Die Uhr tickt. Limbus. Irgendwo in einem deutschen Klassenzimmer steht ein Mann vor dreißig Gesichtern, die durch ihn hindurch sehen. In seiner Hand ein Blatt. Wieder eine Inhaltsangabe, die verdächtig glatt formuliert ist. Zu kohärent für einen Sechzehnjährigen. Zu ausgereift für jemanden, der letzte Woche noch nicht wusste, wie man „dass“ und „das“ unterscheidet.
Der Lehrer spürt es in den Fingerspitzen. Brodeln. Kränkung. Das war sicher dieses ChatGPT. Das Blatt zittert leicht. „Das ist Betrug“, hört er sich sagen, und seine Stimme klingt schriller als beabsichtigt. „Das ist das Ende der Bildung!“
Während er dort steht, umgeben von denselben Wandplakaten, die schon 1995 dort hingen – Schiller blickt müde herab, daneben ein vergilbtes Poster über die korrekte Mülltrennung – bleibt eine Frage ungestellt. Nicht von ihm. Er würde sie nie stellen.
Was genau wurde hier eigentlich umgangen? Hat dieser Mann jemals Substanz vermittelt? Oder nur die Mühsal, durch die er selbst einst kriechen musste, und die er nun mit der Verbissenheit des Ressentiments an der nächsten Generation zu rächen gedenkt? Die Prüfung als Initiationsritus. Nicht weil sie formt. Weil er sie erdulden musste.
Die Szene ist nicht hypothetisch.
An der Universität Mannheim werden seit Februar 2024 KI-generierte Texte forensisch verfolgt. Bayern erlässt Richtlinien, die faktisch auf ein Verbot hinauslaufen. Berlin blockiert KI-Tools im Schulnetzwerk. Die Begründung überall dieselbe, vorgetragen mit dem Tremolo echter Sorge: Akademische Integrität. Eigenständiges Denken. Bildungsstandards. Dieselben Institutionen, die den Hochschulabschluss inflationär werden ließen wie die Postmoderne das Wort Liebe. Dieselben Institutionen, die seit Jahrzehnten jeden durchwinken, der nur lange genug sitzen bleibt. Dieselben Institutionen, deren Absolventen in Bewerbungsgesprächen scheitern, weil sie zwar einen Titel tragen, aber keinen Gedanken zu Ende führen können.
Plötzlich Sorge um Standards. Was hier geschützt wird, ist nicht Bildung. Was hier geschützt wird, ist die Institution selbst – ihre Deutungshoheit, ihre Torwächterfunktion, ihre Daseinsberechtigung. Die Maschine bedroht nicht das Lernen. Sie bedroht die Institution.
Und diese Verteidigung offenbart drei Wahrheiten über das System, in dem wir leben. Wahrheiten, die weit über Klassenzimmer und Hörsäle hinausreichen.
Die Frage stellt sich dem Leser wohl selbst: War sein Geist schon vor jener Ausbildung kritisch, oder hat die Institution ihn erst dazu geformt?
I. Von der Unfähigkeit kritisch zu denken
Zweihundert Millionen Menschen nutzen ChatGPT täglich. Das mächtigste intellektuelle Werkzeug, das je in Massenhände gelangte. Eine Maschine, die Verträge analysiert, Software-Prototypen entwirft, medizinische Studien zusammenfasst, Argumente seziert. Was früher Wochen an Fleißarbeit war, erledigt sie in Stunden. Was Teams von Spezialisten band, skizziert ein Einzelner am Nachmittag.
Die Welt ist gerettet, mag man meinen. Der postmoderne Traum erfüllt. Gleichheit um Gleichheit. Eine technische Prothese für das Denken, die zur Brücke wird und jeden Menschen befähigt, aus der Glut seines Potenzials eine Stichflamme werden zu lassen. Denn jegliche Distanzen zwischen sensiblen Geistern, die die Welt durchstechen und jenen, die sich im Kaufhaus verlaufen haben, waren fiktiv. Sozialen Umständen zu verantworten. Systemische Schuld, die es glatt zu streifen gilt.
Ist es nicht so?
Was machen zweihundert Millionen Menschen also damit? Sie holen sicher auf? Oder.. Sie suchen Rezepte. Formulieren E-Mails. Recherchieren Konsumartikel. Der Massenmensch hat seinen Hebel gefunden: Banales effizienter werden zu lassen, um sich mehr Zeit für andere Banalitäten freizuschaufeln. Das Werkzeug liegt auf dem Tisch, für jeden greifbar. Dieselbe Maschine für den Physiker und den Paketzusteller. Und die Masse greift danach, um sich die Einkaufsliste sortieren zu lassen. Nun, das Werkzeug scheint nicht das Problem zu sein. Das Werkzeug wirkt viel mehr als Spiegel.
Ein Hammer. Nicht mehr. Aber der Hammer ist Verlängerung der Hand, und die Hand ist Verlängerung des Willens. Wer keinen Willen hat, dem wird das Werkzeug zur Last, er trägt es herum wie einen Vorwurf, den er nicht versteht. Mancher schlägt sich auf den Daumen und beschuldigt den Hammer. Mancher legt ihn in die Ecke und wartet, dass sich das Haus von selbst errichtet. Das Werkzeug entscheidet nichts. Die Hand entscheidet zwischen Kathedralen und Hundehütten. Und nun steht die Maschine da, der vollkommenste Spiegel, den es je gab und die Masse erschrickt vor dem, was sie darin erblickt. Das eigene Gesicht.
Und was tut diese Maschine schließlich? Sie rechnet Wahrscheinlichkeiten. Welches Wort
folgt auf welches, basierend auf Milliarden Texten. Kein Denken. Kein Verstehen. Mustererkennung, elegant verpackt.
