Der im Jahre 1932 veröffentlichte Roman Schöne neue Welt von Aldous Huxley stellt bis heute einen einzigartigen Staats- und Gesellschaftsentwurf dar und begründete den Weltruhm seines Autors. Der Verfasser wurde im Jahre 1894 in eine bekannte britische Akademikerfamilie hineingeboren. Der Zeitgeist um die Jahrhundertwende war vom wissenschaftlichen Fortschritt und den von ihm gewonnenen Erkenntnissen geprägt. Der Wissenschaftsbetrieb förderte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutende Ergebnisse zutage, die bis weit ins nächste Jahrhundert hinein ihren Widerhall fanden.
Im Jahre 1859 veröffentlichte der britische Biologe und Naturforscher Charles Darwin sein Werk Über die Entstehung der Arten und legte hiermit den Grundstein für eine entmystifizierte, rationale Betrachtung des Ursprungs des Menschen. Darwins Cousin, der Biologe Francis Galton, griff dessen gewonnene Erkenntnisse auf und führte den Begriff der Eugenik in die Wissenschaft ein. In seinen 1869 beziehungsweise 1883 erschienenen Werken prägte er den Begriff der Eugenik und gab ihm Form und Gestalt. Die Eugenik nach Galton konzentrierte ihre Bemühungen darauf, erwünschte Erbanlagen zu vermehren beziehungsweise zu erhalten sowie unerwünschte Erbanlagen zu reduzieren respektive auszutilgen. Erklärtes Ziel war es, menschliche Populationen im Sinne eines bestimmten Ideals zu formen.
Die Wiederentdeckung der mendelschen Vererbungslehre im Jahre 1900 stellte einen weiteren Meilenstein einer künftigen Entwicklung dar. Die gewonnenen Erkenntnisse Gregor Mendels zeigten für das menschliche Auge nachvollziehbar auf, wie sich die Vererbung von Eigenschaften im Rahmen der Fortpflanzung bestimmter Pflanzen verhält. Auf dieser Grundlage entwickelte sich die heutige Gentechnik.
Daneben sind die großen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche zu nennen, deren Zeuge Huxley Anfang des 20. Jahrhunderts wurde. Als junger Mann mit dem Ersten Weltkrieg konfrontiert, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Aufgrund einer Augenkrankheit, an der er schon als Jugendlicher litt, verweigerte man ihm die Aufnahme – was ihm höchstwahrscheinlich das Leben rettete. Infolge des Krieges wichen die alten und über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Reiche neuen staatlichen Gebilden mit verschiedenen ideologischen Fundamenten.
Das seit Jahrhunderten durch den russischen Adel beherrschte und durch eine formelle Ständeordnung geprägte Zarenreich entwickelte sich nach der Revolution von 1917 sukzessive zu einem Staat mit egalitären Zügen. In gesellschaftlicher Hinsicht erklärte die neue Sowjetmacht die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und bemühte sich um die Herstellung der sogenannten Geschlechtergleichheit als wichtiges Anliegen. Die Politik betreffend trat der Kommunismus sowjetischer Prägung seinen Siegeszug an. Die Ideologie des neuen Staates wurde zunächst von Lenin als dem wichtigsten russischen Theoretiker und später von Stalin als dem führenden Politiker diktiert.
Letztlich war Stalin derjenige, der sich nach Lenins Tod gegen seine innerparteilichen Konkurrenten durchsetzen konnte. Hiermit ging der Ausbau des staatlichen Repressionsapparats einher, welcher im Großen Terror von 1936 bis 1938 einen ersten Höhepunkt nahm. Die Sowjetunion unter Stalin stellt hierbei exemplarisch einen Staatstypus dar, wie er in der jüngeren Vergangenheit vielfach und auch noch in der Gegenwart zu finden ist. Das nationalsozialistische Deutschland, das maoistische China sowie auch das Nordkorea unserer Tage sind dieser Kategorie zuzuordnen.
