1 – TRICHINEN DER FREIHEIT
Dostojewskis großer Roman „Verbrechen und Strafe“ endet mit einer Parabel auf unsere Gegenwart, die der nach Westen blickende Autor aus frühen Zeittendenzen extrapoliert hat. Der Protagonist Raskolnikoff, ein verurteilter Mörder, träumt im Zuchthaus, dass die Menschen an „einer Art neuer Trichinen“ erkrankt seien, die sie in „Wahnsinnige und Besessene“ verwandele:
„Noch niemals, niemals hatten sich die Menschen für so klug und unbeirrt in ihrer Wahrheit gehalten wie diese Angesteckten. Noch niemals hatten sie ihre Urteile, ihre wissenschaftlichen Schlüsse, ihre sittlichen Überzeugungen und Glaubenssätze für unerschütterlicher gehalten.“
Aber Überzeugung und Verunsicherung schließen sich nicht aus: „Alle waren in Unruhe und verstanden einander nicht; ein jeder glaubte, dass er allein die Wahrheit fasse, und quälte sich beim Anblick der anderen, schlug sich vor die Brust, weinte und rang die Hände. Sie wussten nicht, wen und wie man richten sollte, was als gut und als böse anzusehen sei. Sie wussten nicht, wen anzuklagen und wen freizusprechen. Die Menschen töteten einander in einer eigentümlichen, sinnlosen Wut.“
Epidemische Ideen führen zum Zusammenbruch der Gesellschaft: „Sie gaben die gewöhnlichsten Handwerke auf, weil jeder seine eigenen Gedanken und Verbesserungen vorschlug, und konnten sich nicht einigen; der Ackerbau stockte.“
Ob Carl Schmitt dieses Gleichnis kannte, als er in „Die Tyrannei der Werte“ den berühmten Satz schrieb: „Die rein subjektive Freiheit der Wertsetzung führt aber zu einem ewigen Kampf der Werte und der Weltanschauungen, einem Krieg aller mit allen“? Dostojewski und Schmitt sehen die Dialektik zwischen der äußeren Haltlosigkeit und ethischen Unbestimmtheit seit der „Nihilismus-Krise des 19. Jahrhunderts“ (Schmitt) und der kompensierenden Selbstermächtigung, also dem Wahnsinn, der darin besteht, das Wesentliche, das man nicht mehr sieht, schlicht zu erfinden – die Geburt der Wahrheit aus dem Geist des Labyrinths, das Ikarus-Projekt der europäischen Moderne.
Im Unterschied zu religiösen Dogmen fehlen derlei Narrativen sowohl gemeinschaftsstiftende Traditionen und Rituale als auch das bewusst subjektive Bekenntnis, das in eine „Behauptung des objektiven Charakters der gesetzten Werte“ (Schmitt) aufklärerisch veredelt ist. Der Glaube wird aber gerade zur Gewissheit des Gläubigen, weil er ihn nicht beweisen muss, während ein Wert den Nachweis seiner Objektivität gegen den eigenen Anspruch schuldig bleibt. Ein Wert ist eine halbe Frage, viele Werte treiben die Ungewissheit exponentiell voran. Das macht die Moderne zu einer ethisch überschuldeten Epoche, sie leidet unter einem strukturellen Norm-Defizit.
Der Subjekt-Objekt-Zerfall steht als Programmfehler der Moderne am Anfang jenes westlichen Individualismus, den als Heuchelei zu erkennen leicht geworden ist. Der unlösbare Widerspruch besteht darin, dass, gerade wenn das Nichts objektiv, der transzendente Faktor null sein soll, jeder dagegengesetzte Wert ebenso nichtig ist. Soll eine Norm, eine Handlungsrichtung mehr als persönliche Vorliebe sein, darf man die „wahre Welt“ zuvor nicht dekonstruiert und in ein Mosaik sozialer Konstrukte umgedeutet haben. Die Kompassnadel kann nicht auf sich selbst zeigen. Wer alle Götter absetzt, verwirkt das Recht aufs Absolute und ist verflucht, ewig zu zweifeln – ein Ahasverus unendlicher Debatten. Aber ist nicht das genau, nämlich gute von schlechten Zweifeln zu trennen, das Hochamt des Geistes, des Geschmacks, der Urteilskraft – also letztlich: Philosophie?
