Eine Konsequenz des voranschreitenden Transhumanismus?
Ein schwarmintelligenter Schutzmechanismus auf tribaler Ebene zur Bekämpfung antinatalistischer Tendenzen?
Die Spitze der Décadence, die Krönung ultraindividualistischer Zeiten?
Oder – nach Gottes Tod und der Sättigung von Maslows Grundstufen – ein Griff in den Äther der Selbstverwirklichung?
Nichts ist monokausal, und so speist sich auch das Phänomen des Looksmaxxing wohl aus allen der eingangs erwähnten Hypothesen zugleich – wenngleich manche Ursachen stärker wirken als andere.
Es ist ein Marsch vorrangig junger, weißer Männer aus der digitalen Peripherie der Incel-Community. Dieses Treiben jedoch vorschnell als bloße Pathologie oder Verirrung abzutun, greift deutlich zu kurz.
Ursprünglich wohl rein aus Zweckrationalität geboren, ist es – aus Mechanismen, die uns nun einmal zugrunde liegen – zum Kult geworden, ja, wie so vieles, zur Ersatzreligion.
Der Mensch will glauben.
Das Heilsversprechen lautet: to ascend. Daraus folgen Sex und Rang. Die Rituale sind diverser, oft asketisch-masochistischer Natur, das Sakrament: der eigene Körper.
Auch seine Propheten und Prediger kennt diese Bewegung: Oscar Patel, BabyStickley, Clavicular et al.
Es sind im Grunde der Kunst wohlbekannte Archetypen, die in der Wirklichkeit des Lebens bislang unterdrückt waren: Narziss, Dorian Gray, Patrick Bateman. Im Kokon digitaler Algorithmen reiften sie, bis sie in dieser Metamorphose schließlich auch in der realen Welt zu ihren Flügeln fanden.
Dieses pur faustische Streben nach Ästhetik, nach Sinn, ist zutiefst nachvollziehbar in einer Welt wie der unseren – einer Welt, in der Schönheit nicht einmal mehr als Ausnahme, sondern oft genug als Feindbild erscheint.
Es wirkt nur aus heutiger Perspektive absurd, mit allen Mitteln jenen Zweck zu heiligen: einen Standard – und damit einen Status – zu erreichen.
Hat der Mensch nicht seit jeher für Schönheit und den mit ihr einhergehenden Rang geopfert? Ist er nicht in tiefste Meere getaucht für purpurne Gewänder? Ist er nicht für helle Haut durch Bleisalze gestorben, hat sich die Lunge zerrissen für die schönsten Perlen, sich an Goldstaub erstickt, die Knochen zerbersten lassen für das korrekte Maß?
Heute sind daraus eben Crystal Meth für „hollow cheeks“, Testosteronspritzen für den „masculine look“ und verschreibungspflichtige Medikamente für die volle Haarpracht geworden.
Der Mensch ist wieder einmal zum Alchemisten seiner selbst geworden. Alle Mittel sind ihm recht.
Il faut souffrir pour être belle.
Das eigene Fleisch als Marmor, zur Statue geformt. Was die Gymkultur einst als Fundament legte, wird hier konsequent zu Ende gedacht.
Es ist die Aushandlung einer neuen Aristokratie.
Wie einst jeder Recke, der sich mit dem nötigen Mut ausgestattet sah, auszog, den Lindwurm zu erlegen, so kann heute – mit Disziplin und einer gewissen Note selbstverzehrender Opferbereitschaft – Rang erlangt werden: in der Hierarchie des Dating-Marktes, der wohl, wie zahlreiche Statistiken belegen, ein wahres Schlachtfeld ist.
Der Tod durch den Lindwurm: der ewige Incel. Oder – nach genügend Schlägen auf das Jochbein und erweiterter Maxilla – das Hervorlocken der holden Maid aus ihrem Turm.
Der Mann ist statusgetrieben, und manche erkennen die Möglichkeit, einen höheren zu erreichen.
Es ist keine Idiotie, keine Verirrung. Es ist ein strategisches Vorgehen.
Der Halo-Effekt ist real, und gutes Aussehen zählt zu den Variablen mit der stärksten Korrelation zu Erfolg. Das ist Realität.
Ebenso wenig ist es Zufall, dass es sich hierbei um eine Generation und eine Bubble handelt, die mit Videospielen aufgewachsen ist: mit Leveln, Skilltrees und Rankings – mit dem Aufstieg in virtuellen Hierarchien.
Das Leben ist Spiel und Simulation. Zuerst konfrontiert mit der Härte der Simulation, schließen wir vom Spiel auf das Leben.
Das ist das Fatum der Gen Z.
So stirbt auch der letzte Rest konservativer Romantik, und alles verkommt zum reinen Haifischbecken des urbrutal-archaischen Kampfes ums Dasein.
Ein neuer Machiavellismus macht sich breit: kühl, berechnend.
Sind das die Seiltänzer?
Vielleicht.
Sicher ist: Es ist das erste Läuten prätranshumanistischer und posthumaner Zeiten.
For the coming men.