Unter dem Hammer I

Sotheby's: Europäische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts

Im Fiume Online Portal etablieren wir ab sofort eine monatliche Rubrik, die exklusiv den Schätzen der Kunstwelt gewidmet ist – jenen Meisterwerken, die in naher Zukunft unter den Hammer kommen. Diese Serie dient nicht nur als Vorbote für Sammler und Kenner, sondern bietet tiefe Einblicke in die kulturelle und wirtschaftliche Dynamik des Kunstmarkts, wo Geschichte und Wertschöpfung, schöne Künste und schnöder Mammon aufeinandertreffen. Durch Analyse und kontextuelle Einbettungen zielen wir darauf ab, die Relevanz dieser Werke herauszustellen – sei es durch ihre stilistische Innovation oder durch ihre Provenienz, die oft von privaten Sammlungen auf globale Bühnen führt.

Sotheby’s, gegründet 1744 in London und heute ein globales Powerhouse mit Sitz in New York, spielt eine zentrale Rolle im Auktionswesen für Kunst, indem es nicht nur Verkäufe orchestriert, sondern auch Märkte formt und Rekorde setzt. Als eines der führenden Häuser neben Christie’s vermittelt es Werke von unschätzbarem historischen und finanziellen Wert, mit einem Fokus auf Transparenz, Expertise und internationaler Reichweite. Das wertvollste je von Sotheby’s versteigerte Kunstwerk ist Gustav Klimts Bildnis Elisabeth Lederer, das im November 2025 für 236,4 Millionen US-Dollar den Hammer fand und damit den Rekord für moderne Kunst brach – ein Meilenstein, der Klimts Status als Ikone des Wiener Secessionismus unterstreicht und den anhaltenden Boom im Markt für expressionistische Porträts illustriert.

In dieser Tradition steht die aktuelle Online-Auktion zur europäischen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, die vom 16. Januar bis 5. Februar 2026 in New York stattfindet und 48 sorgfältig kuratierte Lose umfasst. Aus diesem beeindruckenden Ensemble hat die Fiume-Redaktion zehn der prestigeträchtigsten und exquisiten Werke ausgewählt, die im Folgenden gesondert vorgestellt werden.

1. Frederic Leighton – Lady with a Pomegranate (um 1867)
Frederic Leighton (1830–1896), später Baron Leighton of Stretton und Präsident der Royal Academy, gilt als eine der zentralen Figuren des viktorianischen Neoklassizismus. Geprägt von italienischen Renaissance-Meistern ebenso wie von der antiken Skulptur, entwickelte er einen Stil, der idealisierte Körperformen mit einer reichen Farbigkeit und einer sinnlichen Behandlung der Oberflächen verbindet. Diese ästhetische Spannung lässt Mythos und Wirklichkeit bewusst ineinander übergehen. In Lady with a Pomegranate hält eine Dame die Frucht der Fülle fest umschlossen – ein traditionelles Symbol der Persephone und verborgener Leidenschaften. Der nach innen gekehrte, zugleich verführerische Blick der Figur evoziert Introspektion und stille Provokation und kann als subtile Kritik an der viktorianischen Prüderie gelesen werden, die Leighton durch ästhetische Ekstase unterläuft. Öl auf Leinwand, 87 × 66,7 cm, signiert „F. L.“. Die Provenienz reicht von John Hargreaves über Baron Albert Grant bis in spätere private Sammlungen. Ausgestellt wurde das Werk unter anderem 1897 in der Royal Academy im Rahmen der Memorial Exhibition. Die aktuelle Schätzung liegt bei 600.000–800.000 US-Dollar. Als Werk aus der Epoche des Ästhetizismus fasziniert das Gemälde Sammler durch sein historisches Pedigree ebenso wie durch den Hauch verbotener Sinnlichkeit, der Leightons Rolle als Brückenfigur auf dem Weg zur Moderne eindrucksvoll unterstreicht.