2 – ZEICHENINFLATION
Seit das Gute und das Wahre sich in der „wertfreien Wissenschaftlichkeit“ (Schmitt) historisch und begrifflich getrennt haben, ist unserer Entscheidungsfreiheit eine unlösbare Aufgabe gestellt: zwischen zahlreichen unwahren Gütern zu wählen. Die säkularisierte Kultur akkumuliert Ideen, Werte, Ideale, Präferenzen und Prioritäten in buchstäblich absurder Vielfalt. Der freie Moral-Markt brummt und geht von bürgerlicher Zivilität über das ersatzreligiöse Tremolo liberaler Prediger in einen medial vertausendfachten Bullshit-Konsumismus über. Der Overflow an Waren und Optionen raubt uns den Schlaf, die Lebenszeit, das Selbstvertrauen, erzeugt ein andauerndes Gefühl der Ohnmacht und kann nur durch weitere Waren und (Meta-)Optionen praktisch bewältigt werden.
„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung“, leitet Karl Marx „Das Kapital“ ein. Der Doppelsinn des Wortes „ungeheuer“ entfaltet sich heute in dystopischer Weite. Die Überproduktion auch von immateriellen Gütern, ja von Ideen-Produzenten selbst, von faselnden Eliten, die sich selbst entwerten, von Text, Bild, Wort und Thesen, von Zeichen, deren Referenten nur eine Minderheit von analogen Proletariern in vivo begegnet, in Werkshallen und Kriegsgebieten, Schlachtereien oder Krankenhäusern, diese semiotische Akkumulationskrise verbilligt und negiert so letztlich jede Geltung – auch dessen, was de facto gültig ist. Die Währung Autorität verfällt. Zahllose Perspektiven bereichern nicht, sie atomisieren die Aufmerksamkeit. In der mittels Künstlicher Intelligenz lichtschnell expandierenden Masse des Daten- und Faktenmülls gibt es keinen Halt mehr, keinen Gegen-Wert. „Die Umweltverschmutzung durch Zeichen ist ebenso ungeheuerlich [sic!] wie die industrielle Umweltverschmutzung, deren Zeitgenosse sie ist“, schrieb Jean Baudrillard schon Mitte der 1970er Jahre in „Der symbolische Tausch und der Tod“.
Der feste Wechselkurs der Wissenschaft und Logik, im Credo der Moderne als Stellvertreter Gottes eingeplant, ist unwiderruflich aufgekündigt. Messfehler, Unschärfen und die inhärente Unvollständigkeit auch mathematischer Schlusssysteme lassen die Grundlagenforschung seit Gödel und Heisenberg endgültig grundlos bleiben. Interessengeleitete Wissenschaft und volkserzieherische Vermittlung, nicht erst seit der „Corona-Pandemie“, verunsichern weiter; vom hyperspezialisierten Expertentum auf ausnahmslos allen Gebieten, das professionelles Wissen auf die Reichweite eines Hinterzimmers beschränkt, zu schweigen. Wir leben in der nachlutherischen Ära des szientistischen Papsttums, in der Post-Reformation des epistemisch Sicheren. Die marmornen Kanoniker und Koryphäen sind gestürzt, auf ihren Sockel ist das Nippes der Gurus, Talismane, Duodez-Experten und Digital-Rhetoren ausgeschüttet, das dem postmodernen Individuum Gewissheit geben soll.
3 – ADAEQUATIO COMMUNITATIS ET INTELLECTUS
Von Blaise Pascal stammt die riskante These, das Unglück der Menschen komme nur daher, dass sie es nicht in einem Zimmer aushielten. Für die Gegenwart lässt sich das umkehren: Das Unglück der Menschen kommt daher, dass sie ihre Zimmer nicht verlassen. Ihr Auge ist die Welt, sie sehen alles und erleben nichts. Der Überschuss dessen, worüber wir sprechen, gegenüber dem, was wir erfahren, war noch nie so hoch; unsere Meinungsliquidität wird von unserem Wissen nicht annähernd gedeckt. Den epistemischen Kredit gewähren uns halbseidene Medienbetreiber verschiedenster Couleur, bei denen wir jede gewünschte Wahrheit leihen; je wilder und persönlicher, desto höher verzinst – eine Spekulationsblase im doppelten Sinn. Wir kaufen Empirie aus x-ter Hand gegen soziales Kapital. Denn was wir für wahr halten, bestimmt, wer uns für gut hält.
