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Bobbi-Boy schließt das Dokument, zufrieden mit seinem Artikel. Es ist Freitag, und jeder gesunde Teenager wäre schon dabei, sich ordentlich anzusaufen. Aber Bobbi-Boy ist ein dreckiger kleiner Keyboard Warrior, der nicht mit Frauen reden kann – zumindest nicht so gut wie mit mutmaßlichen V-Männern auf Telegram.

Böse Zungen sagen, man habe Bobbi-Boy in U-Haft gesteckt.
Will heißen: Jeder, der es hören will, erzählt seinem versoffenen Onkel davon, während er sich um die Pferdescheiße in seinem Stall kümmert. Der Stall stinkt bis über zwei Häuser weiter, bis zu seinem Zimmer, wenn Bobbi-Boy sein Fenster gekippt hat.
Lieber das Fenster geschlossen lassen – der Mist macht es unmöglich, sich zu konzentrieren. Bobbi-Boy soll ja nicht nach Pferdescheiße riechen, immerhin ist er Chefredakteur seiner Schülerzeitung. Und er ist nicht in U-Haft.

Klar ist er nicht in U-Haft – das ist für die bösen Jungs. Man steckt doch Bobbi-Boy, Chefredakteur der Schülerzeitung, nicht zu den bösen Jungs.

Schlagzeile der Schülerzeitung für diese Ausgabe: Ergebnis der Wahl zum Schülersprecher! Und die Gewinner sind, wie zu erwarten, das All-German Postercouple der Zentrale für politische Bildung. Auf Bobbi-Boys PC ist ein Bild von ihren grinsenden blonden Fratzen, und er sitzt ungeduldig an dem Artikel, den er darüber schreiben soll.

Natürlich gibt es einiges, was über Barbie und Ken zu sagen wäre. Das Wichtigste an der Wahl ist aber eigentlich, dass die Wahlbeteiligung unter den Schülern so schlecht wie noch nie ist. Worauf Bobbi-Boy äußerst stolz ist, worüber er aber ausdrücklich nicht schreiben soll.

Die Gründe dafür liegen, wie das ja meistens so ist, im Schoß der Männer. Was zu Bobbi-Boy zu sagen ist: Er ist gesegnet mit einem eindrucksvollen, etwas nach links gebeugten… revolutionären Subjekt. Und Bobbi-Boy ist ein wirklicher Tausendsassa in dieser Hinsicht – ein sehr ambitioniertes Model und Fotograf zugleich.

Die Reaktion, das heißt der Vertrauenslehrer, der sich um die Schülersprecherwahlen kümmern soll, ist bestens ausgerüstet und einem kleinen Guerillakämpfer wie Bobbi-Boy materiell weit überlegen. Jeder Schüler wird bombardiert mit Infomaterial, wie von der US-Airforce: Flyer, Kandidatenvorstellungen, alles gedruckt auf teurem laminierten Papier, finanziert vom Herrn Vertrauenslehrer selbst.

Wie es die Geschichte lehrt, kann nur das revolutionäre Subjekt selbst sich erheben und die Reaktion beiseite fegen. So soll es auch passieren: Bobbi-Boy hat sich angewedelt und eifrig Agitprop betrieben. Dann gilt es, den historischen Moment abzupassen.

Weil er ein Good-Boy ist, sitzt er in der ersten Reihe und muss nur abwarten, bis Herr Vertrauenslehrer kurz auf die Toilette verschwindet. Dann schlägt die Revolution zu: Hunderte Megabytes von Bildern und Videos von Bobbi-Boys revolutionärem Subjekt tauchen plötzlich auf, mitten im Herzen der Reaktion.

Dann gilt es – und das ist immerhin die Stärke des Guerilleros – wieder in der Masse unterzutauchen. Natürlich empört sich Herr Vertrauenslehrer über den Verlust seines Smartphones und verhängt, wie jeder Imperialist, Kollektivstrafen für die ganze Klasse. Aber das muss unser Guerillero stoisch ertragen.

Die Macht der Guerilla ist immer nur ein Fugazi, aber als Bobbi-Boy seinem Lehrer später die Lage erklärt, kommt es diesem nicht in den Sinn zu erkennen, dass die Bilder für Bobbi-Boy beinahe genauso belastend sind wie für ihn. Aber eben nur beinahe.

Die Forderungen der Revolution sind einfach: Die Propagandamaschinerie der Reaktion ist unverzüglich unter die Zensur von Commandante Coke Dick zu stellen, der natürlich sicherstellt, dass die laminierte Wahlwerbung von nun an eine differenzierte, faire Darstellung der Schülersprecherwahl enthält. Im Gegenzug erhält Herr Vertrauenslehrer – und nicht seine Frau – das Smartphone zurück.

Die Liste 3 und ihre Kandidat*innen Barbie und Ken setzen sich ein für einen Ausbau der Schulmensa, selbstverwaltete Safe Spaces und eine Wiedereinführung der Prügelstrafe. In seinem Artikel für die Schülerzeitung betont Bobbi-Boy, wie dieses mutige Bekenntnis der Fortschrittlichkeit sicherlich den eindeutigen Wahlerfolg gesichert hat. Erwähnt wird nicht, dass es gleichzeitig der Grund war, weshalb kaum jemand die Wahlzettel ausgefüllt hat.