Und dieses Werkzeug – ohne Geist, ohne Urteil, ohne die Fähigkeit, Wahrheit von Unsinn zu unterscheiden, besteht Abiturprüfungen. Schreibt Seminararbeiten, die mit 1,7 benotet werden. Löst juristische Fallstudien. In Sekunden.
Jahrzehnte hat man behauptet, diese Prüfungen würden kritisches Denken messen. Analytische Schärfe. Urteilskraft. Wenn das stimmt, wie kann dann ein Werkzeug, das nichts davon besitzt, sie alle bestehen?
Die Prüfungen messen nicht, was sie zu messen vorgeben. Sie messen Reproduktion. Sie messen Formate. Sie messen, ob jemand gelernt hat, Erwartungen zu erfüllen, die niedergeschrieben und memoriert werden können. Alles, was eine Maschine ohne Geist simulieren kann.
Hamburg, Mai 2023: Schüler schmuggeln Zweithandys in die Abiturprüfung. Mindestens einer wird erwischt, ChatGPT auf dem Display. Zwanzig Schulen melden Verdachtsfälle. Die Schulbehörde windet sich – der Betrug sei „nicht rechtssicher nachzuweisen“. Das Groteske daran ist nicht der Betrug. Betrogen wurde immer.
Das Groteske ist die Symmetrie.
Dieselbe Studie zeigt: Rund fünfzig Prozent der Lehrer nutzen KI bereits für schulische Zwecke. Dreißig Prozent lassen sich Prüfungsaufgaben von der Maschine erstellen. Neunundzwanzig Prozent korrigieren damit Klausuren.
Ganze Plattformen werben damit – EduBot, FieteAI, SchulKI – Prüfungen in Minuten generieren, Arbeitsblätter auf Knopfdruck, Korrekturen automatisiert.
Die Maschine schreibt die Prüfung. Dieselbe Maschine besteht die Prüfung. Dazwischen sitzt der Schüler, der sich echauffiert, wenn der Nachbar schummelt. Und der Lehrer, der sich echauffiert, während er die Aufgaben von derselben Maschine bezieht. Ein System, das von beiden Seiten für die Maschine gemacht wird. Der Mensch als Durchlauferhitzer. Was wurde hier eigentlich in den letzten Jahrzehnten produziert? Zwischen diesen Hörsälen, diesen Seminarräumen, diesen Prüfungshallen?
Elite? Zugehörigkeit? Konformität?
Sind so viele Menschen überhaupt geeignet für hohe Institutionen – oder haben wir die Institutionen so lange klein gemacht, bis noch der letzte Kleingeist seinen Platz gefunden hat? Unsere Zeit predigt fanatisch, man könne aus jedem Stein einen Diamanten formen, während man den echten Diamanten zum Stein machen will. Mit genug Förderung, der richtigen Methode, ausreichenden Ressourcen könne aus jedem ein kritischer Geist werden. Das Kind aus der Platte und das Kind aus der Villa – sie alle tragen dasselbe Potential, man soll es nur wecken. Das preußische Gymnasium sortierte offen. Der Volksschüler wusste, wo er stand. Der Gymnasiast wusste es auch. Härte, die Talente zu fördern vermochte, statt sie
im Einheitsbrei zu ertränken. Das heutige System sortiert verdeckt. Durch Noten, über die man nochmal diskutieren kann. Durch Abschlüsse, die jeder bekommt, wenn er nur lange genug dabei war. Durch einen Arbeitsmarkt, der dann doch wieder filtert, nur später, nur teurer, nur grausamer, weil er nach Jahren falscher Hoffnung zuschlägt.
Die heutige Ordnung ruht auf politischer Gleichheit.
Eine Stimme pro Person. Und diese Gleichheit braucht ihr Fundament. Und dieses Fundament ist der Glaube, dass kognitive Ungleichheit nur vorläufig sei. Dass sie durch Bildung aufgehoben werden könne. Soziale Umstände. Die Natur wirke nur auf der Oberfläche.
Die Schule wird zur Beweislast dieser These. Sie soll beweisen, dass alle gleich werden können. Dass die Unterschiede nicht Natur sind, sondern Defizit.
Beweise bleiben aus.
Also biegt man die Zahlen.
Abiturdurchschnitt 1990: 2,5. Heute: 2,1. Dreimal so viele Einser wie vor dreißig Jahren. Die PISA-Ergebnisse sagen das Gegenteil, historischer Tiefstand. 2022. Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften. Überall Rückgang.
Man hat nicht die Schüler verbessert. Man hat die Maßeinheit verändert. Doch ein Meter, der schrumpft, macht niemanden größer. Die Standards wurden gesenkt. Nach jeder Krise dieselbe Reaktion. Lehrermangel – Anforderungen runter. Corona – runter. Heterogene Klassen – runter. Die Fünf wird zur Drei, weil die Eltern anrufen. Der Schulleiter schweigt. Die Kultusministerin postuliert „Chancengerechtigkeit“ und meint Ergebnisnivellierung. Mehr Geld floss. Vierzig Prozent mehr pro Schüler seit der Jahrtausendwende, inflationsbereinigt. Wohin? Nicht ins Klassenzimmer. In Verwaltung. Koordination. Evaluationsbögen, die niemand liest. Diversitätsbeauftragte, die Arbeitskreise leiten, in denen besprochen wird, welche Arbeitskreise noch fehlen. Für jeden Euro, der beim Lehrer ankommt, versickert mehr als einer in der Bürokratie dazwischen. Die Nivellierung war nie ein Systemversagen. Der Laden läuft wie geplant.
Sechzig Jahre Bildungsexpansion. Milliarden investiert. Und die Erblichkeit kognitiver Fähigkeiten bleibt, was sie immer war, stabil, messbar, unbeeindruckt von jeder Reform. Das gesamte Förderparadigma ruht auf einem Befund, den es nicht gibt.
