Nietzsche und Frankl, zwei Geistesgrößen, die bedingt durch ihr Schicksal leider niemals das Vergnügen hatten in einen persönlichen Austausch zu treten.
Der erstere, Friedrich Nietzsche, ist 1844 im damals preußischen Röcken als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren worden und ist Zeitzeuge der tiefgreifenden Umwälzungen, die mit dem ersten modernen Jahrhundert, dem 19. Jahrhundert, einhergingen.
Auf Wunsch seiner tiefgläubigen Mutter studierte er zunächst Theologie, brach dieses Studium jedoch ab und widmete sich fortan der klassischen Philologie und der Philosophie.
Die bereits angesprochenen Umwälzungen betrafen sowohl die materielle wie auch die geistige Sphäre der Menschen und veränderten sie nachhaltig.
Die Industrialisierung als wichtigster gesellschaftlicher und technologischer Transformationsprozess des 19. Jahrhunderts, nahm ab den 1840er Jahren in Deutschland volle Fahrt auf.
Infolgedessen veränderte sich das Leben der Menschen in Deutschland, namentlich von einem mehrheitlich agrarisch geprägten Leben auf dem Land, hin zu einer urbanisierten durch Industriearbeit geprägten Existenz inmitten von Fabriken und Kohleindustrie.
In großen Städten zusammengepfercht und fernab der Natur schuftete der durchschnittliche Arbeiter in einer rheinischen Stahlfabrik ca. 10 bis 12 Stunden am Tag, 6-mal die Woche für einen geringen Lohn, der gerade so das Existenzminimum der Familie sicherstellte.
Zuvor lebte der einfache Stand in Deutschland über Jahrhunderte hinweg auf dem Land, genauer gesagt in dörflichen Gemeinschaften und ging landwirtschaftlichen Arbeiten nach.
Die Arbeit in der Landwirtschaft war ebenfalls sehr anstrengend und zeitintensiv. Allerdings fiel das Arbeitspensum – bedingt durch die Jahreszeiten, das Tageslicht und die Witterung – im Vergleich deutlich kürzer aus.
Nicht zu unterschätzen ist in ästhetischer Hinsicht auch der Umstand, dass der einfache Tagelöhner vor der Industrialisierung, im Dorf unweit der Natur arbeiten durfte, während der Industriearbeiter mit großem Lärm, enormen Dreck und hässlichen Industriekomplexen konfrontiert war.
Hinsichtlich der geistigen Existenz stellte die Französische Revolution von 1789 das zentrale Ereignis der Geistesgeschichte dar, das infolge der Kriege des revolutionären Frankreichs in ganz Europa Verbreitung fand.
Bezogen auf die Politik nahm diese Entwicklung mit dem Wiener Kongress von 1815 ein Ende. Die Ideen der Revolution – namentlich die Freiheit und Gleichheit, die Säkularisierung sowie das wissenschaftliche, vernunftgeleitete Denken – wurden überall in Europa dennoch weiterhin rezipiert und traten im Laufe des 19. Jahrhunderts schließlich ihren Siegeszug an.
Als Folge dieser materiellen und geistigen Entwicklungen kam es zu einer für die damalige intellektuelle Gesellschaftsschicht deutlich spürbaren Entfremdung des Menschen – des nun modernen Menschen – von Familie, Dorfgemeinschaft und Religion.
Diese drei Institutionen stellten für den einfachen wie den vornehmen Menschen seitjeher die zentralen Bezugs- und Orientierungspunkte dar und waren die bedeutendsten Quellen seiner Sinnstiftung.
Familie, Dorfgemeinschaft und Religion stifteten Werte, an denen sich der eigene Lebensweg und die eigene Existenz ausrichten und deuten ließen.
Das Phänomen Friedrich Nietzsche kann insofern als das Suchen und Ringen eines modernen Menschen nach einem neuen Selbstverständnis in einer Welt verstanden werden, die ihrer jahrhundertealten Werte verlustig gegangen und nunmehr ins Wanken geraten ist.
Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten entstand ab 1869 Nietzsches die ,,Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik‘‘, sein erstes bedeutendes Werk.
Hierin beschäftigt sich Nietzsche mit dem antiken Griechenland klassischer und vorklassischer Zeit als Kulturerscheinung. Die alten Griechen dieser Zeit sah er als den Ursprung der vitalsten und in schöpferischer Hinsicht großartigsten Kultur, die jemals ein Volk in der Geschichte der Menschheit hervorbrachte.
Zentraler Gedanke seiner Ausführungen ist das tragische Lebensgefühl, das den alten Griechen nach Nietzsche in dieser Zeit zu eigen war. Diese Haltung zum Leben entwickelte sich laut Nietzsche über die Jahrhunderte hinweg durch das harte und entbehrungsreiche Leben dem die Griechen des Altertums unterworfen waren.
Dieses harte und entbehrungsreiche Leben der Griechen kam in verschiedenen Erscheinungen zum Ausdruck.