2. Albert Joseph Moore – Musk
Albert Joseph Moore (1841–1893) zählt zu den Pionieren der Ästhetischen Bewegung. Er studierte an der Royal Academy sowie in Italien, wo ihn insbesondere die Harmonie der griechisch-römischen Antike nachhaltig prägte. Sein Werk ist gekennzeichnet durch streng dekorative Kompositionen, eine Vorliebe für pastellige Farbklänge und weich fließende Drapierungen. Erzählerische Inhalte treten dabei bewusst zurück zugunsten einer Idee reiner Schönheit – ein stiller, aber konsequenter Bruch mit dem viktorianischen Moralismus. Musk entfaltet die Vorstellung eines olfaktorischen Rausches: Elegante Figuren in antikisierenden Gewändern verweisen auf eine sensorische Utopie, in der Duft und Form die Grenzen des rein Visuellen überschreiten. Das Gemälde thematisiert so die Vergänglichkeit der Sinne und erweitert die Wahrnehmung über das Sichtbare hinaus. Öl auf Leinwand, 68,6 × 54 cm, mit Anthemion-Motiv. Die Provenienz umfasst unter anderem Christie’s 1898 und Sotheby’s 1986 sowie verschiedene viktorianische Sammlungen. Das Werk wurde 1894 in der Lawrie’s Gallery ausgestellt. Die Schätzung liegt bei 600.000–800.000 US-Dollar. Für Sammler stellt Musk ein besonderes Juwel dar: Das Gemälde verdeutlicht Moores Einfluss auf den Prä-Raphaelitismus, während seine Provenienz die Kontinuität ästhetischer Sammlertraditionen signalisiert und seinen Rang als Investition in eine dekorative Revolution unterstreicht.

3. William Bouguereau – Glaneuse(1875)

William Bouguereau (1825–1905), Meister des französischen Akademismus, ausgebildet an der École des Beaux-Arts, dominierte die Salons mit seiner Präzision und idealisierten Humanität, trotz späterer Kritik durch Impressionisten. Sein Stil fusioniert klassischen Realismus mit romantischer Sentimentalität, fokussiert auf glatte Oberflächen, nuanciertes Licht und moralische Themen. Glaneuse porträtiert ein Mädchen beim Ährenlesen, eine Allegorie auf Armut und Unschuld in der Industrialisierung – der goldene Schein der Felder kontrastiert die Härte des Daseins, eine subtile Sozialkritik unter idyllischer Fassade. Öl auf Leinwand, 131,1 × 78,1 cm, signiert „W-BOUGUEREAU-1875“. Provenienz: Goupil et Cie., Paris; familiäre Erbschaft in den USA. Ausstellungen: Salon de Paris (vermutlich); später in retrospektiven Shows. Schätzung: 500.000–700.000 US-Dollar. Käufer schätzen die makellose Technik und Provenienz, die Bouguereaus Status als Salon-Star untermauert, ideal für Sammlungen, die den Übergang in die Moderne beleuchten.

4. William Bouguereau – La Fille du pêcheur (1881)

Bouguereau, wie oben, perfektionierte die Darstellung des Volkslebens mit einer Präzision, die anatomische Genauigkeit und emotionale Tiefe vereint, beeinflusst von Raphael und Ingres. In La Fille du pêcheur ruht ein Mädchen in maritimer Idylle, doch ihr Blick birgt Melancholie – eine Deutung als Hommage an die Arbeitswelt, wo Schönheit die Brutalität des Meeres mildert, eine viktorianische Fantasie mit sozialem Unterton. Öl auf Leinwand, 115,9 × 80,3 cm, signiert „W-BOUGUEREAU-1881“. Provenienz: Goupil et Cie.; private US-Sammlungen. Ausstellungen: Paris Salon 1881; moderne Retrospektiven wie im Musée d’Orsay. Schätzung: 500.000–700.000 US-Dollar. Die Provenienz unterstreicht Authentizität für Käufer, die Bouguereaus Einfluss auf den Realismus schätzen, ein Stück, das Kollektionen mit narrativer Tiefe bereichert.

5. John William Godward – Tambourine Girl (1906)

John William Godward (1861–1922), englischer Neoklassizist, selbstgelehrt und beeinflusst von Alma-Tadema, floh die Moderne in antike Welten. Sein Stil: Flache Perspektiven, lebendige Farben und marmorne Texturen, eine Flucht in dekorative Perfektion. Tambourine Girl zeigt eine Jungfrau in rhythmischem Kontrapost, eine Deutung als Feier antiker Freude, doch mit melancholischem Unterton – der Tamburin-Schlag hallt als Protest gegen den industriellen Lärm wider. Öl auf Leinwand, 61,3 × 30,5 cm, signiert „J. W. Godward / 1906“. Provenienz: W. S. Marchant; M.S. Rau Antiques. Ausstellungen: Royal Academy (ähnliche Werke); postume Shows in London. Schätzung: 200.000–300.000 US-Dollar. Käufer ziehen Nutzen aus der Provenienz, die Godwards Isolation in der Kunstgeschichte betont, perfekt für Sammlungen des Klassizismus.

