What do you do, sir?

Wenn sich die Fakten ändern, sollte man auch seine Meinung ändern. Warum FIUME die Lösung ist.

Nach einer Phase, in der ich keine Artikel mehr für das Wirtschaftsmagazin Makroskop veröffentlicht habe, ist die Zeit gekommen, das Magazin zu verlassen. Meine Artikel werden von nun an bei FIUME erscheinen.

Es ist mir wichtig, das Makroskop-Team öffentlich dafür zu danken, dass sie meinen unorthodoxen Interpretationen des Zeitgeschehens eine Bühne geboten. In Tagen, in denen Deutsche israelischer Herkunft in linken Kreisen unabhängig von ihrer Haltung oft kein Gehör finden, hat Makroskop unter der Führung seines Herausgebers Heinrich Röder es mir ermöglicht – und mich sogar dazu ermutigt –, eine komplexe, faktenbasierte und unaufgeregte Analyse über den Krieg Israels gegen seine Feinde zu publizieren.

Ein besonderer Dank gilt dem Chefredakteur des Magazins, Sebastian Müller, der die Texte, die ich ihm – fast immer in der 90. Minute – schickte, mit großem Talent kommentierte, kritisierte und lektorierte. Ohne Müller würde das Magazin nicht funktionieren; er ist für das hohe Niveau der Artikel verantwortlich. Makroskop ist noch immer ein lesenwertes Magazin mit klugen Autoren. Darüber hinaus ist es mir aber auch wichtig zu erklären, warum sich unsere Wege nun trennen.

Der hauptsächliche Streitpunkt

Die Grundhaltung von Makroskop, die der Herausgeber in einem Artikel vom Oktober 2025 kohärent dargelegt hat, lautet, dass die Stärkung der AfD eine Gelegenheit bzw. Notwendigkeit darstellt, die Mitte-links-Parteien zu überzeugen, einen Kurswechsel, vor allem in der Wirtschaftspolitik, zu vollziehen.

Die AfD sei eine gefährliche Partei ohne gute Lösungen, deren Erstarken das Resultat zahlreicher Entwicklungen sei: einer zu laxen Migrationspolitik; einer Wirtschaftspolitik, die Ungleichheit vertieft und ein nachhaltiges, umwelt- und klimafreundliches Wachstum abwürgt; eines ungerechten Sozialstaates; einer zerstörerischen Militarisierung; der Einschränkung der Meinungsfreiheit; einer Überbetonung von Identitätspolitik sowie eines avantgardistischen Binnendiskurses und vielem mehr.

Demzufolge richten sich die Magazinleitung an ein akademisch-urbanes Milieu, das künftig die Schlüsselpositionen der Mitte-Linksparteien besetzen werde, um dieses von einem Kurswechsel zu überzeugen – im Glauben daran, dass dies möglich sei.

Ich halte die Diagnose von Michael Lind, dass dies auf absehbare Zeit unmöglich ist („The End of Progressive Intellectual Life“, Tablet Magazine, 13 April 2022), auch für Deutschland für gültig. Meiner Meinung nach ist Patrick Deneens Feststellung, dass in der westlichen Politik „offensichtlich geworden ist, dass die Rechte eher bereit ist, wirtschaftlich nach ‚links‘ zu rücken, als die Linke bereit ist, in gesellschaftlichen Fragen [Migration, Cancel Culture, Identitätspolitik, YG] nach ‚rechts‘ zu rücken“, zwar richtig, aber nur unvollständig.

Denn die Lage ist noch ernster: Die linken Kräfte, die nicht bereit sind, bei gesellschaftlichen Themen nach „rechts“ zu rücken, sind gleichzeitig ein erbitterter Feind der  Wirtschaftspolitik von Makroskop. Und schlimmer noch: Je mehr muslimische Migranten eingebürgert werden, desto stärker werden in der Mitte-Links-parteien jene Kräfte, die auf ein Linke-Scharia-Bündnis gegen die westliche Moderne, ihre Grundwerte und ihr gemeinsames Erbe hinarbeiten – wozu eben auch die Makrosteuerung einer Marktwirtschaft gehört.

Auf der anderen Seite genießt die AfD die Unterstützung der Arbeiterklasse und Teilen des produktiven Mittelstands – also jenes Publikums, das von der merkantilistischen Globalisierung Deutschlands geschädigt wurde. Wie ich in einem meiner letzten Artikel schrieb, halte ich die derzeitige libertäre Führung der Partei für ein Äquivalent zur Führung der Tea-Party-Bewegung in den USA, die von Trump und MAGA abgeräumt wurde.

Daher naht der Tag, an dem eine Agenda die Partei erobern wird, die den Interessen einer multiethnischen Koalition deutscher Staatsbürger vertritt, die unter der merkantilistischen Globalisierung Deutschlands gelitten haben und noch leiden. Dies wird einen Rechts-Keynesianismus, eine Südost-Orientierung mit Unterstützung der USA und Russlands, und eine massive Erhöhung der Geburtenrate umfassen. Zudem wird sie das 5-Prozent-BIP-Ziel für Aufrüstung ablehnen, und die materielle Basis der Linksprogressiven im öffentlichen Dienst abbauen zugunsten einer erheblichen Erhöhung der produktiven Investitionen.