Die Umwandlung von „wahr“ in „gut“ folgt den Koordinaten der menschlichen Kommunikation. Tiere teilen nur (einander) mit, Menschen stellen auch (Dinge) dar. Karl Bühlers Organon-Modell der Sprache von 1934, auf dem neuere Modelle fußen, bestimmen diese beiden Achsen. Small Talk dient offensichtlich zuallererst der Mitteilung, die dargestellten Dinge sind belanglos; die soziale Funktion überwiegt die der Referenz. Weniger offensichtlich ist dies bei Meinungen, erst recht politischen, die digital geäußert werden. Hier spielen viele Sender über die Bande der dargestellten Dinge um des Empfängers willen, Inhalte werden taktisch und Mittel zum sozialen Zweck, die Thesen zu Signalen an die virtuelle Clique. Nicht die Übereinstimmung mit der Welt, „adaequatio rei et intellectus“, also Wahrheit, sondern der Gleichklang mit dem Adressaten, also Gemeinschaft, entscheidet über den Erfolg der Kommunikation. Indem ich bestimmte Aussagen bekenne, die mich zum Anhänger der Gruppenwerte machen, nimmt mich die Gruppe an, bestätigt mich moralisch und identitär – die Gruppe bürgt für mich: „Wahrheit“ als Bindemittel und Variable eines Milieus folgt nicht der Empirie, sie setzt vielmehr deren Ignoranz voraus.
4 – SEMIO-AUTOKRATEN
Es ist zu leicht, vom Verschwinden der Welt zu sprechen. Mit Platon wird sie zwar zur Ableitung des Idealen, mit Paulus zum Anhängsel des Ewigen, mit Kant zur Fassade des Unerkennbaren und mit Baudrillard zur medialen Simulation. Stufenweise scheint die sogenannte Wirklichkeit entwertet und entkernt worden zu sein, bis nur noch Zeichen übrigbleiben, die in jenen halb mythischen, halb logischen Raum Realität verweisen, den der digitale Mensch, sagt man, nicht mehr bewohnt. Es ist jedoch nicht der Verlust der Wirklichkeit – die in derlei Thesen taschenspielerisch durch eine andere Lesart ihrer selbst ersetzt wird, die man nur stumm voraussetzt – sondern die Verkümmerung der Lebenswelt in der expandierenden Semiosphäre, die uns realitätsblind macht. Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit mit Abbildern statt Urbildern und versuchen hilflos, noch ihr Empiriedefizit mit Empirieersatz zu kompensieren: Pornos machen einsam, Sportvideos faul, und Filme, die den Abend spannend machen, lassen das Leben veröden.
„Der Mensch vergisst, dass er es war, der die Bilder erzeugte, um sich an ihnen in der Welt zu orientieren“, schrieb Vilem Flusser schon in den 1980er Jahren: „Imagination ist in Halluzination umgeschlagen.“ Der Mensch der Gegenwart vergisst auch, dass er die Bilder seiner Halluzination auf einem freien Halluzinogene-Markt selbst ausgewählt hat, aus einem Überangebot, das jedem ein individuelles Welt-Bilder-Portfolio ermöglicht, ja es ihm aufzwingt. In-seiner-eigenen-Welt-Leben ist allgemeiner Zeitgeist, keine Schrulle mehr, kann gar, wie Neurodivergenz oder Extremsport, als Ausweis singulärer Individualität durchgehen.