Die Kapazität zur Synthese. Zum Erkennen dessen, was unter der Oberfläche liegt. Zum Greifen von Mustern, die andere nicht einmal ahnen. Sind diese Fähigkeiten gleich verteilt? Sind sie einfach erlernbar. Für diese Antwort muss man schlicht mit offenen Augen durch die Welt gehen.
Manche Geister entzünden sich an einem Funken und brennen, weil es in ihrer Natur liegt. Andere bleiben kalt, egal wie viel Zunder du herbeischaffst. Und während man fälscht, landet das mächtigste kognitive Werkzeug der Geschichte in den Händen aller. Dieselben
Möglichkeiten. Dieselbe Maschine. Wenn das Narrativ stimmen würde – wenn Ungleichheit nur mangelnder Zugang wäre – dann müsste doch mindestens jetzt etwas passieren. Die Zurückgebliebenen müssten aufholen. Die Verteilung müsste sich nun endlich verschieben. Die Welt hatte das Auto, den Computer, das Internet. Jede Technologie sollte die Brücke sein.
Die Verteilung verschiebt sich nicht.
Die KI verhärtet wieder, was das System leugnet. Sie gießt die Unterschiede in Beton. Nur eine Minderheit nutzt das Werkzeug, um tiefer zu denken. Schneller zu synthetisieren. Weiter zu kommen. Sie stellen die richtigen Fragen. Sie prüfen die Antworten. Sie erkennen, wenn die Maschine Unsinn erzählt. Sie bauen. Rund 10% bauen. Die Distanz wächst. Die Mehrheit lagert ihr Denken aus. Sie fragen nicht, sie delegieren. Schlimmer, sie unterhalten sich. Übergeben Lebensfragen. Die Maschine liefert, sie kopieren. Wo vorher wenigstens die Mühsal war, das stundenlange Ringen, das sich als Lernen lesen ließ, da ist jetzt nur noch der Klick.
Die Maske fällt.
Und wer steht schließlich vor uns, nicht etwa die nackte Wahrheit selbst? Wer Kapazität hat, multipliziert, was er kann. Wer keine hat, wird abhängiger. Nicht klüger. Birgt aber diese Erkenntnis nicht, dass alte Fragen neu gestellt werden müssen? Wie steht es denn um den Chirurg, der eine neue Operationstechnik entwickelt, trägt er nicht mehr bei als der, der dessen Formulare abstempelt? Oder der Ingenieur, der die Brücke berechnet, wie wirkt er in die Welt, gegenüber dem, der sie überquert? Man hört das nicht gerne. Weil es die Legitimation untergräbt. Wenn nicht alle gleich werden können, warum sollen sie dann zu gleichen Teilen urteilen, wohin die Welt ihre Segel setzt? Der Lehrer, der die Fünf in eine Drei verwandelt. Der Schulleiter, der schweigt. Die Ministerin, die Phrasen drischt. Sie alle halten das Narrativ am Leben. Das System braucht den Mythos der Bildbarkeit. Weil der Mythos der Bildbarkeit das System trägt. Doch diese Leute sind selbst abhängig davon, wo wäre wohl ihr Platz, hätte man sich solcher Narrative entledigt? Hier endet die erste Wahrheit. Die Entlarvung. Warum aber, reformiert man dann nicht?
II. Warum das System nicht reformieren kann
Das System braucht den Mythos. Also verteidigt es ihn. Aber wie verteidigt man eine Lüge, die gerade offenbar wird? Man verbietet das, was sie offenbar macht. Das Bildungssystem reagiert auf die Enthüllung nicht mit Anpassung. Es reagiert mit Verbot. Und in diesem Reflex liegt mehr als nur die Panik einer Institution, die ihre Felle davonschwimmen sieht. In diesem Reflex liegt die Grammatik des gesamten Systems, seine tiefste Logik, sein Funktionsprinzip.
Wenn eine Maschine in dreißig Sekunden leistet, wofür ein Sachbearbeiter einen Monat braucht, ist die Frage existenziell. Wozu braucht es so viele Sachbearbeiter? Und weil diese Frage nicht beantwortet werden kann, ohne dass Köpfe rollen, wird sie nicht gestellt. Stattdessen verbietet man die Maschine. 1970 kam auf zehn Professoren ein Administrator. 2024 kommen auf einen Professor 2,5 Administratoren. Die Universität ist nicht mehr Ort der Lehre, an dem nebenbei verwaltet wird. Sie ist Verwaltungsapparat, an dem nebenbei noch gelehrt wird. Jede neue Anforderung – ob von der Politik, von Akkreditierungsagenturen, von EU-Richtlinien – erzeugt neue Stellen. Diese Stellen erzeugen Berichte, Formulare, Prozesse. Die Professoren müssen diese Formulare ausfüllen. Also brauchen sie Unterstützung. Also neue Stellen. Der Kreislauf nährt sich selbst. Die KI könnte siebzig Prozent davon ersetzen. Sofort. Ohne Qualitätsverlust, was bereits alles sagt über die Qualität dessen, was dort verwaltet wird. Also muss die KI weg. Man verteidigt nicht die Lehre. Man verteidigt die Gehaltsliste. Und der Lehrer, der vor seiner Klasse steht und die Maschine verdammt, handelt dabei vollkommen rational. Innerhalb seiner Welt. Er schützt, was er kennt. Er verteidigt, wovon er lebt. Man kann ihm nicht einmal Heuchelei vorwerfen. Vielleicht durchschaut er das Spiel nicht mal, das hier gespielt wird.
Aber das Spiel ist größer als er. Es ist größer als das Bildungssystem. Es durchzieht alles, was in diesem Land verwaltet wird.
Ein simples und alltägliches Beispiel: In den Amazon-Lagern schieben Menschen Pakete, scannen Barcodes, stapeln Kartons. Mindestlohn, acht Stunden, täglich. In China sortieren längst Roboter, Fehlerquote niedriger, Kosten ein Bruchteil. In Deutschland kämpft ver.di für „Mindestbesetzung“. Die Arbeit könnte weg. Die Menschen müssen aber bleiben. Ein neunzehnjähriger Hauptschulabbrecher aus Neukölln, arabischer Hintergrund, Deutsch auf B1-Niveau – was macht so einer, wenn Amazon vollautomatisiert? Nichts. Er macht gar nichts. Er kann nichts machen. Also bleibt der Job. Das System braucht die Zahlen.
