AMBROSI
Die Sonette an Gott – XLVIII
Ich brauche kein Verstehn für meine Leiden –
und weder Lindrung ob des Daseins Bürde
noch: daß der großen Mühsal Segnung würde,
denn längst sind Qual und Wehmut meine Freuden !
Mit allem bleib‘ ich neidlos zu beneiden !
In einem Dasein, daran mancher stürbe,
bin ich der Einzige, der darum würbe,
hätt‘ ich es nicht: um daran mich zu weiden !
Nur DU reichst in mein Einsamsein hinein –
niemandens eigen, triffst du mich mittragend
das ganze Weltleid. Ewig bleibt es DEIN
Geheimnis. – Und die Geister sind allein,
die es entwirren aus dem dumpfen Sein
zu hoher Segnung, viele Tode wagend.
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Der Bildhauer Gustinus Ambrosi ertaubte in seiner frühen Kindheit. Aus der ihn über die Jahrzehnte begleitenden Stille gebar er lange Selbstgespräche, aus denen er Sonette und Notizen schuf. Ein Gefühl für das stille Leiden, das Unerfüllte, für das Schmerzvolle aber auch als das Große durchdringt alles Gemeißelte und alles Geschriebene.
» Ich fühle langsam, wie ich über tausend Irrtümer gehe, aber Schlamm ist der Boden meines Ganges, und so kann ich nicht mit festen Tritten gehen, weil ich desto tiefer sinken könnte, je fester ich trete. Qualvoll winden sich meine Adern und Nerven, die ich bis zum grausamsten Grad foltere und quäle, um mich zu erfüllen und meiner Seele das zu geben, was ihrer ist – ein Reich unendlicher Dinge.«
RUNGE
Spielt ich still und sorgenlos
Freudevolle Stunden
Auf der Mutter Erde Schoß:
Wie so bald verschwunden,
Süße Freuden?
Nur beim Scheiden
Hab ich euren Wert empfunden.
Lag so still für mich allein
Unter Schatten, dunkeln Büschen,
Vor mir Wasser, Wies und Hain,
Hör im Rohr die Lüfte zischen,
Höre, wie der Vogel singet,
Daß der hohle Wald erklinget — —
Horch! Trompeten nun aus Weiten,
Näher holder Töne Gleiten —
Und die Abendsonne sinkt.
O nach diesen, diesen Tönen
Möchte ich immer satt mich sehnen!
Krausen sich die leichten Wolken,
Hell vergoldet ihre Ränder,
Hinter ihnen ferne Länder. —
Ha, in dunkler Bäume Schatten,
Als die Sonne war gesunken,
Sah ich liebliche Gestalten
Schimmern, schwinden in den Wald! —
Und ich seh sie nimmer wieder?
Nie die liebe schöne Seele,
Die aus dunklen Augen blitzte,
Die Gestalt, mit glühnden Schmerzen
Mir geschrieben tief im Herzen? —
Nach dem Schimmer, nach den Tönen
Muß ich mich nun ewig sehnen?
Liebesgeist, den ich empfinde,
Odem tief in innrer Seele!
Bei der Arbeit, was ich treibe,
Wo ich ich gehe, was ich denke,
Immer ist es nur dies: Liebe,
Das im Grund der Seele webet,
Wohin alles, alles ziehet.
Und in aller Wesen Reihe
Find ich dich nicht, liebe Seele?
Ging ich auch in ferne Länder
Dieses süße Bild zu schauen,
Das sich mir in eigner Seele
Fest und fester hat erzeuget,
Nicht in fremden Menschenkreisen,
Nicht in aller Volkesmenge,
Nirgends wird es mir begegnen
Wie nicht hier am klaren Bache,
Wo ich sitz im stillen Tale?
Alle Hoffnung ist verschwunden:
Nach dem Schimmer, nach dem Glanze,
Nach den vollen, süßen, lieben Tönen
Muß ich mich nun ewig, ewig sehnen?
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Eine der Kernüberzeugungen des ersten deutschen bildenden Künstlers der Romantik – Philipp Otto Runge – bestand in der Idee, dass die Vereinzelung der Künste zu überwinden sei. Er spricht in einem Brief an seinen Bruder von seiner Idee einer »abstrakte[n] malerische[n] phantastisch-musikalische[n] Dichtung mit Chören«, umrahmt von einer allein für diesen Zweck gebauten Architektur.
»Die innere brennende Sehnsucht ist der Quell, woraus alle meine Kraft, alles, was ich hervorbringe, entsteht; ohne diese Sehnsucht bin ich nichts als ein unbesaitetes Instrument.«
DALÍ
Für die Unterdrückung der Freiheit
Infame, gestaltlose Freiheit,
Romantische Freiheit, fremd sind dir die einzig vollkommenen
Fünf Polyeder,
Fremd sind dir die Käfige der göttlichen Geometrie,
Der glückliche Kerker der Netzhaut,
Fremd ist dir die beständige Lust unerbittlicher, strenger Netze
Sanfter Zwang des Gehirns,
Ersehntes Band,
Palisade, glorreiches Flechtwerk, goldene Grenze,
Korb, Krone »mit Hermelin«.
Den Männern die erhabene Pflicht, fürs Vaterland zu sterben.
Mir ein Weltall, konvergent und konkav.
Und bei Gala die höchste Wollust, ein Sklave zu sein,
Salvador Dalí geheißen.
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Dass der geniale Dalí auch in der Poesie versiert war, wird den Kenner seiner Wesensart wenig überraschen. Irrational-assoziativ in höchstem Grade, lässt sich die von ihm entwickelte paranoisch-kritische Methode – ein Ausnutzen der dem Geisteszustand Paranoia eigenen wahnhaften Struktur, um eine ordnende Systematik frei von willentlich gelenktem Denken oder irgendwie gearteten intellektuellen Kompromissen zu schaffen – genauso potent auf das Schaffen von Poesie übertragen. Dalí fragt den Kunstkritiker:
»Was würden Sie im Augenblick der Ekstase von diesem oder jenem Werk halten? Und vor allem: Versetzen Sie sich in den Zustand der Ekstase, bevor Sie mir antworten.«