Der vielerorts gefühlte Weltverlust der mediatisierten Ära folgt nicht einem Verlust an Referenz, wie ihn postmoderne Theoretiker betonen, nicht einer Entkoppelung der Zeichen von der Wirklichkeit; denn solange man die Zeichen für die Welt hält, was Baudrillard und Flusser voraussetzen, fühlt man keinen Verlust. Wir leiden eher unter der Abnahme gemeinsamer Bezugsobjekte, von Anlässen also, auf die man sich – ob wahr oder unwahr – mit anderen bezieht und über die man sich verständigt und verbindet; unter einem Mangel an Mitteilung also, keinem an Darstellung. Kollektive Halluzinationen (Trans, Klima, Taylor Swift) werden rar und gelten schon als ozeanische Erfahrungen.
Es stört postmoderne Menschen nicht besonders, an der Welt vorbeizudenken; sie wollen nur nicht mit ihren Irrtümern allein sein. Das Besondere der Gegenwart ist weniger, dass die Welt von Zeichen überherrscht wird, die „Semiokratie“, wie Baudrillard das nennt, als vielmehr, dass jeder zum Zeremonienmeister seines eigenen kaleidoskopischen Simulationskonsums geworden ist, quasi ein „Semio-Autokrat“ – Herr seines Splitters in einer Mosaikgesellschaft, auf der Suche nach dem Bild, das man mit anderen ergibt.
5 – DIE SYMBOLGUERILLA
In der Hyperrealität der personalisierten Zeichen, die doch zugleich die wahre Welt bedeuten, haben im gesellschaftlichen Teilsystem der Politik die Symbole das ersetzt, wofür sie stehen. Die Meinung erscheint, stubenhockerperspektivisch verkürzt, als finales Stadium des Handelns, die Gesinnung als harte Währung der Moral. Betonte Aristoteles in seiner Ethik noch, dass die Tat nicht genüge, es auch auf die Haltung ankäme, sprechen wir heute umgekehrt kaum mehr über Taten, sondern nurmehr über deren Stellvertreter, die Bezeichnungen, Signale und Behauptungen. „Haltung zeigen“ gilt geradezu als Tapferkeit, Worte sind „Gewalt“, Märchen „traumatisieren“, Rechtschreibarabesken machen die ganze Menschheit „sichtbar“ und peitschen den Kreisel des Fortschritts voran. Das Ziel der Geschichte ist inklusiv und lässt sich auch vom Sofa hypersensibler Sozialphobiker*innen beim Matcha-Sesam-Latte erkämpfen. Mit der Wirklichkeit wurde das ethische Handeln – als lebten wir bereits im legendären Nährtank oder in der Matrix – körperlos und semiotisch, auf elektrische Impulse unseres Gehirns und unserer Geräte reduziert: Klicks, Likes, Stilentscheidungen. Gratismutige Symbolpolitiker inszenieren pathetische „Moralspektakel“, wie Philipp Hübl im gleichnamigen Sachbuch den heilsgeschichtlichen Nebenberuf des linksliberalen Milieus getauft hat. Das Mosaik erzählt sich selbst sein „Narrativ“. Der Kampf gegen das Böse, also Nicht-Linksliberale, ist umso beliebter, je symbolischer und sofanäher man ihn führen kann …
Die Schalentiere des Wohlstands sind gleiche Abläufe gewohnt: Arbeit, Konsum, Erholung und ein wenig hormoneller Aufruhr, vulgo Seelenleben. Eine politische Handlung mit realen Konsequenzen, die über den Exitus des Üblichen hinauszuckt, können gerade Mitteleuropäer sich selbst für ihre Staaten kaum noch vorstellen. Politik scheint zum gepflegten Sprachspiel sublimiert, das die Sachzwangverwaltung als Bühnennebel des Liberalismus umwabert – das Wahlrecht, wie der Kirchgang: Gymnasiallehrerfolklore. Wer ihre Folgenlosigkeit beklagt, hat mit der Klage daran teil; Politik ist in der pluralen Demokratie vor allem Reden über Politik, Meinungs- und Willensbildung unter der Bedingung, dass aus beiden nichts notwendig folgt. Fatalisten verhalten sich zu Aktivisten wie Passanten zu Jehovas Zeugen: ihre Erwartungsökonomien sind nicht anschlussfähig. Erst das digitale Statt-Engagement versöhnt sie. Täglich kompensiert das Semiotische. Die übliche Beflaggung anonymer Social-Media-Profile – hier deutscher Patriot, da Ukraine-Soli-Söldner, Russlandversteher, Israelverteidiger oder queer durch Palästina − auf Emojis minimierte Risiken, je konkret dafür zu haften und persönlich einzustehen, upcyceln den Monadentrott. Irrelevanz wird gerne missionarisch. Man steht für was, wenn auch nicht auf.
