Die entfesselte Gestaltkrise

Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch, sagt Hölderlin. Das Unheimliche ist eine beständig dräuende Gestaltkrise; nur der Dichter kann aus den umwölkten Bergen eines solchen Aufenthalts wiederkehren. Für den gewöhnlichen Menschen aber ist diese Freiheit eine mordende Zumutung. Martin Andersson mit Wegen aus dem Verlies.

Seit ich mich erinnern kann, hat sich das Leben mir im Bilde der Auflösung und des Kreisens im Nichts dargestellt: wo Namen keine Dinge enthalten, Gedanken keine Gefühle, und alles nur deshalb als fertig ausgegeben wird, weil nichts mehr gewollt werden kann. Tatsächlich habe ich eine Zukunft verkörpert, die heute endlich ankommt. Es scheint, ich habe die Welt gefressen.

Viele halten gerade die Epoche der Auflösungen für Stabilität, glauben an die Haltbarkeit der Systeme und ihrer Bahn, glauben, dass die Probleme von außen kommen und die Bewältigung von innen, huldigen der Göttin Machbarkeit, noch wo um sie herum einer nach dem andern fällt, erstickt von den Schwefeldämpfen, die aus den heißen Höllenpforten hervor sich stoßen.

Sie werden es alle noch sehen. Der nominelle Wohlstand der Globalisierungsära beruhte auf den niedrigen Geburtenraten, der sogenannten „demographischen Dividende“, die bei einer deutlichen Verringerung des nicht-produzierenden Teils der Bevölkerung entsteht; beruhte auf dem folgenden Überschuss akkumulierten Kapitals; beruhte auf einer welthistorischen Schwemme an billiger Arbeitskraft; beruhte auf russischen Rohstoffen und chinesischer Produktion. Beruhte auf einem Raubbau also an der nationalen Zukunft und der strategischen Sicherheit – und, wo wir doch dabei sind, an Umwelt, Erde, Atmosphäre. Wenn es die wirtschaftliche Krise braucht, um nur allzu viele zum Nachdenken zu bringen, dann gehen wir einer tiefsinnigen Epoche entgegen. So fern sie im Moment scheinen mag.

Ich führe diese ökonomischen Tatsachen nur an, weil wir ja gewöhnt sind, kein Problem der Welt ernst zu nehmen, solang nur der Wohlstand nicht bedroht ist; Champagner auf der Titanic. So konnte sich das „silberne Zeitalter“, wie das Peter Sloterdijk vor zwanzig Jahren noch nannte, über seinen inneren kulturellen, psychischen, menschlichen Zusammenbruch täuschen. Auch die Erwartung des Übermenschen gehört zur abendländischen Gestaltkrise.

Wenden wir uns einer bekannten Gestalt zu, aus verflossenen Zeiten und doch wie unser Daimon heute geheim allgegenwärtig: dem deutschen Dichter. Er war ein besonderes Individuum, begabt, einsam, berufen, lebensuntauglich, in der Heimat selbst exiliert, mächtig und bedürftig zugleich, ausgesperrt von der Liebe und doch ihr Künder.

Dabei war der Dichter in seiner ersten Blütezeit im späteren 18. Jahrhundert eine Figur bewusster Gestaltkrise: Würde es ihm gelingen, seine gestörten Bindungen wiederherzustellen? Die Iterationen dieses Individuums zwischen Isolation und Gemeinschaft, zwischen Einsamkeit und Liebe reichen vom Werther über den Empedokles bis ins 19. Jahrhundert, wo es noch ausstrahlt im rettenden Opfer von Grillparzers Armem Spielmann oder in der tief bescheidenden Pflichterfüllung des Pfarrers in Kalkstein.

Zugrunde liegt ein in mythologische Tiefe reichendes Gefühl für die Gleichzeitigkeit von Auserwähltheit und Fluch, in der eine Gemeinschaft, als Welt der sicheren Bezüge, doch ihr Herausstehen ins Unheimliche vergegenwärtigen kann. Der griechische Ödipus zeigt dieses Paradigma, indem er als tyrannos über den Gesetzen stehend isotheos, gottgleich, aber auch der pharmakos war, der als zumindest rituelles Menschenopfer aus der Gemeinschaft zu deren Reinigung ausgestoßen werden musste.[1]

Als sich das Deutschland der Kleinstaaten in das der Großstädte wandelte, lösten sich zunehmend die Bezüge. Mit Nietzsche oder Rilke traten Vordenker und Vorerleber radikalisierter Individualität, d. h. gestörter Bindungen, auf. Die überraschende Stabilität des 19. Jahrhunderts, als keine Generation in das ödipale Exil stürzte, musste dem titanischen Taumel der Moderne als Fesselung des Prometheus erscheinen.

