Ein einfacher Wanderer war gerade am Ende seines Fußmarsches. Als er den letzten Hügel vor Athen überschritt, sah er sein Ziel ruhig in der Sonne liegen. Doch er war in diesem idyllischen Moment nicht allein: In seinem Blickfeld sah er einen anderen Mann Holz schleppen. Da der Wanderer durch seinen zügigen Weg zu früh in Athen angelangt wäre, entschied er sich, dem Mann zu folgen. Es war nicht gewöhnlich, dass schon im Wald vor der Stadt das handwerkliche Treiben begann.
Der Wanderer rief dem in Gedanken versunkenen Fremden kurz darauf zu:
„Grüße dich, Fremder!“
„Gleichfalls, fremder Wanderer! Wenn du reden willst, begleite mich doch. Mein Name ist Timon von Athen. Ich gehe davon aus, dass du mich nicht kennst, denn ansonsten wüsstest du, dass ich weiter hinten noch zu helfen habe.“
Der Wanderer war erstaunt über die Offenheit und Freundlichkeit Timons.
„Wem hilfst du denn hier draußen?“
„Den Menschen. Ich habe mich schon früh entschieden, allen Menschen zu helfen, das Leid der Welt zu vermindern. Keine leichte Aufgabe.“
Sie standen jetzt an einem schönen Fleck über der Stadt, vor einem nicht näher definierbaren Holzhaufen. Timon legte seine Balken daneben und machte sich an die Arbeit.
„Was hast du denn früher getan?“
Timon richtete sich kurz auf, um auszuholen:
„Ich war früher einmal ein wohlhabender Bursche, hatte genug Geld, um den Rest meines Lebens angenehm zu bewerkstelligen. Ich lebte in einem Landhaus unweit von hier, bis eines Tages ein Athener Bruder vor meinem Tor stand. Er klagte mir sein Leid, verlangte nach einer geringen Summe. Ich zögerte nicht lange und gab sie ihm.“
Er hämmerte nun an dem Konstrukt herum.
„Am selben Abend reflektierte ich und fasste den Entschluss, den Menschen zu vertrauen und meinen Überfluss zu nutzen, um das Elend zu verringern. Natürlich kamen am nächsten Tag schon zwei Bettler, und ich zahlte brav.“
Er nahm den Balken von nebenan und befestigte ihn hoch oben schwebend am Gerüst.
„Dass mit diesem Tag das Leid der Athener nicht beendet war, war wohl abzusehen. In den nächsten Wochen bekundeten unzählige Menschen ihr Leid. Manche von ihnen kamen mir bekannt vor, als ob sie öfter kämen. Letztlich war ich innerhalb von vierzig Tagen bankrott, und all mein Gut war verkauft. Ich zog in eine kleine, selbstgebaute Holzhütte außerhalb der Stadt, um den Menschen endgültig zu helfen.“
Als der letzte Satz ausgesprochen war, knotete er einen Strick am Ende des Querbalkens fest. Der Wanderer erschrak: Timon hatte während des Gesprächs einen Galgen errichtet – einsatzbereit zur Vollstreckung.
„Du baust Galgen über der Stadt, um den Menschen zu helfen?“
„Die Menschen erzählten mir von entsetzlichem Leid. Unzählige Menschen. Ich helfe ihnen zuletzt, indem ich ihnen die Möglichkeit gebe, das Leid zu beenden.“
Der Wanderer fürchtete sich vor dem Lächeln Timons bei diesen Sätzen. Der Galgen stand zwischen ihnen und baumelte leicht im Abendwind. Timon zeigte mit dem Finger zur Seite auf eine nahegelegene Erhöhung. Dort standen ein Dutzend Galgen säuberlich in Reih und Glied. Die Schlingen schauten nonchalant und geduldig über die Stadt. Sie standen zu weit weg, um auszumachen, ob sie derzeit in Benutzung waren, und es ängstigte den Wanderer zu sehr, um genauer hinzuschauen. Jede Schlinge starrte vorwurfsvoll hinab und wartete auf den Nächsten.
Timon stand weiterhin zufrieden und ein wenig stolz neben seinem Werk. Locker, befreit, leicht pfeifend schien er weiterstapfen zu wollen.
„Willst du mir helfen? Dort hinten hängt schon wieder einer. Ich gebe ihm heute Abend ein schönes Grab.“
Der Wanderer schüttelte nur kurz mit dem Kopf und ging flüchtig in die entgegengesetzte Richtung. Seine Gedanken rasten, sein Körper war voller Ekel. Vielleicht war dies das konsequente Ende eines Philanthropen. Sein letztes Geschenk an die Menschheit?
Dem Wanderer fiel während seines ziellosen Hinwegfliehens eine kleine Hütte auf. Es war wohl Timons Hütte. Fest entschlossen trat der Wanderer hinein, schnappte sich einen Stuhl, band einen kurzen Knoten und sprang zielstrebig in sein Ende.
Als Timon am Abend nach Hause kam, sah er den Fremden und schüttelte mit dem Kopf.
„Nichts hast du verstanden, mein Freund.“