6 – MORALGEKLÄFF
Niemand wird behaupten, dass der politische Diskurs keine Referenz besitze (jeder ist selbst Referent dessen, was im Parlament beschlossen wird) – wohl aber, dass er sie nicht brauche. Politisches Handeln setzt Sprechen voraus, aber nicht umgekehrt. Dem modernen „Homo compensator“ (Odo Marquardt), der sich bemühen muss, den Widerspruch zwischen versprochener Freiheit und erlebter Ohnmacht wegzuerklären, steht in der Semiokratie ein Hypermarkt an Kompensationsideen zur Verfügung. (Ist „Freiheit“ vielleicht nicht mehr als Wertfreiheit und Wahlfreiheit und folglich – Unfreiheit?) Die scheinbar manifesten Unterschiede zwischen Nähe und Distanz, Praxis und Theorie, Privat und Öffentlich, Real und Virtuell und Ding und Zeichen sind verwischt, seit das Abstrakte den konkreten Alltag medial durchnetzt. Präsentes und Repräsentiertes zu trennen, entwöhnt man sich. Wir sind Protagonisten im selbstproduzierten Welt-Film und dessen gebanntester Zuschauer.
Wir ähneln Menschen mit Virtual-Reality-Brillen, die das Vermittelte anstelle des Unvermittelten wahrnehmen, das Erste und Echte zugunsten des Erzeugten übersehen. Neulich versuchte ich mühsam, einem sehr Andersdenkenden zu begründen, dass es einen wesentlichen Unterschied ausmacht, ob jemand sagt, er sei ein Menschenfeind – oder praktisch einer ist. Dass eine Identität, die man sich selbst oder ein anderer einem zuteilt, keine Handlung einschließt und ethisch völlig nebenrangig wäre. Ob das Gegenteil, Segregation in Meinungsstämme, nicht eine Art moralischer Rassismus sei? Dass Nächstenliebe etwa heiße, jedem Nächsten, ganz gleich, wem, nötige Hilfe zu erweisen – und ihn nicht vorher zu befragen, ob er auch „kein Nazi“ sei. Und dass es neben der komfortableren Moral der Ferne und der Zeichen auch eine rauere der Nähe und Begegnung gibt – eine des Leibes, des Gesichts, des Mutes. Tugenden, so meine wilde These, seien so wenig virtuell wie Sünden, Stoffwechsel und Sterben …
Eine Moral der Nähe wäre eine des Anderen; die Distanzmoral dagegen ist eine der Gleichen, eine reibungslose, achtsame, konsensuelle, ein Safe Space Einander-Gutfindender. In den Koordinaten Bühlers: Mitteilung überlagert Darstellung, wenn es dem Sender nur noch um Gemeinschaft mit dem Adressaten geht; derlei Moralbotschaften sind Signale der Zugehörigkeit, Duftmarken und Revierverhalten. Ihre Sprache ist eine Tiersprache, die nichts sagt, die sich nur mitteilt. Um Helmut Plessners berühmten Aufsatz „Der Mensch als Lebewesen“ (1967) zu zitieren: „Warum sprechen Tiere nicht? Humboldt gibt die Antwort: Weil sie nichts zu sagen haben.“ Auch semiokratische Apostel haben nichts zu sagen. Sie sind Moralisten ohne Referenz. Ob das Patriarchat, der Faschismus oder ein Völkermord in Nahost überhaupt existieren, spielt für ihre Sekte ebenso wenig eine Rolle wie ein Beweis der Existenz Gottes für theistische Gläubige. Das Katastrophische dient ihnen dazu, jene Identitätsgemeinschaften zu bilden, die im postmodernen Zeichenlabyrinth sich nirgends sonst so schnell und sicher bieten. Dass Demos gegen drohende Weltuntergänge mit Pop und Tanz oft eher Studentenpartys ähneln, belegt den Genusswert, den der gemeinsame Kampf gegen das (abwesende) Böse hat. Es ist sicher nicht der gleiche Menschenschlag, der hier gegen den Krieg tanzt und da russische Orks aufhält.