Arbeitslosenquote: sechs Prozent. Klingt erträglich. Streicht man diese sinnlosen Jobs – Paketsortierer, die Roboter ersetzen könnten, Verwaltungsangestellte, die Software ersetzen könnte – wird daraus plötzlich fünfzehn. Klingt plötzlich nach Krise. Sieht plötzlich nach
Versagen aus. Also erfindet man Arbeit, konserviert sie, nennt das Beschäftigung. Diese Jobs pumpen Geld zurück ins System. Gehälter fließen in Mieten, Konsum, Rentenkassen. Ein Arbeitsloser kostet nur. Ein sinnlos Beschäftigter zahlt. Das System braucht ihn nicht für seine Arbeit, es braucht ihn für seine Existenz. Der Kreislauf muss laufen. Dass er eines Tages ins Leere läuft, ist Nebensache.
Während Deutschland Ineffizienz alimentiert, automatisiert China. In zehn Jahren konkurrieren beide. Man muss nicht Nostradamus sein, um zu sehen, wer den Ton angeben wird. Das System weiß das. Jeder, der hinschaut, weiß das. Aber das Wissen darum ändert nichts, wenn die Struktur stärker ist als die Einsicht. Und hier liegt sie begraben, die Mechanik, die alles erklärt, die Antwort auf die Frage, warum das System nicht reformiert, warum es zusieht, wie die Fundamente bröckeln: Spätdemokratische Systeme können nicht reformieren, weil jede Reform Verlierer produziert. Und Verlierer wählen.
Die Logik ist simpel, fast schon banal in ihrer Klarheit.
Reform bedeutet: Jemand verliert. Seinen Job. Seine Subvention. Seine Privilegien. Dieser Jemand hat Stimmen. Oder Gewerkschaften. Oder er blockiert Autobahnen und besetzt Häuser, bis die Regierung einknickt, weil schlechte Presse Stimmen kostet. Wer gewinnt durch Reform? Die, die keine Stimme haben. Die Jungen, die noch nicht wählen. Die Ungeborenen, die die Schulden erben werden. Die Unternehmen, die es noch nicht gibt, weil die Bürokratie sie erstickt, bevor sie entstehen. Die Strukturen, die gebaut werden müssten, damit etwas funktioniert statt nur weiterläuft.
Sie haben keine Lobby. Besetzen keine Häuser.
Und Strukturen wählen nicht. Effizienz wählt nicht. Die Zukunft wählt nicht. Also wird nicht reformiert.
Die Verlierer von morgen interessieren niemanden – man mag es fast eine Krankheit nennen, als hätte man im Individualismus vergessen, sich als Teil einer Kette zu verstehen.
Die Verlierer von heute schreien. The squeaky wheel gets the grease – das Rad, das quietscht, wird geölt. Bauern blockieren 2024 die Autobahnen und bekommen Subventionen zurück. Lufthansa droht mit Insolvenz und bekommt neun Milliarden. Lehrer streiken und bekommen Tariferhöhung plus kleinere Klassen, im Klartext also: mehr Planstellen. Das System belohnt nicht Leistung. Es belohnt Lautstärke.
Nirgends zeigt sich diese Mechanik klarer als im Rentensystem. 1992 kamen auf einen Rentner 2,7 Beitragszahler. 2024 sind es 2,1. 2040 werden es 1,5 sein. Die Zahlen brauchen keinen Kommentar. Sie sprechen die Sprache, die Politiker nicht sprechen dürfen. Der Generationenvertrag – ein Vertrag, den niemand unterschrieben hat, den niemand kündigen kann, und der nur in eine Richtung bindet. Die Jungen bezahlen Geld, das sie
niemals wiedersehen werden. Solidarität, oder? Es gibt keinen Vertrag. Es gibt Zwang. Und dieser Zwang funktioniert, solange genug Junge da sind, die man auspressen kann.
Was aber, wenn eine Generation kassiert hat, ohne zu liefern?
1,4 Kinder pro Frau. Scheidungsquote vierzig Prozent. Eigenheim, Fernreise, Frührente. Sie haben genommen, was da war, und nicht bemerkt, dass sie es verbraucht haben. Oder nicht bemerken wollen. Das Ergebnis ist dasselbe. Jetzt sitzen sie in abbezahlten Häusern und halten die Hand auf. Das System wird zahlen. Solange es kann.
Achtundzwanzig Prozent der Wähler sind Rentner. Tendenz steigend. Sie sterben langsamer, als neue Beitragszahler geboren werden. Also wählen sie. Und was wählen sie? Ihre Rente. Und Zuwanderung. Und damit das Versprechen ihrer Rente. Was sonst. Die Partei, die Einschnitte vorschlägt, ist in vier Jahren Geschichte.
