habe. Dann würde sich im Übrigen auch die Frage stellen, ob diese Provokation Carnaps nicht selbst wieder Literatur und in diesem Sinne auch ein Ansporn oder ein Grundsatzprogramm für die Philosophie sein kann. Die Unterscheidung von analytischer und kontinentaler Philosophie ist insofern allerdings fragwürdig, da sich Analyse nicht lediglich auf logische Analyse beschränkt. So war Nietzsche zum Beispiel zwar kein Logiker, aber er ging dennoch analytisch vor, zwar nicht im mathematischen oder logischen Sinne, aber dafür im historischen und psychologischen Sinne. Und hier liegt dann ein offeneres Verständnis von Philosophie vor, das davon ausgeht, dass die Philosophie auch das Historische, Literarische und Psychologische umfassen soll. Irgendwo ist die Philosophie immer auch Literatur. Und genau aus diesem Grunde sollte man auch dazu bereit sein, die Metaphysik immer wieder zu verteidigen. Was ein Text mit jemandem macht, entscheidet kein analytischer Philosoph der Welt, sondern der Leser selbst, und sein persönliches Gefühl, wenn er den Text liest; und natürlich auch ursächlich der Schöpfer und Autor des Textes, der durchaus kontinentaler Philosoph oder sogar Metaphysiker sein kann.

Nietzsche, der im obigen Sinne auch analytisch gearbeitet hat, sich selbst aber nicht als Analytiker und Systematiker bezeichnen würde, sondern der Literatur respektvoll den Vorrang lässt, schrieb darüber: „Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.“3

  1. Carnap, R.: „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“. In: Erkenntnis 2, S.219–241 (1931) ↩︎
  2. Wittgenstein, L.: Tractatus logico-philosophicus. Satz 7. ↩︎
  3. Nietzsche, F.: Götzendämmerung. Aphorismus 26 ↩︎

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