Ein bedeutendes Phänomen war, dass die griechische Welt des Altertums in zahllose unabhängige politische Einheiten (sog. Poleis) zersplittert war, die fortwährend unerbittlich Krieg gegeneinander um Raum und Ressourcen führten.
So gehörte es zur grundlegenden Erfahrung eines jeden jungen Mannes im alten Griechenland an einer kriegerischen Auseinandersetzung teilzunehmen, wovon schon – die wahrscheinlich älteste europäische Dichtung – die Ilias Homers zeugt.
Eine weitere nicht zu vernachlässigende Erscheinung im Griechenland vorklassischer Zeit war die weit verbreitete Piraterie, die durch die geographische Lage Griechenlands im Mittelmeer sowie durch das Vorhandensein zahlloser Inseln begünstigt wurde.
So sind Siedlungen die später zu bedeutenden Städten wurden – wie Athen, Sparta, Mykene, Knossos – in alter Zeit aus Gründen der Sicherheit im Landesinneren gegründet worden.
In der Geburt der Tragödie bringt Nietzsche dieses tragische Lebensgefühl der alten Griechen in der folgenden Passage zum Ausdruck:
,,Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysos, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellendem Lachen in diese Worte ausbricht:
,,Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben‘‘.
Nietzsche führt hierzu aus, dass die alten Griechen um die Schrecken und Grauen die mit dem Leben einhergingen genau wussten und diese in ihrem Alltag deutlich empfanden.
Das Heilmittel, das Mittel zur Verführung hin zum Leben, war laut Nietzsche die Schöpfung einer künstlerischen Mittelwelt, namentlich die olympische Götterwelt.
Nietzsche folgend mussten die alten Griechen aus tiefster Nötigung die Götter schaffen, um ,,unter dem hellen Sonnenscheine solcher Götter‘‘ ihr Dasein ertragen zu können.
Im Pantheon der Griechen sieht Nietzsche in den Gestalten des Apollo und des Dionysos zwei Gottheiten, die beide ,,lebendige und anschauliche Repräsentanten zweier in ihrem tiefsten Wesen und ihren höchsten Zielen verschiedene Kunstwelten‘‘ darstellen.
Einerseits steht da der Gott Apollo als Repräsentant einer formenden und gestaltverleihenden Kraft, als Verkörperung des Gedankens des principii individuationis.
Der einzelne Mensch als ein von anderen abgrenzbares und selbständiges Wesen ist imstande, infolge seiner Einzigartigkeit in Lebenserfahrung und Perspektive die plastische Kunst, die apollinische Kunst, zu schaffen.
So werden zwei Bildhauer, die die Aufgabe erhalten haben einen siegreichen Athleten in Marmor zu verewigen in Ausdruck ihrer Einzigartigkeit, zwei unterschiedliche Kunstwerke schaffen.
Auf der anderen Seite steht da der Gott Dionysos als das Symbol einer Kunst die rauschhaft und verzückend daherkommt. Eine Form der Kunst die Gefühle adressiert und nach außen trägt – eine Kunst die das Blut in Wallung bringt. Diese Form der Kunst entzieht sich einer klaren Form und ist einer genauen Gestalt nicht zugänglich.
So wird die Musik als die klassische dionysische Kunst in Filmen eingebettet, um eine Szene als bedeutungsvoll oder einen Menschen als erhaben hervorzuheben. Hierdurch werden starke Empfindungen des Publikums erregt und für das Kunstwerk gewonnen.
Die apollinische Kunst möchte also die Menschen zum Leben verführen. Dies tut not, denn ein jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens gezwungen, in den Abgrund der menschlichen Existenz hineinzublicken und Zeuge der Schrecken und Grausamkeiten des Daseins zu werden.
Angesichts all dessen, wie gelingt es dem Menschen nicht zu erstarren, nicht zugrunde zu gehen?
Nietzsches Antwort:
Durch Schönheit. Der Mensch als Zeuge und Erzeuger von Schönheit überwindet das dem Leben innewohnende gewaltige Leid.
In seinem persönlichen Leiden und Streben schwingt sich der Mensch auf, hin zu einer neuen noch nie gesehenen, noch nie dagewesenen Größe und Schönheit, und verschafft seinem Leiden, seinem Streben und überhaupt seiner Existenz einen Sinn.
Oder um mit Nietzsche zu sprechen:
,,Ein ganz verschiedenes Ziel hat die Kunst des Plastikers: hier überwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schönheit über das dem Leben inhärierende Leiden (…)‘‘.
Diese philosophische Perspektive Nietzsches auf das Leiden und Streben im Leben des Menschen tritt aus der abstrakten Sphäre heraus und wird lebendig, wenn man sich die Person und das Wirken Viktor Frankls vergegenwärtigt.
Dieser wurde im Jahre 1905 in Wien im damaligen Österreich-Ungarn als Sohn eines Ministerialbeamten in eine jüdische Familie geboren.