Die historische Illusion

Historisch gesehen ist die Vorstellung falsch, die Linke sei die „natürliche“ Heimat für eine antizyklische Fiskal- und Geldpolitik, ausgewogene Handelsbeziehungen, eine Sozialpolitik, die Leistung belohnt, sowie die gezielte Schwächung des Rentiersinteresses. Lassen wir einmal die Tatsache beiseite, dass Keynes zu seiner Zeit in Großbritannien kein Linker war und selbst Oswald Mosley half und seiner Partei höchstwahrscheinlich auch wählte, und konzentrieren wir uns auf die Geschichte Deutschlands.

Vom Moment ihrer Gründung an propagierte die SPD den Klassenkampf. Es waren anti-weimarer Rechte wie Edgar Julius Jung, Wilhelm Lautenbach und Kurt von Schleicher, die erstmals ein proto-keynesianisches Wirtschaftsprogramm in Deutschland vorlegten. Lautenbachs fähigster Referent, Otmar Emminger, setzte sich in der Bundesrepublik für die Umsetzung des internationalen Aspekts der Keynes’schen Lehre innerhalb einer feindlich gesinnten Bundesbank ein – zusammen mit Ludwig Erhard (Wie Trump konnte auch Erhard dies nicht öffentlich zugeben, zumal die Keynesianer die Lehren ihrer Meister verzerrten).

In der gesamten Geschichte der SPD dominierte die echte Linie von Keynes nur in der Ära von Karl Schiller, zwischen 1966 und 1972. Danach betrieben Helmut Schmidt und die Gewerkschaften eine Overheating-Politik, die Schiller als „die Periode des Missbrauchs der Nachfragepolitik“ bezeichnete. Schmidt trieb die deutsche Wirtschaft gezielt in die Inflation und vereitelte Emmingers Bemühungen, ihm Einhalt zu gebieten, leitete die Entwicklung in Richtung Währungsunion ein und berief schließlich zwei Pioniere des deutschen Monetarismus auf die Posten des Bundesbankpräsidenten und des Wirtschaftsministers. Emminger antwortete mit einem Buch gegen Milton Friedman und den Monetarismus – ein Buch, das die „Brahmin-Klasse“ der Mitte-Links-parteien in Vergessenheit geraten ließ.

Was Gerhard Schröder und seine Nachfolger in der SPD angeht, sind die Fakten bekannt, schließlich wurde Makroskop von Heiner Flassbeck gegründet, der zusammen mit seinem politischen Förderer an den Rand gedrängt wurde, eben wegen seines Talents, Keynes’ Lehren an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Wilhelm Hankel, Schillers rechte Hand im Währungsbereich, kooperierte später mit der AfD gegen die Währungsunion. Heute ist der Einzige, der Schiller noch versteht und lobt, Maximilian Krah von der AfD.

Es ist daher keine historische Anomalie, dass gegenwärtig der effektivste Weg, eine vernünftige Makrosteuerung in Deutschland voranzutreiben, darin besteht, sich innerhalb der deutschen Rechten dafür einzusetzen, genau wie es die Denkfabrik American Compass und die Zeitschrift American Affairs in ihrem Land tun. Das gilt insbesondere für neue AfD-Mitglieder aus dem Unternehmerischen Bereich, die den Mangel an produktiven Investitionen in Deutschland unmittelbar erlebt haben. Es gehört auch zu ihrer Biographie, dass sie weit weg von der neoklassischen Volkswirtschaftslehre politisiert wurden und den Ethnonationalismus der neuen Rechte ablehnen.

Die Weigerung der Makroskop-Führung, den intellektuellen Raum der Rechten zu betreten und dort den Kampf aufzunehmen, spielt de facto der libertären AfD-Führung und ihren ethnonationalistischen Verbündeten in die Hände. Vielleicht ist dies folgerichtig, denn tatsächlich sind die außenpolitischen Positionen des Magazins identisch mit jenen der Letzteren und unterscheiden sich lediglich in ihrer Begründung.

What do you do, sir?

Diese gründsätzliche Meinungsverschiedenheit hat dazu geführt, dass meine Zusammenarbeit mit Makroskop zu Ende geht und ich mich dem rechten Magazin FIUME des Castrum Verlags anschließe. Wer sich mit der Biografie von Keynes und den kulturellen Gepflogenheiten der Royal Economic Society auskennt, wird sich sicherlich nicht darüber wundern, dass sich ein weiterer Cambridge-Absolvent mit einem kulturpolitischen Magazin zusammentut, das bestrebt ist, den altwestlichen common-good-orientierten Elitismus im Geiste des neuen Anti-Establishments ins Leben zurückzubringen. Lieber Leser, nun ist es an der Zeit, die Frage von Keynes auch an dich zu richten: „When the facts change, I change my mind. What do you do, sir?“

***

Yotam Givoli ist ein Deutscher Historiker israelischer Herkunft. Nach seinem Masterstudium in Cambridge, wo er sich mit der westdeutschen Politik im ägyptisch-israelischen Konflikt beschäftigte, promoviert er an der Universität Mannheim mit einem Projekt über den politischen Kreis um Königin/Kaiserin Augusta – den Wochenblattkreis – in den Jahren 1858-1875.

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