Dieser autoritäre Staatstypus zeichnet sich dadurch aus, dass der Staat „harte Gewalt“ ausübt, sowohl hinsichtlich der Herstellung und Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung als auch betreffend die Verbreitung und Verteidigung der staatlichen Ideologie. Der Einsatz dieser sogenannten harten Gewalt geht dem Umfang und der Intensität nach deutlich über dasjenige hinaus, mit dem der Normalbürger im Falle einer ideologischen Abweichung in einem sanft autoritären Staat konfrontiert ist. So ist ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland im Falle der öffentlichen Kundgabe der Sympathie für das nationalsozialistische Deutschland mit dem Volksverhetzungsparagrafen § 130 StGB konfrontiert. Diese Regelung sanktioniert den besagten Bürger mit einer empfindlichen Geldstrafe oder bei mehrmaligem Vergehen größeren Umfangs auch mit einer geringen Freiheitsstrafe. Hingegen stellt sich die Vorgehensweise eines hart autoritären Staates gänzlich anders dar.
Der berühmte russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn nahm als junger Mann im sogenannten Großen Vaterländischen Krieg teil, dem Krieg der Sowjetunion Stalins gegen Hitlers Deutschland. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Solschenizyn im Februar 1945 von der Militärpolizei verhaftet. Grund hierfür war, dass er in einem Brief an einen Freund Kritik an Stalin geübt hatte. Seiner Stellung als verdienter Soldat beraubt, wurde Solschenizyn zu einer achtjährigen Strafe im Gulag verurteilt. Im Lager kämpfte er täglich um das Überleben, der bitteren Kälte, dem großen Hunger und unerfüllbaren Arbeitsnormen gegenübergestellt.
Der hier dargelegte hart autoritäre Staatstypus fand seinen literarischen Ausdruck in zahlreichen Werken. George Orwells Roman 1984 stellt hierbei das wohl prominenteste Beispiel dar. In seinem Roman entwirft Orwell einen zentralistisch geführten Weltstaat, der unter der Kontrolle einer kleinen Parteielite steht. Das skizzierte Regime verfolgt das Ziel, mittels eines Kompendiums empfindlicher psychischer wie physischer Mittel die staatliche Ideologie über die öffentliche Sphäre hinaus in alle Lebensbereiche hineinzutragen. Die psychische Einflussnahme erfolgt durch das Institut der Gedankenpolizei sowie durch massive staatliche Propaganda. Die Gedankenpolizei hat die Aufgabe, kritische Gedanken in der Bevölkerung im Keim zu ersticken und den Menschen den inneren geistigen Rückzugsraum zu nehmen, der ihnen potenziell die Möglichkeit zur Reflexion und zum Aufbegehren eröffnet.
Die allgegenwärtige Propaganda bedient sich insbesondere der Sprache und pervertiert dieses Instrument zu einem Mittel, das nicht die Realität so akkurat wie möglich beschreiben, sondern die Wirklichkeit im Sinne der staatlichen Ideologie formen soll. Bereits durch diese Maßnahmen wird durch den Staat eine Atmosphäre großer Angst, gegenseitigen Misstrauens und erdrückender innerer Spannung geschaffen. Bleibt die psychologische Einflussnahme fruchtlos, erfolgt in einem nächsten Schritt die Anwendung physischer Gewalt. Allerdings kommt physische Gewalt nicht in offener Form zur Anwendung, sondern erfolgt von der Öffentlichkeit verborgen und verstärkt hierdurch die bereits als bedrohlich und bedrückend empfundene Atmosphäre.
Dem Leser – und dem Protagonisten – fällt es nicht schwer, starke Gefühle der Ablehnung und des Aufbegehrens gegen ein solches repressives System zu entwickeln. Die Bevölkerung wird durch das Regime psychologisch wie physisch in einem Zustand der Unterwerfung gehalten. Der Konsens für das System beruht nicht auf einer intrinsischen Motivation der Bürger. Demnach bestehen für die Menschen eines solchen Systems kaum bis gar keine positiven Bezugspunkte. Der Umsturz drängt sich einem ganz natürlich auf und bedarf keiner großen inneren Selbstüberwindung.
Im Gegensatz dazu liefert Huxley mit seiner Schönen neuen Welt einen anderen Entwurf. Gegenstand seines Romans ist ebenfalls eine Zukunft, in der eine zentralistisch geführte Weltregierung Staat und Gesellschaft lenkt. Anders als in Orwells 1984 stellt sich allerdings die Frage, ob Huxleys Konzept als Utopie statt als Dystopie verstanden werden kann. Freilich stellt dies eine schwierige Abgrenzung dar und ist abhängig von der Perspektive des Betrachters. Jedenfalls wird bereits hier die Gefährlichkeit der Vision Huxleys offengelegt.