Heute gilt dieser Individualitätsanspruch allgemein, und so verallgemeinert sich auch die Gestaltkrise. Ich bin geneigt, ihn „neoliberal“ zu nennen, solange Werte wie Selbstheit, Selbstermächtigung, Agency, Karriere, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit explizit sind; aber eigentlich gehören auch scheinlinke Konzepte bloßer Negativität wie Subversion dazu. Hier treffen sich der homo oeconomicus, der außer Arbeiten–Konsumieren–Akkumulieren keine Lebensfunktionen kennt, und jene seelische Zerrüttung, die sich vor geringsten positiven Bestimmungen ängstet. „Freiheit“ heißt das, der Name ist bekannt.

Und wo es unmöglich ist, Auserwähltheit zu demokratisieren, so geht es beim Fluch nur umso besser. Je mehr die altverkrusteten Schichten früherer Epochen von ihm abblättern, umso glühender sichtbar wird der Kern des modernen Lebens als Inferno der Selbstheit, in welchem der Mensch mit allem gequält wird, was er sich einst gewünscht hat.

Die isoliert-statische Freiheit, die großartige formale Selbstheit, hat so wenig Inhalt, wie sie Bindungen hat, weil wir nur innerhalb derselben unser tätiges Leben realisieren. Die Bindungen, die verbinden, und die Verbindungen, die binden, machen eine gegliederte Gestaltsphäre aus, in der noch nicht ein realitätsloses reines Subjekt jede Bestimmung von sich abgetan hat.

Die feudale Welt dachte sich in solchen festen Gliederungen – in Haus und Dorf und Land und Reich und Christenheit –, wurde aber von den in sich homogenen und nach außen scharf abgegrenzten monarchischen Staaten abgelöst, die beim Extrahieren von Steuern und Soldaten keine Einschränkung von innen oder Einmischung von außen dulden wollten. Die so geschaffenen Raumblöcke, samt ihrer atomisiert gedachten Individuenpopulationen, wurden im 19. Jahrhundert politisch vom Nationalismus vereinnahmt und ökonomisch vom Kapital, deren Impulse zu den Großraumexperimenten des 20. Jahrhunderts führten. Globalisierung schließlich heißt die Herrschaftsepoche jener Illusion, dass es Märkte ohne Staaten geben kann und Staaten ohne Völker. Ende der Gestalten in der Einheit der Welt.

Parallel hatte sich die Einheit von Familie und Produktion gelöst. Die Individuen – und ich meine hier zumal weibliche Fabrikarbeit – konnten frei zirkulieren und Löhne innerhalb der gegebenen Räume so niedrig wie möglich bleiben. Die Ausdehnung des bürgerlichen Familienideals mit männlichem Hauptverdiener auf die Arbeiterklasse war vielleicht Europas letzter großangelegter Gestaltversuch. Die folgende Auflösung des Unterschiedes der Geschlechter fließt kontinuierlich weiter in der Auflösung der Geschlechter überhaupt.

In dieser Epoche wird jede Statistik, die Unglück und Isolation der Menschen beschreibt, von Generation zu Generation schlimmer, und beschleunigt sich auch das Tempo der Verschlechterung. Die Wohlstandssimulation ewig sich blähender Assetpreise bildet sich durch die gläserne Verwinkelung digital erarbeiteter Architektur vollkommen aufrichtig in der Körperwelt ab, während ihre Bewohner nach innen kollabieren wie korrekt gesprengt.

Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch, sagt Hölderlin. Das Unheimliche ist eine beständig dräuende Gestaltkrise; nur der Dichter kann aus den umwölkten Bergen eines solchen Aufenthalts wiederkehren. Für den gewöhnlichen Menschen aber ist diese Freiheit eine mordende Zumutung, erlebt als lähmender Glaube an unendliche Möglichkeit. Das Gefäß ist zerbrochen, und durch unsere Finger zerrinnt eine verschüttete Welt.

[1] So herausgearbeitet von den französischen Althistorikern Vernant und Vidal-Naquet in Œdipe et ses mythes.

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