Die Reaktion des Systems gleicht einer Komödie, die zu lange gespielt wird. 1992: Rentenreformgesetz, Abschläge bei Frührente, zu zögerlich, um das Problem zu lösen, gerade genug, um bis zur nächsten Wahl durchzuhalten. 2001: Riester-Rente, ein Geschenk an Versicherungsunternehmen, verpackt als Reform, die Versicherten verstehen sie kaum und nutzen sie weniger. 2007: Rente mit 67, gestreckt bis 2029, wenn das Problem bereits außer Kontrolle ist – aber man kann sagen: Wir haben reagiert. 2014: Rente mit 63, die Boomer bekommen Frührente, finanziert von jenen, die selbst nie eine sehen werden. Keine Reform. Stimmenkauf. 2024: „Generationenkapital“, ein Fonds, zu klein, um etwas zu ändern, zu spät, um etwas zu retten, aber die Überschrift klingt gut. 109 Milliarden Euro Bundeszuschuss zur Rentenversicherung im Jahr 2023, mehr als der gesamte Verteidigungshaushalt. Tendenz steigend. Nie echte Reform. Immer nur Verzögerung. Immer nur: die nächste Wahl überstehen. Danach ist egal. Danach sind andere zuständig. Die Jungen erben nicht nur ein kollabiertes Rentensystem. Sie erben die Konsequenzen aller Entscheidungen, die nicht getroffen wurden. Migration: 2015 offen, 2025 unkontrollierbar. Parallelgesellschaften in ganzen Stadtvierteln. Schulen mit achtzig Prozent Migrantenanteil. Die, die das zugelassen haben, warten nun ihre letzten Jahre ab, in ihren Einfamilienhäusern, in homogenen Vororten, weit weg von Neukölln, weit weg von Marxloh. Sie haben schließlich gearbeitet, sagen sie. Und deuten auf ihre Kinder. Die sollen es ausbaden. Die müssen sich durchsetzen gegen Strukturen, die ihre Eltern zugelassen haben. Finanzieren, was ihre Eltern verjubelt haben. Aufbauen, was ihre Eltern verfallen ließen. Das Erbe der Boomer: Arbeit, Schulden, Forderungen – und die Selbstgerechtigkeit derer, die nicht begreifen, was sie angerichtet haben.
Man könnte fragen: Warum reformiert niemand? Warum greift niemand ein? Aber die Frage stellt sich selbst, sobald man sie zu Ende denkt. Wer soll das Rentensystem reformieren?
Die Rentner, die davon leben? Die Politiker, die von Rentnern gewählt werden? Die 58.000 Beamten der Rentenversicherung, deren Jobs davon abhängen, dass das System weiterläuft? Wer soll das Bildungssystem reformieren? Die Lehrer, deren Stellen bedroht wären? Die Verwaltungsangestellten, deren Jobs eine KI in Sekunden erledigen könnte? Die Lehrer, die seit dreißig Jahren dieselbe Unterrichtsstunde halten und darauf hoffen, dass niemand es bemerkt?
Niemand. Die Antwort ist: Niemand.
Jeder Akteur handelt rational innerhalb der Struktur. Der Rentner wählt die Partei, die seine Rente sichert. Der Politiker verspricht, was Stimmen bringt. Der Beamte verteidigt seinen Arbeitsplatz. Alle machen nur ihren Job. Aber das Ergebnis ist irrational: Ein System, das kollabieren wird, weil es sich nicht reformieren kann. Weil Reform politischer Selbstmord wäre. Weil jeder, der die Wahrheit ausspricht, am nächsten Morgen ohne Amt aufwacht.
Diese Struktur macht Reform unmöglich. Nicht unwahrscheinlich. Unmöglich. Das System kann sich nicht selbst heilen. Aber es muss auch nicht – denn anders als alles, was im Wettbewerb steht, wird Ineffizienz hier nicht bestraft. Sie wird belohnt.
Ein Softwareunternehmen, das ineffizient arbeitet, geht pleite.
Die Kunden wechseln, die Investoren ziehen ab, das Unternehmen stirbt. Natürliche Selektion. Eine Schulbehörde, die ineffizient arbeitet? Bekommt mehr Budget. „Zur Bewältigung gestiegener Anforderungen“, heißt es dann. Die Kunden können nicht wechseln, Schulpflicht. Die Investoren können nicht abziehen, Steuerpflicht. Die Behörde stirbt nicht. Sie wächst. Je schlechter sie arbeitet, desto mehr Geld bekommt sie. Im Markt bestraft Ineffizienz. In staatlichen Systemen wird sie alimentiert. Das System versagt nicht. Es funktioniert. Exakt so, wie ein System funktioniert, das nur noch dem Selbsterhalt dient. Jede Institution kämpft um ihre Existenz, nicht um ihren Zweck. Der Zweck ist längst egal. Hauptsache, das Geld fließt. Hauptsache, die Stellen bleiben. Hauptsache, man überlebt bis zur Pension. Und während man gnadenlos hart mit neuen Firmen umgeht und Konzerne stärkt. Potentielle Eliten schon auf dem Schulweg gleichmachen will, da hofft man auf den nächsten Wirtschaftsboom. Die nächste große Erfindung. Innovation als Rettung. KI vielleicht, oder doch nicht? Fusionsenergie. Irgendwas. Hauptsache, es kommt von außen. Hauptsache, man muss nichts ändern. Aber wer auf Innovation hofft, um den Untergang länger verwalten zu können, bekämpft Symptome. Das System will nicht geheilt werden. Es will überleben. Ein paar Jahre noch. Bis zur nächsten Wahl. Bis zur eigenen Pension. Danach ist’s egal. Und dieses systemische Tier ist alt geworden. Es liegt auf der Wohnzimmercouch, atmet flach, die Augen milchig. Der Geruch von Verfall hängt im Raum, aber niemand öffnet das Fenster. Für die Kinder wäre es doch schade, hört man die Frau sagen. Die Kinder spielen längst im Garten. Sie haben das Tier vergessen. Aber das Herz
der Frau nicht, sie braucht es, dieses Ritual der Fürsorge, diese Rechtfertigung ihrer Tage. Also geht man wieder zum Tierarzt, besorgt wieder Spritzen, die nichts heilen, nur verlängern. Man nennt es Liebe. Und handelt aus Feigheit. Unfähig, etwas zu Ende zu bringen. Zu sagen: Es ist vorbei. Also lebt das Tier weiter. Weil niemand den Mut hat, es sterben zu lassen. Und auf der Fahrt dorthin fällt es wie Schuppen von den Augen, das fundamentale Problem der Spätdemokratie: Die Masse entscheidet über Dinge, die sie nicht versteht. Ein Rentner, der für Rente mit 63 stimmt, rechnet nicht durch, was das 2040 bedeutet. Er will seine Rente. Jetzt. Ein Geringverdiener, der gegen Automatisierung stimmt, versteht nicht, dass sein Job so oder so verschwindet – nur später, wenn Deutschland bereits abgehängt ist. Die Fragen sind komplex. Die Konsequenzen langfristig. Die Wähler denken in Wahlperioden. Vier Jahre. Höchstens. Man könnte das demokratisch nennen. Man nennt es das beste, was wir jemals hatten. Die Mehrheit entscheidet. Die Mehrheit sind Rentner, Beamte, Besitzstandswahrer. Die Mehrheit profitiert vom Status quo. Also bleibt der Status quo. Bis er nicht mehr kann. Bis die Rechnung kommt. Und dann? Dann sind die Verantwortlichen längst unter der Erde.