Schon als Jugendlicher korrespondierte Frankl mit Sigmund Freud sowie Alfred Adler und stellte bereits als Schüler die Frage nach dem Sinn der menschlichen Existenz in das Zentrum seiner Bemühungen.
Später studierte Frankl Medizin und war ab den 1930er Jahren als Psychiater in seiner Geburtsstadt tätig. Als Arzt arbeitete Frankl vornehmlich mit suizidgefährdeten Menschen.
Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 begann für Viktor Frankl und seine Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft eine Zeit größter staatlicher Repressionen.
In den nächsten Jahren wurde Frankl in drastischer und erschütternder Weise Zeuge einer gewaltigen Härte, die ihm schicksalshaft in seinem Leben zuteilwurde.
Sein Buch ,,trotzdem Ja zum Leben sagen – ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager‘‘, veröffentlicht im Jahre 1946, legt hierfür Zeugnis ab.
Anfangs entriss man ihm seine bürgerliche Existenz und er wurde 1942 mitsamt seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sein alter und gebrechlicher Vater nach kurzer Zeit starb. Seine schwangere Ehefrau wurde gezwungen das ungeborene Kind abzutreiben.
Im Jahr 1944 wurden seine Mutter, sein Bruder und seine Frau ins Konzentrationslager verbracht, im dortigen Lager direkt ausgesondert und in der Gaskammer ermordet. Er selbst wurde in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert.
Jetzt blieb ihm buchstäblich nur noch der nackte Leib, in Lumpen gehüllt. Unter Ausbeutung seiner letzten Kräfte war er dazu bestimmt, durch Zwangsarbeit vernichtet zu werden, sofern nicht bereits Krankheit, Kälte, Erschöpfung, Gewalt oder Hunger sein Leben gefordert hätten.
Insofern sind Frankls Gedanken, nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern beruhen auf dem Fundament seiner schmerzhaften Lebenserfahrung.
Was also bleibt einem Menschen, wenn ihm alles genommen wird?
Frankl gibt die Antwort:
,,Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend?
Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnisses so oder so einzustellen. Und es gab ein So oder so!‘‘.
Die innere Freiheit von der Frankl hier spricht verschafft jedem Menschen in jeder Lebenslage – mag sie noch so prekär erscheinen – die Möglichkeit Stellung zu beziehen.
Hiermit ist gemeint, dass ein jeder Mensch gleich vor welcher Schwierigkeit oder Herausforderung er im Leben auch stehen mag, die Freiheit besitzt, selbst zu entscheiden welche Einstellung er in seinem Inneren diesbezüglich kultivieren möchte.
Hierin liegt eine große Chance, aber auch eine enorme Schwierigkeit, zu alldem ist nicht jeder Mensch fähig.
Um mit Frankl zu sprechen: vegetierten die allermeisten, die Tausenden von Häftlingen, im Lager vor sich hin, aber den Wenigen und den Seltenen ist dieser Schritt gelungen –
selbst im äußeren Scheitern, ein inneres Siegen!
Diese praktische Perspektive Frankls – in den Abyss der menschlichen Existenz hineinzublicken, mit den Grauen und Schrecken des Lebens unmittelbar konfrontiert zu sein, dem Leben in seinen härtesten und allerschwersten Formen und Ausprägungen gegenüberzustehen – und doch nicht zu verzagen, nicht zu verfallen, nicht zugrunde zu gehen – sondern, auch noch zu diesem Leben und zu diesem Schicksal ,,Ja!‘‘ zu sagen, als Ausdruck der inneren Trutzmacht und in diesem Prozesse Schönheit zu erzeugen und Zeuge von Schönheit zu werden, ultimativ dem eigenen Leiden, Streben und Sterben einen Sinn zu verleihen – hierin hätte Nietzsche sicherlich großen Gefallen gefunden.
,,Du stehst im Graben bei der Arbeit; grau ist die Morgendämmerung um dich, grau ist der Himmel über dir, grau ist der Schnee im fahlen Dämmerlicht, grau sind die Lumpen, in die deine Kameraden gehüllt sind, grau sind ihre Gesichter.
(…) zum tausendsten Mal, beginnst du dein Klagen und dein Fragen zum Himmel zu schicken. Zum tausendsten Mal ringst du um eine Antwort, ringst du um den Sinn deines Leidens, deines Opfers – um den Sinn deines langsamen Sterbens.
In einem letzten Aufbäumen gegen die Trostlosigkeit eines Todes, der vor dir ist, fühlst du deinen Geist das Grau, das dich umgibt, durchstoßen, und in diesem letzten Aufbäumen fühlst du, wie dein Geist über diese ganze trostlose und sinnlose Welt hinausdringt und auf deine letzten Fragen um einen letzten Sinn zuletzt von irgendwoher dir ein sieghaftes ,,Ja!‘‘ entgegenjubelt.‘‘