„Schwule waren Mitbegründer aller großen faschistischen Bewegungen, inklusive des Homos
vergasenden 3. Reiches“, heißt es in der Ausgabe des Gay-Magazins Du&Ich – und weiter:
„Faschismus ist ein schwules Problem.“ Ein homosexuell-faschistoider Schriftsteller, auf den
dieses Verdikt zutrifft, ist Yukio Mishima mit seinem Körperkult, seiner Bewunderung des
Starken und seiner Fetischisierung von Uniformen, Gewalt und Selbstmord. Die Folterungen
christlicher Heiliger regen seit ihrem Anbeginn die sadomasochistischen Träumereien
Europas an – so auch im östlichen Kulturkreis: der Heranwachsende Yukio Mishima hatte
seinen ersten Orgasmus, als er eine Kopie von Guido Renis „Der Heilige Sebastian“ sah. Der
kanadische Regisseur John Greyson baut nun diesen schwulen Japaner in seinen Film
„Urinal“ bzw. „Pissoir“ aus dem Jahr 1988 als handelnde Figur ein – das Urinal hat als
Gegenstand spätestens seit Duchamp einen Kultstatus. Soweit ich die Rezeption Mishimas
überblicke, ist der Film eines der frühesten Zeugnisse einer queeren Aneignung. Greyson
sagte: „It was very important to acknowledge the pleasure we need in reclaiming lesbian and
gay heroes“. Erzähltechnisch springt der Film in den Zeiten bzw. scheint es, als ob die Jahre
1937 und 1987 simultan verliefen. An einer Stelle des Films liest Mishima aus seinem Roman
„Verbotene Farben“, von dem er zugleich erklärt, er habe ihn noch nicht geschrieben. Das
Buch erschien 1951/53 und ist nach “Bekenntnisse einer Maske”, der zweite Roman
Mishimas, in welchem er Homosexualität thematisiert. Die sexuelle Entfremdung ist ein
prominentes Element in Mishimas Werken. Wir sehen eine dualistische repressive Struktur,
die Homosexualität und Heterosexualität gegenüberstellt. Was Mishima versuchte, war die
Strategie, sich in seiner von ihm selbst geschaffenen Legende um seiner selbst zu verstecken
und dabei eine solche dualistische repressive Struktur zu akzeptieren. Aber nicht nur Mishima
tritt auf, sondern evoziert der Regisseur generell eine Gruppe toter homosexueller Künstler,
darunter Sergej Eistenstein und Frida Kahlo, sozusagen ein transnationales Queer-Team. Was
diese politisch verschiedenen Figuren – Mishimas rechtsextreme Neigungen, Kahlos
Unterstützung für Trotzki, Eisensteins Beziehung zu Stalin – eint, ist ihre Homosexualität.
Ihre Aufgabe: Ermittlungen anstellen, denn die gay community geriet wegen polizeilicher
Überwachungen und Verhaftungen in Bedrängnis. Der Strafbestand: Sex in öffentlichen
Toilettenanlagen, wofür jedes Jahr hunderte Männer inhaftiert wurden. Was auch eine Rolle
im Film spielt, ist die Sozialgeschichte des Klos: schwuler Toilettensex konnte sich erst durch
die Einführung geschlechtergetrennter öffentlicher Toiletten im späten 19. Jahrhundert
entwickeln, hervorgerufen durch die Segregationsprozesse der Industriellen Revolution.
Weiter gedacht ist die so oft von rechter Seite kritisierte Unisex-Toilette ein reaktionäres
Mittel gegen die Neuzeit, wir befinden uns mitten im Konflikt, im Kulturkampf um
Raumaneignung und Raumbeherrschung. Räume sind durch ihre diskursive Erschaffung
ephemer und fragil, regelrecht instabil. Karl-Siegbert Rehberg spricht von Räumen als „Felder
einer Latenz“, sie haben einen Möglichkeitshorizont, dadurch können sich an einem Ort
mehrere Räume bilden oder überlagern. In Greysons Urinal spiegelt die Männertoilette nicht
nur Machtverhältnisse wider, sondern sie selbst ist ein Produkt von Machtverhältnissen,
subvertiert durch unterdrückten Schwulensex. Greysons Film gemäß gründet sich das
verborgene homosexuelle Subjekt in der unterdrückenden Ordnung der Heteronormativität,
dessen einziger Raum für sexuellen Selbstausdruck die öffentliche Toilette darstellt. Der
englische Begriff closet birgt diese zwei Aspekte, also im Sinne von heimlich bzw. geheim
und im Sinne von Toilette, diese geheime Kammer.
Urinal dokumentiert die homophobe Borniertheit der Polizei, die polizeiliche Raserei den
gesamten Stadtraum zu beobachten und zu beschreiben – diese Raserei, welche nicht einmal
vor den intimsten Ort halt macht. John Greyson selbst über die Machart des Films: „Urinal is
a feature docudrama that combines film, slides, video, and low-budget computer-animation
effects.”