Der Lehrer hat gerade Pause. Er hat sich beruhigt. Nun sucht er sich die nächsten Unterrichtsmaterialien zusammen. Zwölf Jahre bis zur Pension sagt er sich gebetsmühlenartig vor. Und das System wird ihn tragen. So lange es kann. Er ist nur Zahnrad. Teil einer Struktur die ihn braucht, damit sie weiterläuft. Die ihn bezahlt, damit er weitermacht.
Das System kollabiert. Langsam. In Zeitlupe. Jeder sieht zu. Keiner stoppt es. Keiner kann es stoppen.
Die Frage ist nicht mehr: Wird es fallen?
Die Frage ist: Was machen wir damit?
III. Von der Notwendigkeit zu herrschen
„Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke ist und kein Zweck: Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang ist und ein Untergang.“ – Friedrich Nietzsche
Das System selbst ist keine Brücke mehr. Es führt nirgendwo hin. Es verwaltet sich selbst, perpetuiert sich selbst, rechtfertigt sich selbst, ein Kreislauf ohne Ziel, eine Maschine, die nur noch läuft, um am Laufen gehalten zu werden. Ein Körper, der nicht mehr wächst, stirbt. Eine Gesellschaft, die nicht mehr baut, zerfällt. Ein Mensch, der nicht mehr nach dem Großen greift, verkümmert zu dem, was Nietzsche den letzten Menschen nannte – jenes blinzelnde Wesen, das fragt: „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ und dabei blinzelt.
Bleibt es also an uns? Was machen wir, mit einem System, das sich selbst den letzten Menschen formt?
Nun, während das System streitet, über Renten, über Gerechtigkeit, über Verbote, über Quoten, über die korrekte Aussprache von Pronomen und die gerechte Verteilung von Posten – bauen wir. Nicht laut. Nicht sichtbar. Aber stetig. In den Rissen des Zerfalls formt sich Gewächs. Und weil das System zu beschäftigt ist mit sich selbst. Strebt es zur Sonne. kontinuierlich.
Der geneigte Leser kam bis hier, weil er etwas in dieser Diagnose erkannt hat. Weil er gespürt hat, dass die Worte etwas treffen, das er schon wusste. Weil in ihm etwas brennt, das sich nicht mit Verwaltung zufrieden gibt. Das nach der Sonne greifen will. Was tut er aber damit? Und es gibt viel zu tun. Also fragt sich ein Mensch mit Tatendrang, was steht mir offen?
Eine kurze Überlegung und zwei Wege tun sich auf. Schließlich führen aber beide in eine Sackgasse.
Der erste: Rückzug ins Eigene. Die Flucht ins Private, ins Unpolitische. Ein Stück Land, eine Familie, Mauern um das, was man liebt. Die Welt mag brennen, hier drinnen hält es sich aus, hören sich die Biedermeier dieser Welt sagen. Man zieht sich zurück, pflegt sein Heim, liest seine Bücher, und hofft, dass die Geschichte einen vergisst. Aber sie vergisst nicht. Sie klopft an. 1848 klopfte sie an die Türen derer, die geglaubt hatten, man könne sich heraushalten. Eines Tages klopft sie auch an deine. Du wirst überschwemmt von der Realität. Du wirst zur Fußnote.
Der zweite: Das Opportune. Die Lücken nutzen, Profit schlagen, sich durchschlängeln. Nehmen, was das System übrig lässt. Der Opportunist überlebt. Er findet immer einen
Winkel, eine Nische, ein Kompromiss. Er kriecht durch die Ritzen des Verfalls und nennt das Klugheit. Aber er formt nichts. Er wird geformt. Er ist der Wurm im System, ölig, belanglos, in Abhängigkeit. Er lebt von den Resten eines verfallenden Körpers. Wenn der Körper stirbt, wird er sich den nächsten suchen.
Beide Wege sind Eskapismus. Der eine flieht nach innen, der andere windet sich durch Nischen. Beide sind Weltflucht. Beide hinterlassen nichts. Und beide sind einem Menschentypus eigen, der dem unseren fremd ist. Mit dem wir nicht arbeiten können, mit dem wir nicht bauen können, mit dem keine Zukunft zu formen ist.
Es gibt schließlich einen weiteren.
In Arizona baut ein StartUp namens Hadrian Raketentriebwerke. Autonome Fabriken. Hochpräzisionsfertigung. Die alten Facharbeiter – sechzig, siebzig Jahre alt – wissen, wie man Titan fräst, welche Legierung sich wie verhält, wo die Maschine Eigenheiten hat. Dieses Wissen steckt in ihren Händen, nicht dokumentiert, nicht so einfach übertragbar. Wenn sie gehen, geht es mit ihnen. Also lässt man sie reden. Die KI hört zu. Strukturiert. Gießt in Code, was vorher Gefühl war. Und dann läuft die Fabrik. Ohne sie. Das ist keine ferne Zukunft. Das passiert jetzt. Hadrian beeilt sich schon jetzt. Während deutsche Bildungspolitiker darüber debattieren, ob man ChatGPT verbieten sollte, transferiert jemand am anderen Ende der Welt das Wissen einer aussterbenden Generation in Maschinen, die es bewahren und anwenden werden, lange nachdem der letzte Meister gestorben ist. Das Problem ist nicht Arizona. Das Problem ist überall. Deutscher Maschinenbau. Chemie. Energie. Verteidigung. Der Mittelstand überaltert. Durchschnittsalter in kritischen Industrien: 52 Jahre. In zehn Jahren ist die Hälfte in Rente. Wer ersetzt sie? Niemand. Die Ausbildungsplätze bleiben leer. Die Jungen haben andere Pläne. Also muss die Maschine.