Dass die behaupteten Probleme durch gutmenschliche Verbrüderung tatsächlich gelöst würden, denken hoffentlich selbst die Engagierten nicht. Ihre Distanzmoral soll auch keine Folgen haben, sie soll nichts ändern, weil Änderung Nähe verlangt und damit Mühe, Risiko und Zeit. Das Leid der Welt muss konsumierbar, also semiotisch bleiben. Angehörige von Digitalfamilien genießen Nähe mit dem unleugbaren Vorteil, einander nicht zu kennen. Was sie voneinander wissen, ist nur, was sie anzieht, nicht, was sie realiter trennt. Semio-Autokraten beherrschen, was sie an der Welt noch interessiert, mit eisernem Swipe-Finger. Der ferngerückte Referent ihrer nestwarmen Nachrichten könnte in seiner dinglichen Komplexität die Einheit rasch gefährden. Die Nähe zwischen den Moralpartnern lebt von der Distanz zum Gegenstand, also auch zum Ziel, um das es ja nicht geht und das man zum Glück ohnehin niemals erreicht.
Rudel, Höhlen, Symbiosen brauchen keine Menschensprache. Zur Vereinigung genügen Laute der Empörung, Drohung und Verzückung. Die Kommunikation der Weltverbesserung ist zugleich virtuell und atavistisch, dem progressiven Selbstbild entspricht ein regressiver Sprachusus, der die genuin humane Darstellungsfunktion nicht braucht. Der Moral der symbolischen Kämpfe würden Tierlaute genügen.
7 – PALINURUS, DER TRÄUMER
Philipp Hübl führt im schon erwähnten Sachbuch „Moralspektakel“ (2024) den Begriff „moralisches Kapital“ ein, um den er die Reihe der bis dato soziologisch postulierten Kapital-Begriffe – das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das erotische Kapital – ergänzt: „In einer modernen Wissensgesellschaft kann Moral einen finanziellen Wert haben.“ (Unmoral auch, nebenbei bemerkt.) Wie in andere Kapitalarten könne man ebenso in moralisches Kapital investieren, „um als besserer Mensch zu erscheinen“. „Moralisches Prestige“ wirke sich zudem günstig „auf die anderen Kapitalarten aus“, mache attraktiv, erleichtere Kontakte und Geschäfte. Diversitätsbeauftragte, Redner, „Sinnfluencer“ und Berater berechneten weltweit moralkompetente Leistungen in Milliardenhöhe. „Moral“, schreibt Hübl, „ist Macht.“
Ohne dieses Phänomen abzustreiten, kann man doch beobachten, dass Moral nur eine Teilmenge, nur eines mehrerer Indizien derselben Entwicklung ist, die Hübl hier erkennt, jedoch zu eng fasst. Moral ist nur ein (derzeit modisches) Mittel, sich in der Welt der freien Werte und des Autoritätsverfalls sozial und ökonomisch profitabel aufzustellen. Tatsächlich zählt nicht die moralische, es zählt die Orientierung an sich. Es lohnt sich weniger, auf der „richtigen Seite“ als überhaupt auf einer Seite zu stehen. Wirtschaftlich formuliert: Der Aufwand, den es kostet, in einem zunehmend unbestimmten und partikularistischen Wert-Umfeld “das Gute“ zu vertreten, übersteigt deutlich den einer sehr klaren beliebigen Haltung. Allein die gefühlte und geteilte, nicht die philosophische Gewissheit befördert die polymorphe Kapitalbildung. Diesen geldwerten Mentalitätsvorteil könnte man „ideologisches Kapital“ nennen, wenn der Begriff „Ideologie“ nicht, seiner marxistischen Prägung gemäß, im Sinn eines „falschen Bewusstseins“ gebraucht und damit eine objektive Wertung enthalten würde, die es hier gerade zu vermeiden gilt. Besser geeignet wäre der Begriff kybernetisches Kapital.
