Dresdner Nächte

Man spürt den Autor zwischen den Zeilen, der bei einigen Leserinnen die Schmerzgrenze überschritten hat und die beklagen, warum Zierke jetzt diesen Querschlag bringt; und man hört ihn mit der markanten Podcast-Stimme sagen: „Weil es halt witzig ist!“

Nach Ingo Schulzes oberflächlichem Dresden-Roman Die rechtschaffenen Mörder, der die Frage aufstellt, ob ein gebildeter Büchermensch – in Form des Antiquars Norbert Paulini – „rechts“ sein kann, und Volker Zierke diese Fragestellung mit seinem neuen Roman Herrengedeck mit einem klaren Ja beantwortet, wird mittlerweile ersichtlich, dass Dresden – neben Wien – zu den spannendsten deutschsprachigen Städten gehört, in denen Literatur in der Auseinandersetzung – bzw. wenn man sie in Bezug zueinander setzt – verhandelt wird.

Konkret geht es um einen jungen Ich-Erzähler, der nach einer Karriere bei der Identitären Bewegung seinen Lebensunterhalt als Referent am Sächsischen Landtag bestreitet und zwischen einem permanenten „Getränkeunfall“ (schöne Formulierung Zierkes im Jungeuropa-Podcast) und dem hedonistischen Karrierismus der anderen erkennt, wie sinnlos die parlamentarische Arbeit eigentlich ist, wenn man nicht an den Schalthebeln der Macht sitzt!

Der ohnehin desillusionierte Erzähler verbittert, während er schleimend, hustend keinen Schlaf findet, immer mehr – nur unterbrochen von kleinen Momenten der Menschlichkeit, die ihm aus der nihilistischen Sinnlosigkeit heraushelfen, um kurz darauf härter zurückzukehren und daran zu erinnern: Dem omnipräsenten Leid kann er nicht entkommen.

In dem Milieu zwischen Partei, Vorfeld und Studentenverbindung trifft die Hauptfigur – in ihr möchte man Zierke selbst erkennen – auf die fundamentale Katholikin Idylle, die im nihilistischen Dunkel eine Art Freundin wird und ihm entsprechend ihrer Namensbedeutung als beschauliches Bildchen oder kleines Gedicht die Dunkelheit verklärt.

Aus dieser ungewöhnlichen Beziehungskonstellation zwischen (Pop-)Nihilist und Katholikin entwickelt sich eine recht zynische, aber unterhaltsame Handlung, die wunderbar respektlos falsche Hybris aufzeigt.

Man spürt den Autor zwischen den Zeilen, der bei einigen Leserinnen die Schmerzgrenze überschritten hat und die beklagen, warum Zierke jetzt diesen Querschlag bringt; und man hört ihn mit der markanten Podcast-Stimme sagen: „Weil es halt witzig ist!“

Mit dieser schnoddrigen, aber symptomatischen Schreibweise reiht sich Herrengedeck in die Liste der „Männerliteratur“ ein, wendet sich vom Zelebrieren der reinen Mainstream-Literatur, die auf der langweiligen und politisch mehr als korrekten Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden ist, ab und geht in die Gemütlichkeit der Kneipe, in der eigene und klarere Regeln herrschen!

Wer originell schreibt „Meine Hoden sehen aus wie Saddam Hussein“, den schwarzen Saft der Lunge in seiner schönsten Ausprägung beschreibt, das weibliche Geschlechtsorgan hingegen – stilistisch wie Martin Mosebach – fast ehrfürchtig „Scheide“ nennt, mit dem möchte man durchs nächtliche Dresden ziehen, tiefsinnige Gespräche führen und den einen oder anderen Briefkasten zertrümmern – um in Barbour-Jacke und mit Feldschlösschen in der Tasche festzustellen, dass die großen linksliberalen Schriftsteller, die man mit Dresden verbindet, der Stadt den Rücken kehrten und Vandalismus im Kern sinnlos ist.

Die ausgeprägte Stärke, die vielleicht im Vorgängerbuch Ins Blaue stärker heraustritt, ist die atmosphärische Schilderung, bei der der Protagonist am Abgrund wandelt und der Leser sich fragt, ob er – oder man hofft darauf – die Welt in den Abgrund kippt, die auf dieser Ebene eigentlich total kaputt ist.

Politisch stellt Zierke fest, dass diese Welt, die Gesellschaft, die Struktur oder pathetisch „die Bewegung“ sich entkernte und die Hülle porös bröckelt. Konkret geht es um den leidigen Raub an der grundlegenden Idealpolitik. Eine Form der sächsischen „Urbanisierung“, die über einen längeren Zeitraum vorangetrieben wurde, aber nun täglich der als Strategie erklärten Taktiererei der Tagespolitik zum Opfer fällt – zum Vorteil, dass einige wenige, deren Verbindung zu den Wurzeln nicht zweifelsfrei erwiesen ist, für den Preis der Grundsätze in Positionen und mögliche Regierungsämter aufrücken, die ihnen oberflächlichen Glanz verleihen, aber für die Sache keine Bedeutung haben.

Wie soll ein Veteran, der das Fundament für den Erfolg legte, da nicht verbittern?

Vor diesem Hintergrund ist klar: Herrengedeck wird politisch diskutiert werden müssen. Es bleibt nur die Frage: Wann beginnt der Aufschlag?

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