Und wer die Maschine baut, bestimmt, wie es weitergeht.
Selbstverständlich ist das einem Land bewusst, dass so massiv mit Überalterung kämpft, also wird Innovation vereinfacht.. könnte ich behaupten und würde lügen. Baugenehmigung in Deutschland: achtzehn Monate. Unternehmensgründung: acht Wochen. Genehmigung für eine Industrieanlage: drei Jahre, wenn man Glück hat. Estland? Achtzehn Minuten für eine Firmengründung. Drei Minuten für die Steuererklärung. Digital. Automatisiert. Deutschland reagiert wie immer: mehr Beamte einstellen, mehr Stellen schaffen, mehr Koordination von Koordination. Das Problem wird schlimmer, weil das Problem nicht Personalmangel ist. Das Problem ist Struktur.
Wer Verwaltungsprozesse automatisiert, baut das neue Rückgrat der Wirtschaft, optimiert Bürokratie. Digitale Buchhaltung in Echtzeit. Automatisierte Steuererklärungen ohne Steuerberater. KI-gestützte Vertragsanalyse, die in Sekunden findet, was Anwälte in Tagen suchen. Der Staat kann das nicht. Wird es nie können. Zu viele Interessen. Zu viele
Abhängigkeiten. Zu langsam.
Aber jede Stunde, die ein Unternehmen mit Bürokratie verschwendet, ist Geld, das jemand verdienen kann, der diese Stunde zurückgibt.
Industriestrompreise in Deutschland: die höchsten in Europa. Doppelt so hoch wie in Frankreich. Dreimal so hoch wie in den USA. Unternehmen wandern ab. BASF baut in China. Thyssen schließt Werke. Der Mittelstand rechnet, wie lange er noch durchhält. Das System reagiert mit Subventionen, mit Windrädern, mit Plänen, die auf dem Papier funktionieren und in der Realität scheitern. Zentralplanung kann die dezentrale Energie nicht begreifen. Sie versteht nur: große Kraftwerke, große Netze, große Kontrolle.
Wer dezentrale Energie versteht – Microgrids, lokale Speicher, intelligente Netze – baut, was Zentralplanung nicht kann. Für Fabriken, die Strom brauchen, wenn sie ihn brauchen. Nicht wenn der Wind weht. Nicht wenn die Sonne scheint. Wenn die Maschinen laufen. Das Land ist voll von solchen Problemen. Überall. Täglich sichtbar, wenn man nur hinsieht. Baufirmen ohne Fachkräfte. Logistik, die an ineffizienten Routen erstickt. Produktion, die an Lieferketten scheitert. Mittelstand, der an Bürokratie stirbt. Infrastruktur, die verfällt, während Kommissionen tagen und Berichte schreiben, die niemand liest.
Jedes dieser Probleme ist eine Gelegenheit.
Die alten Griechen hatten ein Wort dafür: Kairos. Der richtige Moment. Die Tür, die sich öffnet, wenn andere wegschauen. Krisis und Kairos – das eine gebiert das andere. In der Krise liegt die Chance. Für die, die hinschauen. Für die, die handeln, statt zu warten. Die Werkzeuge liegen auf dem Tisch. KI. Automatisierung. Software. Code, den du nicht selbst schreiben musst, weil die Maschine ihn für dich schreibt. Software-Prototypen in Tagen statt Monaten. Prozesse automatisieren, die andere manuell machen. Lösungen entwickeln für Probleme, die das System ignoriert. In Monaten lernen, wofür andere Jahre brauchen.
Das ist der Unterschied, den der Zeitgeist nicht begreift: zwischen dem, der Gefolgschaft sucht, und dem, der Probleme löst. Der eine braucht Gläubige. Der andere braucht Material. Wer jetzt lernt, die Maschine zu nutzen, als Hebel. Gewinnt gegen den, der wartet. Der wartet auf Verbote, auf Regulierungen, auf die nächste Kommission, die entscheidet, was erlaubt ist und was nicht.
Die Institutionen sind zu langsam. Sie bilden Kommissionen, während Unternehmen abwandern. Sie schreiben Berichte, während Infrastruktur verfällt. Sie diskutieren über Gerechtigkeit, während die Welt sich keinen Deut dafür interessiert.
Unsere Eltern können es nicht. Sie haben die Probleme geschaffen, die wir lösen müssen. Sie haben konsumiert, nicht investiert. Sie haben sich Renten versprochen, die niemand zahlen kann. Sie haben während der fetten Jahre auf die unendliche Ernte vertraut. Sie haben Strukturen für sich selbst errichtet. In grenzenloser Naivität leben sie auf einem
anderen Stern. Also müssen wir. Nicht weil wir Helden sind. Weil wir keine Wahl haben. Wir bauen erst außerhalb. Das ist der Anfang. Homeschooling-Netzwerke. Private Bildungsanbieter. Unternehmen, die auf Portfolio schauen statt auf Zertifikate. Strukturen, die ohne Akkreditierung funktionieren, weil sie Können zeigen, nicht Stempel. Die Schere öffnet sich. Durch Geschwindigkeit. Die einen warten auf Erlaubnis. Rufen nach dem Staat. Die anderen bauen, während das System noch diskutiert, ob gebaut werden darf. Aber das Ziel ist nicht, draußen zu bleiben. Das Ziel ist, hineinzukommen. In die Parteien. In die Institutionen. In die Wirtschaft, die Verlage, die Universitäten. Dorthin, wo sich Narrative formen. Wo die Grenze des Sagbaren sich formt. Wo Macht liegt. Wo der Geist die Zukunft formt.