Griechisch κυβερνήτης, der Steuermann, steht weder für (schein-)moralisches Abwägen noch für das opportunistische Anpassen an zufällige Strömungen und Winde. Im Gegenteil ist es gerade „kybernetisch“, den Kurs auch gegen die Wetter zu halten. Der Steuermann muss wachen, die Gegenwart allein bestehen und kann niemanden für sich entscheiden lassen. Palinurus, der tugendhafte Flottenführer des Aeneas, dessen „tödliche Träume“ am Steuer ihn vom Schiff stürzen lassen, darf als berühmtes Sinnbild für die Folgen kybernetischen Bankrotts gelten – und sei es mit den besten Absichten oder Argumenten: „Unbestattet wirst du, Palinurus, liegen an unbekanntem Strand“ („Aeneis“, 5. Buch, 870f.). Wie mit jeder Kapitalart gewinnt man auch mit kybernetischem Kapital an Macht, Prestige, Verbündeten, sogar an Attraktivität und Effizienz. Wer zweifelt, hat einen Konkurrenznachteil; wer umständlich nach dem Guten, Wahren, Schönen forscht, ebenfalls. Kybernetik als Steuerkunst meint hier die fähige Entschlossenheit, Kurs zu halten – vom Ziel ganz unabhängig. Denn die Sterne leiten uns nicht mehr, mit Meer und Himmel umdrängen uns gleich leere Finsternisse. Die Orient-ierung, das Zum-Morgen-Richten, wird metaphorisch, der Morgen dämmert in uns, die Kompassnadel kreist um ihre eigene Mitte …
8 – POST-ESSAYISMUS
Tendenzen seiner Gegenwart beschreiben heißt nicht sie verteidigen oder verurteilen. Ihre Feststellung impliziert jedoch Wahrscheinlichkeitsaussagen darüber, was in einer solchen Gegenwart eher gelingt und was am Widerstand der Zeit zu scheitern droht. Man kann nun die Wahrscheinlichkeiten ignorieren, indem man darauf hinweist, dass Unschärfen der Geschichte, des Menschen, der Natur, der Technik ihnen entgegenwirken und mehr oder minder jähe Paradigmenwechsel noch jede Gegenwart beendet haben. Und man tut dies oft mit jenem stereotypen Sprechakt des aufgeklärten Essayisten, der kritisiert, beratschlagt und seine Gegenwart nicht notfalls, sondern ausschließlich gegen ihre Strömung – sonst wäre er entbehrlich − korrigieren will.
In solcher Tradition steht dieser Essay nicht. Er zeichnet lediglich das temporäre Umfeld, das die Bauchredner des Weltgeists ad absurdum führt.
9 – ZERTRETENE AGOREN BABYLONS
Die Agora ist Voraussetzung der Philosophie, ein gemeinsamer Topos, der geteilte argumentative Ort. Das in Athen erstmals gelehrte folgernde Denken schreitet Prämissen ab, um Konklusionen zu erreichen. Philosophie, als Denken mehrerer, als Selbstbefragung einer Polis, geht von gemeinsamen Prämissen aus. In einer demokratischen Gesellschaft sollte man zumindest über die Probleme einig sein, die man zusammen lösen will. Geteilte Grundannahmen umhegen den Diskurs. Was, wenn diese fehlen? Was, wenn Freiheit, Umwelt, Wachstum, Gleichheit, Fortschritt, Tradition, Identität, Familie, Pluralismus, Nächstenliebe, Wissenschaft, Gemeinschaft, Leistung, Sicherheit, Nation, Empfindsamkeit und Toleranz, Heiliger Krieg und jederlei Privatgottheit die Agora zugleich betreten? Wenn Publikum und Redner sich vermischen? Wenn sie, verschieden unterrichtet, unter Berufung auf verschiedene Garanten nach verschiedenen Regeln sich an verschiedene Empfängercliquen richten? Das Zentrum wird verschwinden, das Zentralgespräch nicht mehr herauszuhören sein. Der Marktplatz dieser Polis ist nur noch ein Raum, kein Arrangement mehr. Und was um der einzelnen Stimme willen gedacht war – die heilige Gleichheit aller – hat gerade ihre Hörbarkeit zerstört. Der Tumult der viel zu vielen Lebens-Sinne und Sitten hat den Platz überrannt. Wer hier noch irgendwo philosophieren mag, der tut es privatim, pflegt eine vieler freier Spinnereien …
(Was politisch „Mitte“ heißt, bezog aus dieser Utopie des Zentrums seinen guten Ruf: die Mitte des Staates als der Ort, den alle erreichen und an dem, was alle betrifft, von allen verhandelt wird – als wäre das gemeinsame Interesse, der volonté général, exakt und leicht errechenbar wie ein Mittelpunkt in der Geometrie. Inzwischen ist das Wort abgenutzt, „die Mitte“ entlarvt als kollektive, wenn nicht manipulative Halluzination.)