Der Mensch der Schönen neuen Welt wird schon im Zeitpunkt der Zeugung im Sinne des staatlichen Ideals geformt. Durch den medizinisch-technologischen Fortschritt ermöglicht, ist die Fortpflanzung vom natürlichen Prozess abgekoppelt und erfolgt nunmehr in hierfür vorgesehenen Fabriken. Ein starres Kastensystem stellt das gesellschaftliche Grundgerüst der Schönen neuen Welt dar. Durch chemische Zugaben im embryonalen Stadium erhalten die künftigen Bürger eine bestimmte Intelligenz, je nachdem, für welche Kaste sie prädestiniert sind. Die Mitglieder der unteren Kasten werden zu einfachen körperlichen Arbeiten herangezogen, während sich die Angehörigen der höheren Kasten intellektuellen und anspruchsvollen Aufgaben widmen.
Staatliche Einrichtungen mit umfassenden Befugnissen wie eine Polizei, ohne die hart autoritäre Systeme gar nicht bestehen könnten, sucht man in der Schönen neuen Welt vergeblich. Hierzu gibt es auch keinen Grund, denn die Menschen sind vollends zufrieden mit ihrem Leben. Überhaupt besteht zwischen dem Staat und seinen Bürgern ein harmonisches Verhältnis. Das Verlangen aufzubegehren oder offen den eigenen Widerspruch zu äußern, kommt gar nicht auf.
Der erste Baustein des Systems besteht darin, der Bevölkerung zahlreiche Vergnügungen zur Verfügung zu stellen. Hierzu zählen Hindernisgolf, Fühlkino und synthetische Musik. Durch die fortwährende Beschäftigung soll die dauerhafte Zerstreuung der Menschen erreicht werden. Charakteristisch für die Schöne neue Welt ist daher der Umstand, dass den Menschen jeglicher innerer Raum zum Nachdenken über das Leben und die eigene Existenz fehlt. Dieser Zustand der Zerstreuung und Abwesenheit des Geistes wird als natürlich gegeben angenommen, und ein Denken, das in die Tiefe geht, drängt sich erst gar nicht auf.
Neben den zahlreichen Vergnügungen gesellt sich in Huxleys Welt die staatlich propagierte Promiskuität. Monogame Beziehungen, gegenseitige Treue und das hiermit einhergehende innige Vertrauensverhältnis zwischen den Partnern werden staatlich missbilligt. Vielmehr soll die Exklusivität sexueller Beziehungen aufgebrochen und die Menschen durch die dadurch erreichte Atomisierung gefügiger gemacht werden. Eventuell eintretende depressive Verstimmungen begegnet der Staat mit einem fabrikmäßig hergestellten Rauschmittel, dem sogenannten Soma.
Die große Gefahr der Schönen neuen Welt liegt darin, dass das System den Menschen eine starke Motivation für ihre Anpassung und letztlich ihre Unterwerfung liefert. Der überwältigende Teil der Menschen wähnt sich ehrlich im Glück. Der eigentliche Schrecken besteht darin, dass die meisten Menschen nicht mehr imstande sind, sich eine alternative Welt vorzustellen.
Fast hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Romans stellt sich die Frage, was Aldous Huxley denken würde, wäre er mit unserer heutigen Welt konfrontiert. Ein nüchterner Blick in die Gegenwart offenbart erhebliche Missstände. Pornographie ist allgegenwärtig, Zerstreuung jederzeit verfügbar, pharmazeutische Anpassung gesellschaftlich akzeptiert. Der Mensch wird unterhalten, sediert und domestiziert.
Nietzsches Figur des letzten Menschen erscheint vor diesem Hintergrund nicht als bloße Spekulation, sondern als präzise Warnung. Wo Schmerz, Gefahr und Herausforderung fehlen, verschwindet auch der Kampf, aus dem Größe entsteht. Dem gilt es eine eigene Wertsetzung entgegenzuhalten. Nur durch klare Verachtung des Niedrigen kann der letzte Mensch überwunden und dem Übermenschen der Weg eröffnet werden.