Petőfi lässt nicht mit sich handeln

Er meinte es ernst: „Ich will mit mir in Frieden leben, nicht mit der Welt!“ Ein Mensch mit dieser unbeugsamen Einstellung kann nicht lange auf dieser Erde leben, in seinem Fall nur 26 Jahre.

Wie lange kann ein Mensch auf dieser Erde leben, der nicht korrumpierbar ist und nicht mit sich handeln läßt? 

Bist du als Mann geboren,
dein Tun beweise es!
So klar wie Taten sprechen,
spricht kein Demosthenes.
Du magst erbaun, zerstören,
doch wenn dein Werk getan,
rühm dich nicht deiner Taten,
verstumm wie der Orkan.

Bist du als Mann geboren,
gib um die Gunst der Welt
nicht auf dein freies Leben,
noch gar um schnödes Geld.
Mit käuflichen Subjekten
mach niemals dich gemein!
Nein! „Bettelstab und Freiheit!“
laß deine Losung sein.

(Übersetzung Martin Remané)

Der ungarische Dichter Sándor Petőfi hat selbstverständlich nie ein Auftrags- noch ein Huldigungsgedicht geschrieben, und es dürfte kaum einen Dichter geben, der konsequenter und begeisterter für die Freiheit in all ihren Facetten eingetreten wäre und seine Ansichten darüber ehrlicher, ja, rücksichtsloser (anderen, aber auch sich gegenüber) ausgesprochen hätte als er. 

Einzig Sakrament der Freiheit!
Wahnbesessen sind,
die für andere Idole
je sich opfern blind.

Frieden, doch nicht den der Willkür!
Frieden aller Welt,
Nur den, den man aus der Freiheit
heiliger Hand erhält!

(Übersetzung Martin Remané)

Dabei hoffte er, dass sein Werk über seine ästhetische Qualität hinaus auch eine politische Wirkung haben möge: „Nur nützen will ich, nicht mich glänzen sehn!“ Ziel des Kampfes war zumindest eine Republik freier Bürger, mehr aber noch die in einem apokalyptischen Kataklysmus erfolgende Umsetzung eines säkularisierten Himmels auf Erden.

Mag der Feigling erbleichen, erdröhn ihm zum Hohn

Wie der Donner mein Lied von der Revolution!

(Übersetzung Martin Remané)

Wie sehr viel später die Avantgarde-Künstler des 20. Jahrhunderts, sah er sich als Prophet, als Führer ins Gelobte Land. Er musste aber feststellen, dass das Volk gegen seinen Willen befreit werden musste, dass die Basis für eine Umwälzung fehlte. In seinem Poem Der Apostel nahm er deshalb den anarchistischen Terrorismus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vorweg. Aber auch dichterisch antizipierte er in seinem Werk spätere Stile wie den Naturalismus oder den Surrealismus; seine nihilistische Phase inspirierte Nietzsche, seine angsterfüllten Gedichte stehen Kierkegaard nahe.

Denn er hatte zum Glück der Kunst, um den heineschen Witz zu paraphrasieren, nicht nur Charakter, sondern auch Talent, das er mit stupendem Fleiß, wie getrieben, in einem erstaunlichen Werk aus 860 lyrischen und erzählenden Gedichten, einem Roman, fünf Novellen, zwei Reisebeschreibungen, einem Drama sowie einer Reihe von Übersetzungen und Artikeln verströmte. Und das im Wesentlichen in den fünf Jahren von 1844 bis 1848. Seine dichterische Entwicklung war explosionsartig, jede neue Phase dauerte kaum ein Jahr. Er war auch dichterisch ein Revolutionär und hier überaus erfolgreich; so gab er der ungarischen Sprache in Dichtung und Prosa eine zuvor ungekannte Natürlichkeit, so führte er den freien Vers, das Prosagedicht und das Fragment als fertiges Gebilde in die ungarische Lyrik ein (und wurde damit ein Verwandter von Aloysius Bertrand und Baudelaire). Von der literarischen Kritik wurde er dafür heftig angegriffen.

Er meinte es ernst: „Ich will mit mir in Frieden leben, nicht mit der Welt!“ Ein Mensch mit dieser unbeugsamen Einstellung kann nicht lange auf dieser Erde leben, in seinem Fall nur 26 Jahre, von 1823 bis 1849, also in der Epoche des Vormärz, die politisch vergleichbar radikale Persönlichkeiten wie Georg Büchner hervorbrachte, der ihm auch literarisch in seiner Modernität ähnlich war. Büchner fiel dem Typhus zum Opfer, Petőfi verschwand in einer der letzten Schlachten des ungarischen Unabhängigkeitskrieges.

Wenn heute außer der Schönheit seiner Gedichte etwas von Petőfi bleibt, dann ist es der Imperativ, immer der Freiheit den Vorzug vor der Sicherheit zu geben, denn nur sie könne den Menschen zu seinem Glück, dem Ziel des Lebens führen; ferner ein Altruismus, der nicht aufhört, sich zu wundern, wie man selbst zufrieden weiterleben kann, wenn die Mitmenschen leiden. Petőfi fand zwei Jahre vor seinem Verschwinden eine Frau, die zu ihm passte, und an die er wunderschöne Liebesgedichte schrieb, die er aber auch nicht im Unklaren darüber ließ, welche Prioritäten er hatte. Das persönliche Glück ist notfalls zu opfern, damit die anderen glücklich werden können:

Freiheit und Liebe

Sind all mein Streben!

Für die Liebe würd’ ich

Das Leben,

Für die Freiheit

Meine Liebe geben

(Übersetzung Martin Remané / Adorján Kovács)

Ob das christlich oder „frühsozialistisch“ ist, bleibt bei Petőfi ambivalent. Heute geht die Literaturwissenschaft davon aus, dass er doch mehr von der Bibel als von Saint-Simon inspiriert war, denn seine Ansichten waren eher ethisch als wirtschaftlich motiviert. Letztlich glaubte er, daß das Leben gut und zu meistern ist, denn:

Eh’ er glücklich nicht gewesen,

Kann der Mensch nicht sterben.

(Übersetzung Theodor Opitz / Adorján Kovács)

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