„Einigt euch doch!“, rufen die Tugendwächter des Staates. „Warum denn?“, rufen andere zurück. Sie teilen die Prämisse nicht, dass es gut ist, wenn sich alle einigen. Die gefürchtete Polarisierung ist für sie keine Krankheit, sondern eine Kur: gegen Leere und Zweifel. „Seid doch friedlich!“, rufen die Wächter wieder. „Warum denn?“, heißt es. Sie teilen die Prämisse nicht, dass ihnen der Frieden genauso viel wie ihren Feinden nutzt. Was spricht für einen öden oder wirren, zweiflerischen Frieden? Feinde mögen schaden, doch indem sie schaden, nutzen sie: Feinde werten auf. Wer Feinde hat, lebt nicht umsonst. Wer Feinde hat, lebt tiefer, klarer, klüger.
Die Zeit des Eifers, der freien subjektiven Weltanschauungskämpfe, die Carl Schmitt prognostizierte, hat gerade erst begonnen, jetzt, wo der Konsens der Mitte, jahrzehntelang von Friedens-, Wohlstands- und Vertrauensdividenden üppig berentet, unumkehrbar aufgekündigt ist. Festtägliche Appelle, zum idealdemokratischen „Wir“ zurückzufinden, lullen kaum noch einen jener Bürger ein, die sehr zurecht befürchten, die Erträge ihres kulturellen Kapitals zu verlieren. Die kommenden Siege gehören den Eifernden, nicht mehr den Eifrigen, den kybernetischen Entrepreneuren, die allen aufgeklärten Moralisten an Ziel, an Kurs, an Sicht, kurz: an Gewissheitsschöpfung – Wert-Schöpfung im Schmittschen Sinne – weit überlegen sind.
Sie sind die Steuermänner, die auf Kurs bleiben – egal, wohin. Doch nur wer selbst seinen Kurs für den einzigen und richtigen hält, wird die Strapazen überstehen. Den unhintergehbaren Mangel an Gewissheit kompensiert der Eifer. Er ist nicht suggerier- und simulierbar. Eifer kommt aus dem Blut, wie eine Krankheit. Er ist die Krankheit, die wir alle brauchen werden. Ein Fieber der Entschlossenheit nach dem Verlust der allverbindlichen Kriterien. Gegenkräfte sind nicht sichtbar. Die kommunikativ handelnde Zivilgesellschaft, nie mehr als eine Sozialkundelehrerphantasie, ist auch als Idee gescheitert. Über ihre Wüsten herrschen bald die Warlords des Diskurses.
Die Philosophie als Agora-Rhetorik wird zur Erinnerung. Der Philosoph im kybernetischen Kapitalismus formuliert, wenn er die Zeit erkennt, aus dem – man könnte sagen: babylonischen Bewusstsein, dass der neutrale Ort zertreten, dass Vernunft nicht zu erwarten und künftigen Massakern – mit Demut zu begegnen sein wird.
10 − WAS IST REINHEIT?
Dostojewskis Gleichnis der Trichinenkranken und Fanatiker endet übrigens mit diesen Sätzen: „Bloß einige Menschen in der ganzen Welt konnten sich retten: Es waren die Reinen und Auserwählten, ausersehen, ein neues Leben und ein neues Menschengeschlecht zu begründen, die Erde zu erneuern und zu reinigen. Aber niemand hatte irgendwo diese Menschen gesehen, niemand hatte ihre Worte und Stimmen gehört.“
Wir, die wir Essays lesen und schreiben, gehören sicher nicht zu ihnen.