Bobbi-Boy ist zufrieden mit dem Artikel, vielleicht auch nur, weil er mit dem Wahlergebnis zufrieden ist. Natürlich reicht seine redaktionelle Arbeit für die Wahlwerbung alleine nicht aus. Der echte Guerillero versteht, dass es niemanden mehr zu bekämpfen gibt als die Opposition des Feindes.

„Ich kann doch auf dich zählen, oder?“ fragt ihn der Oppositionsführer, den Bobbi-Boy schon seit Jahren aus der katholischen Jugend kennt. Bobbi-Boy hat seit Wochen ein Insta-Profil mit dessen Klarnamen kultiviert und dort akribisch den vielversprechendsten männlichen OnlyFans-Models gefolgt, mit hingebungsvollen Devotionalien unter jedem Post. Als er ihm den Account zeigt, ist er nur einen Klick davon entfernt, auch seiner Pfarre zu folgen.

St.-Petrus-Posterboy zieht am nächsten Tag seine Kandidatur zurück.

Wählen gehen, weiß Bobbi-Boy, heißt nichts anderes, als einer Domina zu sagen: „Kein Safeword!“, bevor sie mit dem Strap-on ans Werk geht.

Bobbi-Boy schließt das Dokument, zufrieden mit seinem Artikel. Es ist Freitag, und jeder gesunde Teenager wäre schon dabei, sich ordentlich anzusaufen. Aber Bobbi-Boy ist ein dreckiger kleiner Keyboard Warrior, der nicht mit Frauen reden kann – zumindest nicht so gut wie mit mutmaßlichen V-Männern auf Telegram.

Bobbi-Boy muss dringend zur Wagner-Gruppe wie du zum Techno/Ladies-Night-Event heute musst. Für beides muss man wissen, wie man Dokumente fälscht. Russisch zu können hilft wahrscheinlich auch.

Aber nicht nur das: Er ist eingeladen zum Café mit dem ehrenwerten Herrn Bezirksrat, der ihn für die Parteijugend gewinnen will.

„Junge, gesunde Kerle wie dich, das brauchen wir. Die meisten in deinem Alter interessieren sich ja gar nicht mehr für Politik“, schwafelt der zusammengeschrumpelte alte Päderast, dem allein beim Gedanken, Bobbi-Boy vor sich zu haben, fast einer abgeht.

„Ich würde ja gerne…“, sagt Bobbi-Boy und rührt dabei in seinem Hafermilchkaffee.
„Aber ich gehe bald in Urlaub, wissen Sie… könnten Sie mir nicht zufällig ein- oder zweihundert Euro leihen?“

„Also ehrlich gesagt…“, stammelt der alte Mann.
„Ach was soll’s, wir sind ja fast schon wie Parteigenossen.“ Er packt seinen Geldbeutel aus.

Das Geld reicht mehr als genug für den Sprit, und das Auto nimmt er sowieso von seinem Vater, der sich vor Jahren extra einen Hybrid besorgt hat, aus Sorge um die Umwelt. Vom Rest kann er sich noch einmal seine Nasenscheidewand wegätzen lassen, mit dem billigen Zeug, das ihm Hassan zum halben Preis verkauft.

„Hat mein Onkel damals auch gemacht, wo alle gesagt haben, IS kommt bald. Aber lass lieber. Dorf trotzdem kaputt.“

Das würde Bobbi-Boy sicher zum Nachdenken bringen, wenn er von Gefühlen wie Heimatliebe oder Patriotismus nicht betäubt wäre. Für den Discount verspricht er Hassan in Gedanken, ihn in ein paar Jahren von den Melanindeffizienten Wohlstands-Kuffar zu befreien.

Als er nach Hause kommt, ist es schon dunkel, und weil die Arbeit im Stall seines Onkels schon erledigt ist, kann er das Fenster öffnen, ohne dass es nach Mist stinkt. Jetzt ist Zeit, sich auf den Weg zum Club zu machen, um noch reinzukommen, bevor es zu voll wird.

Das einzige Problem: Die Polizei hat Bobbi-Boy seinen gefälschten Ausweis für die Donbass-Ladys-Night abgenommen. Das war vor ein paar Tagen, an einem Samstag, als Bobbi-Boy eigentlich ausschlafen wollte.

Es kommt ihm äußerst rücksichtslos vor, dass Hausdurchsuchungen schon um sechs Uhr morgens beginnen. Trotzdem ist das Gerücht völlig falsch: Bobbi-Boy war nie in U-Haft.

Wie jeder weiß, ist Bobbi-Boy ein guter Junge, Chefredakteur der Schülerzeitung, und U-Haft ist für böse Jungs.

Er muss ohnehin noch ein wenig warten, bis seine Eltern tief genug schlafen, damit er die Autoschlüssel aus der handgemachten Schlüsselschale vom Bauernmarkt letzten Jahres nehmen kann.

Wie jeder Teenager weiß, ist es immer ein wenig riskant, sich auf eine Party zu schleichen. Gut möglich, dass Bobbi-Boy erwischt wird und seine Eltern angerufen werden. Aber Knast macht Künstler – und Handschellen machen Helden.

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