Man kommt nicht hinein, indem man auf Regelungen wartet. Man kommt hinein, indem man unentbehrlich wird. Indem man Probleme löst, die sie nicht lösen können. Indem man baut, was sie brauchen. Und dann – wenn sie auf das angewiesen sind, was du gebaut hast – dann verhandelst du nicht mehr. Dann bestimmst du.
In den Trümmern der alten Ordnungen liegen die Bausteine der neuen. Ich verkünde das nicht als Metapher, sondern als Programmatik. Auf den Sieg setzen. Das ist die Wahrheit, die niemand ausspricht, weil sie unbequem ist. Jemand muss entscheiden. Jemand muss die Richtung vorgeben. Jemand muss die Verantwortung tragen, die das System auf tausend Schultern verteilt hat, bis sie niemand mehr trägt.
Der Baumeister ist gebunden an sein Werk, er kann nicht lügen, ohne dass der Stein es offenbart. Der Demagoge verspricht Kathedralen und liefert Ruinen; der Baumeister schweigt und baut. Seine Legitimation liegt nicht im Anspruch, sondern im Ergebnis. Was er formt, richtet ihn. Und wenn diese Baumeister es nicht sind. Wenn nicht die, die verstehen – wenn nicht die, die sehen, wenn nicht die, die fähig sind, dann bleiben es die, die es sind. Die Opportunisten. Die Verwalter des Verfalls. Dann die nächste Generation von Mittelmäßigen, die das Erbe ihrer Vorgänger antritt und es weiter verkommen lässt.
„Wer nicht bereit ist, Verantwortung zu tragen, wird von denen regiert, die es sind.“
Die Frage ist nicht, ob du die Welt verändern willst. Die Frage ist, ob du zulässt, dass andere sie verändern, in eine Richtung, die dich weiter zynisch aufwachen lässt. Die Frage ist, ob du zuschaust oder handelst. Ob du wartest oder baust.
Ob du bittest oder nimmst. Während das System über Renten streitet, baust du Infrastruktur. Während es über Gerechtigkeit diskutiert, löst du Probleme, die es nicht vorhersehen kann. Während es sich lähmt, bewegst du dich. Während es verwaltet, erschaffst du. Während andere echauffiert über belanglose Debatten streiten, während sie Gerechtigkeit vom Staat
fordern und auf Erlaubnis warten, formst du den Geist der Zukunft.
Keine Rebellion. Rebellion ist Reaktion. Das ist Schöpfung. Das ist der Unterschied zwischen dem, der gegen etwas kämpft, und dem, der etwas baut. Der Rebell braucht seinen Feind. Der Schöpfer braucht nur Material. Und Material liegt überall herum. In den Problemen, die das System nicht löst. In den Lücken, die es lässt. In den Menschen, die es vergessen hat.
Wir vernetzen uns. Fern ihrer Strukturen, die sind überwacht, kontrolliert, durchsetzt von denen, die das Bestehende verteidigen. Wir vernetzen uns dort, wo sie nicht hinschauen. Wo sie uns für irrelevant halten. Bis wir es nicht mehr sind.
Wir lösen uns von Abhängigkeit. Nicht durch Protest. Protest ist Bitten. Bitten, dass sie es besser machen. Sie werden es nicht besser machen.
Wir handeln. Nicht irgendwann. Jetzt. Jeden Tag. Konkret. Problem für Problem. Lösung für Lösung. Bis das, was wir gebaut haben, wichtiger ist als das, was sie verwalten. Bis sie auf uns angewiesen sind. Bis wir dort sitzen, wo sie sitzen. Bis wir entscheiden. Durch das, was steht, wenn der Lärm verstummt. Macht, die auf Worten ruht, verfällt mit ihnen. Macht, die auf Substanz ruht, überdauert den, der sie errichtete. Die Zukunft kommt nicht. Sie wartet nicht. Sie wird nicht fair verteilt. Sie wird gebaut. Von denen, die verstehen: Die Werkzeuge der Zeit gehören denen, die sie nutzen. Die Macht gehört denen, die Probleme lösen. Wenn der letzte Stein fällt und er fällt. Unvermeidbar. Und während er fällt, entsteht Raum. Für neue Strukturen. Für neue Hierarchien.
Wir stehen als Gestalter. Weil wir gehandelt haben, während sie gewartet haben. Weil wir da waren, als es darauf ankam.
Und der Lehrer sitzt nun in seinem Klassenzimmer. Das Blatt liegt zerknüllt im Papierkorb. Die Stunde ist vorbei. Die Schüler sind gegangen, er hört ihre Stimmen auf dem Flur, gedämpft, dann Stille. Er räumt zusammen, wie er es seit dreißig Jahren tut. Dieselben Bewegungen. Dieselben Gedanken. An der Wand hängt noch immer Schiller, vergilbt, ein Riss durch die Stirn. Er erinnert sich, wie er ihn aufgehängt hat, damals, im ersten Jahr. Da war noch etwas. Ein Funke vielleicht. Der Glaube, man könne etwas entzünden. Irgendwann hat er aufgehört zu glauben. Er weiß nicht mehr wann. Es ging schleichend, wie alles hier schleichend geht. Zwölf Jahre bis zur Pension. Er wird sie erreichen. Das System wird ihn tragen. Und dann wird er verschwinden, wie Schillers Gesicht hinter dem Riss verschwindet, Jahr für Jahr ein bisschen mehr, bis nichts mehr übrig ist.
Und so verharrt er im Warten. Er kann nicht anders.
Wir schon.