6. Jean-Baptiste-Camille Corot – Une chasse au renard chez M. Delalain (um 1845–1850)

Jean-Baptiste-Camille Corot (1796–1875), Brückenbauer zwischen Romantik und Impressionismus, geprägt von der Barbizon-Schule und Reisen nach Italien. Sein Stil: Atmosphärische Landschaften mit weichen Konturen, Fokus auf Licht und Naturpoesie. Die Fuchsjagd fängt dynamisches Chaos ein, gedeutet als Metapher für menschliche Hybris in der Wildnis – der Pinselstrich verschmilzt Jäger und Beute in harmonischem Wirbel. Öl auf Leinwand, 29,5 × 42,4 cm, initialisiert „C.C.“. Provenienz: Geschenk an Édouard Delalain; private Sammlungen. Ausstellungen: Kapstadt 1975; Corot-Retrospektiven im Louvre. Schätzung: 200.000–300.000 US-Dollar. Die Provenienz macht es attraktiv für Käufer, die Corots Übergangsrolle schätzen, ein rares Genre-Stück mit impressionistischem Vorgriff.

7. Friedrich Nerly – Blick über das Bacino di San Marco in Venedig (1845)

Friedrich Nerly (1807–1878), deutscher Veduten-Maler, lebte in Venedig und Rom, beeinflusst von Canaletto und romantischer Präzision. Sein Stil: Topografische Genauigkeit mit atmosphärischem Licht, eine romantische Verklärung der Stadt. Das Panorama deutet Venedig als ewige Ikone, doch mit Verfallsschatten – Kuppeln und Wasser spiegeln Vergänglichkeit wider. Öl auf Leinwand, 59,1 × 87 cm, signiert „1845. F. Nerly B.“. Provenienz: Private Erbschaft. Ausstellungen: Deutsche Museen (ähnliche Werke); Venedig-Biennalen-Inspirationen. Schätzung: 175.000–250.000 US-Dollar. Käufer profitieren von der Authentizität, die Nerlys Nische in der Landschaftsmalerei unterstreicht.  

8. James-Jacques-Joseph Tissot – Printemps (Échantillon d’un Portrait)

James Tissot (1836–1902), franco-britischer Maler, geprägt von Ingres und Pre-Raphaeliten, wechselte von Gesellschaftsszenen zu biblischen Themen. Sein Stil: Detailreicher Realismus mit japonistischen Einflüssen, allegorische Tiefe. Printemps als Porträtprobe allegorisiert Erneuerung, gedeutet als Satire auf viktorianische Oberflächlichkeit – Blumen und Blick enthüllen innere Konflikte. Öl auf Papier, 60,9 × 22,9 cm, signiert „J.J. Tissot“. Provenienz: Sacher-Sammlung. Ausstellungen: Graves Art Gallery, Sheffield 1955. Schätzung: 125.000–175.000 US-Dollar. Die Provenienz fasziniert Käufer, die Tissots Hybrid-Stil als Brücke zur Moderne sehen. 

9. Rudolf Ernst – Zu Ehren des Tigers

Rudolf Ernst (1854–1932), österreichischer Orientalist, ausgebildet in Wien, reiste nach Ägypten und Türkei. Sein Stil: Eklektiches Akademismus mit exotischen Motiven, beeinflusst von Delacroix. Die Tiger-Huldigung deutet kulturelle Fusion, eine Fantasie von Macht und Mystik – der Zeremoniell kontrastiert Wildheit mit Zivilisation. Öl auf Holztafel, 74,9 × 99,7 cm, signiert „R. Ernst“. Provenienz: Christie’s 2018. Ausstellungen: Orientalisten-Ausstellungen in Wien. Schätzung: 150.000–250.000 US-Dollar. Käufer schätzen die Provenienz als Tor zu kolonialer Kunstkritik. 

10. Jean-Léon Gérôme – Madeleine Juliette Gérôme avec ses Poupées (um 1883)

Jean-Léon Gérôme (1824–1904), französischer Akademiker, Lehrer an der École des Beaux-Arts, Meister des Hyperrealismus in Historien und Orientalismus. Sein Stil: Präzise Details, narrative Tiefe. Das Porträt seiner Tochter mit Puppen deutet Unschuld, doch Puppenaugen spiegeln Melancholie – eine intime Reflexion über Vaterschaft und Vergänglichkeit. Öl auf Leinwand, 85,1 × 64,1 cm. Provenienz: Masson-Familie. Ausstellungen: Paris 1883; geplant für Catalogue raisonné. Schätzung: 60.000–80.000 US-Dollar. Die familiäre Provenienz macht es zu einem Schatz für Käufer, die Gérômes persönliche Seite erkunden.

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